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Rentenmarkt: Niedrigzinsumfeld setzt sich fort


22.11.13 09:16
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Stellen Sie sich vor, es herrscht Deflation, und keiner kriegt es mit. Befragt man breite Kreise der Bevölkerung nach ihrem persönlichen Inflationsempfinden, wäre das Signal eindeutig: Alles wird teurer, und somit haben wir Inflation, so die Analysten der Weberbank.

Blicke man auf die offiziellen Zahlen der nationalen Statistikbehörden in Europa, so zeige sich jedoch ein anderes Bild: Hier seien in einigen Ländern der Eurozone sogar deflationäre Tendenzen zu verzeichnen. In allen Ländern sei die Teuerungsrate jedoch rückläufig und liege insgesamt unter der Ein-Prozent-Marke. Wie passe das Bild zusammen, sinkende Inflationsraten und trotzdem gefühlte Inflation?

Ein Blick auf die Details der Inflationsberechnung sorge hier für Aufklärung: Vor allem die Kosten, die der Verbraucher täglich wahrnehme, seien überdurchschnittlich gestiegen. Dazu würden u.a. Wohnen und Lebensmittel zählen. Die Energiepreise hingegen, die den größten Block in der Berechnungsmethodik ausmachen würden und ebenfalls stark vom Verbraucher wahrgenommen würden, seien gegenüber dem Vorjahr rückläufig. Auch die gesunkenen Lohnniveaus in Südeuropa würden die Preisentwicklung bremsen.

Die EZB habe den Preistrend klar als Gefahr ausgemacht und mit der letzten Zinssenkung gegengesteuert. Die Angst vor einem Japan-Szenario in der Eurozone mit langfristig rückläufigen Preisen und einem unterdurchschnittlichen Wirtschaftswachstum sei vorhanden. Es werde jedoch nicht ausreichen, die Zinsen zu senken, da der klassische Geldkreislauf noch immer gestört sei. Es seien also weitere Schritte seitens der EZB erforderlich, um den Preistrend zu stoppen. Für den Renteninvestor setze sich das Niedrigzinsumfeld fort, und durch die rückläufige Inflationsentwicklung bleibe von den Zinsen nach Abzug der Inflation auch wieder etwas übrig. Das sei in den zurückliegenden Jahren nicht immer so gewesen. Die Chancen seien allerdings begrenzt, da sowohl das Renditeniveau als auch der Risikoaufschlag beispielsweise für Unternehmensanleihen gering sei.

Die Kapitalmärkte würden nach wie vor sehr intensiv an den Lippen der amerikanischen Wirtschaftsstatistiker und Notenbanker hängen. Jede noch so kleine Äußerung werde intensiv analysiert und interpretiert. Das allseits beherrschende Thema sei weiterhin der Beginn der Rückführung des Kaufprogramms der amerikanischen Notenbank (FED). Paradox, aber es gehe tatsächlich nur um die langsame Reduzierung der monatlichen Wertpapierkäufe. Es werde weder in Frage gestellt, ob überhaupt weiter gekauft werde, noch ob das Leitzinsniveau weiterhin angemessen sei.

Die Liquiditätsversorgung werde in den nächsten Jahren hoch bleiben, um die Spätfolgen der Finanzkrise zu heilen - daran bestehe kein Zweifel. Die Steigerungsrate werde jedoch mit zunehmender Konjunkturerholung langsam zurückgefahren werden müssen. Der "Normalzustand" wird sonst nur noch schwer wieder herzustellen sein. Zuletzt sei die Wahrscheinlichkeit für den Beginn der Rückführung in diesem Jahr bzw. am Anfang des kommenden Jahres wieder gestiegen.

Die amerikanischen Arbeitsmarktdaten seien überraschend positiv ausgefallen und die Stimmung in der Industrie sei trotz der Beeinträchtigungen im Oktober durch den US-Haushaltsstreit anhaltend gut. Es würden sich somit die positiven Wirtschaftsindikatoren mehren und es deute sich eine robuste US-Konjunkturentwicklung an.

Die Aktienmärkte hätten ihren Aufwärtskurs beibehalten und in den zurückliegenden Tagen neue Höchststände erklimmen können. Das Tempo sei auf Dauer sicher schwer aufrechtzuerhalten. Eine Verschnaufpause sei durchaus angebracht. Die letzte nennenswerte Korrektur habe im Sommer stattgefunden. Seitdem habe der DAX ca. 20 Prozent zugelegt. Die Kurs/Gewinn-Verhältnisse seien fast im gleichen Maße angestiegen, da die Gewinnentwicklung bei den Unternehmen noch schwach verlaufe. Die erreichten Bewertungsniveaus seien aber, anders als von einigen Marktteilnehmern postuliert, noch nicht überhöht. Mit einer Belebung der europäischen Konjunktur im kommenden Jahr und damit einhergehend anziehenden Gewinnen auf Unternehmensebene seien weitere Kurszuwächse möglich.

In den USA habe sich in den letzten Jahren ein Trend zu Aktienrückkaufprogrammen entwickelt, der maßgeblich zur Verstetigung der Gewinnausweise der Firmen beigetragen habe. Die Unternehmen würden eigene Aktien zurückkaufen und dadurch den Gewinn pro Aktie erhöhen, da der gleiche Gewinn nun auf weniger Aktien aufgeteilt werde. In den zurückliegenden 12 Monaten seien allein ca. drei Prozent der Marktkapitalisierung des S&P 500 Index zurückgekauft worden. Gut 50 Prozent des Gewinnanstiegs pro Aktie seien derzeit dadurch erklärt. Natürlich sei dieser Effekt nicht dauerhaft auf diesem Niveau abzubilden. Reale Gewinnzuwächse seien langfristig wichtiger und könnten sich durch eine Konjunkturbelebung im kommenden Jahr andeuten. (22.11.2013/alc/a/a)