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Rentenmarkt von Draghi überrascht


08.11.13 15:46
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - An den Kapitalmärkten dominiert weiterhin die Geldpolitik der weltweit größten Notenbanken das Geschehen, so die Analysten der Weberbank.

Bei der gestrigen Notenbanksitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) habe Präsident Mario Draghi erneut für Aufregung gesorgt: Mit einer unerwarteten Leitzinssenkung auf das neue Rekordtief von 0,25% habe die EZB nun das Zinsniveau der US-Notenbank erreicht. In einem Umfeld schwacher Konjunkturentwicklung, Höchstwerten in der Arbeitslosenquote und deflationären Gefahren innerhalb der Eurozone habe sich Draghi gesehen, gezwungen entgegenzusteuern.

Die Hoffnung der Notenbanker sei, hierdurch die schwache Kreditvergabe in der Eurozone anzuregen. Diese sei insbesondere in der europäischen Peripherie seit Jahren rückläufig und verhindere eine nachhaltige Erholung in Gesamteuropa. Durch die Zinssenkung könnten die europäischen Finanzinstitute nun noch günstiger an Zentralbankliquidität gelangen und dementsprechend an die Realwirtschaft verleihen.

Eine Folge der schwachen Kreditvergabe sei der kontinuierliche Rückgang der Inflation. Mit einer Rate von 0,7% sei sie auf das tiefste Niveau seit Ende 2009 gefallen. Daher würden die Analysten von der EZB eine weiterhin expansiv ausgerichtete Geldpolitik erwarten und könnten sich mit Blick auf die schwache Gesamtwirtschaft noch weitere stützende Maßnahmen vorstellen.

Im Gegensatz zur EZB sollte die US-Notenbank in den kommenden Monaten den Fuß etwas vom Gaspedal nehmen. Dies sei unter anderem davon abhängig, ob die US-Politiker den Haushaltsstreit erneut würden eskalieren lassen, was sich belastend auf den US-Arbeitsmarkt auswirken würde. Bis zur nächsten Notenbanksitzung im Dezember werde die FED neben wichtigen Konjunkturzahlen ebenfalls zwei Arbeitsmarktberichte in ihre Analyse einbeziehen können.

Die zuletzt veröffentlichten Quartalszahlen aus den USA würden eine sukzessive Verbesserung der Konjunktur ausweisen. Die US-Volkswirtschaft sei nicht nur das zehnte Quartal in Folge gewachsen, sondern habe seit Ende 2012 zunehmend an Dynamik gewinnen können. Dies sei getragen worden von einer stetigen Erholung am Immobilienmarkt, einer anziehenden Industrie und moderaten Konsumausgaben und habe somit im dritten Quartal zu einem annualisierten Wachstum in Höhe von 2,8% geführt.

Die Analysten würden allerdings eine leichte Abschwächung zum Beginn des vierten Quartals erwarten, verursacht durch die Schließung zahlreicher US-Behörden und die Haushaltsstreitigkeiten im vergangenen Monat. Dementsprechend sollten der Beschäftigungsaufbau und die Investitionen im Oktober etwas ins Stocken geraten sein.

Von der EZB-Entscheidung positiv beeinflusst, habe der europäische Rentenmarkt die Erholungsbewegung, die im September begonnen worden sei, fortgesetzt. Die Zinsmärkte hätten bereits im Vorfeld der Notenbanksitzung von überraschend niedrigen Inflationszahlen profitieren können, die aufgrund anhaltend schwacher Energiepreise und rückläufiger Importpreise sogar noch etwas weiter zurückgehen könnten. Die Zinssenkung bestätige dies nun und stabilisiere den seit 2011 anhaltenden Seitwärtstrend am deutschen Rentenmarkt.

Ein anhaltend niedriges Zinsniveau sei aus Sicht der Analysten möglich, da weitere quantitative Maßnahmen abseits der Leitzinsen, wie z.B. direkte Anleihenkäufe, denkbar seien. Neue Rekordtiefs würden allerdings unwahrscheinlich erscheinen, da der "Flucht in den sicheren Hafen"-Effekt mit der Beruhigung in der europäischen Schuldenkrise aktuell nicht akut erscheine.

Unter diesen Voraussetzungen würden die Analysten empfehlen, weiterhin im europäischen Rentenmarkt investiert zu bleiben und von nach Erachten der Analysten weiterhin rückläufigen Risikoprämien europäischer Unternehmen zu profitieren. Dies könne direkt durch Engagements in Unternehmensanleihen und unter Beimischung von Wandelanleihen umgesetzt werden.

Der deutsche Aktienmarkt erlebe ein regelrechtes Kursfeuerwerk und eile von einem neuen Allzeithoch zum nächsten. Obwohl die aktuell laufende Berichtssaison bisher verhalten ausgefallen sei, hätten die deutschen Aktien an ihrem positiven Momentum festgehalten und außerordentlich freudig auf die lockere Geldpolitik der EZB reagiert. Gemessen am historischen Kurs/Gewinn-Verhältnis, sei der DAX trotz des deutlichen Kursanstiegs in den vergangenen Wochen weiterhin attraktiv bewertet.

Auch vonseiten der Charttechnik würden die Analysten den deutschen Aktienmarkt weiterhin unterstützt sehen. Die asiatischen Aktienmärkte würden in den kommenden Tagen gespannt auf die chinesische Politelite blicken. Mit hohen Erwartungen finde sich am Wochenende das Zentralkomitee zur dritten Plenarsitzung zusammen und debattiere über die künftige Ausrichtung der chinesischen Wirtschaftspolitik. Sollten tatsächlich weitreichende Reformen beschlossen werden, könnte sich dies auf die ganze Region auswirken. (08.11.2013/alc/a/a)