Rentenmarkt Angst vor Hellas


08.03.12 13:16
Baader Bank

Unterschleissheim (www.anleihencheck.de) - Freiwillige Umschuldung oder zwangsweise Umschuldung? Das ist hier die Frage, die nicht nur Investoren bewegt, so Klaus Stopp, Leiter der Skontroführung Renten bei der Baader Bank.

Die privaten Anleihen-Gläubiger müssten bis heute (21:00 Uhr MEZ) entscheiden, ob sie dem Umtausch zustimmen und damit auf Forderungen im Gesamtvolumen von rund 107 Milliarden Euro verzichten würden. Griechenland habe Anleihen nach griechischem Recht für nominal 177 Mrd. EUR begeben. Um den Sanierungsbeitrag in Höhe von 107 Mrd. EUR zu erreichen, müssten 90 Prozent der Gläubiger das Umtausch-Angebot annehmen. Dies habe Athen allerdings zur Bedingung gemacht. Während die Troika, bestehend aus der Euro-Gruppe, der Europäischen Zentralbank (EZB) sowie dem Internationalen Währungsfonds (IWF), bezweifle, dass es zu einem freiwilligen Umtausch komme, herrsche in Griechenland noch (Zweck)-Optimismus.

Für Experten sei es klar, dass die Umtauschquote von angestrebten 90 Prozent nicht erreicht werden könne. Damit dürften die nachträglichen Zwangsklauseln (so genannte Collective Action Clauses, CACs) aktiviert werden. Die Bereitschaft zu einer solchen Lösung sei bereits vom griechischen Finanzminister Venizelos in Aussicht gestellt worden. Denn die zwölf privaten Anleger, die bei den Verhandlungen mit den EU-Finanzministern und Griechenland dem Umtauschangebot zugestimmt hätten, würden nur 20% der ausstehenden Bonds halten. Damit nicht genug, denn bei dem Gläubigervotum müssten mindestens die Hälfte des betroffenen Kapitals (88,5 Mrd. EUR) vertreten sein und die davon notwendige Zweidrittelmehrheit würde bei 59 Mrd. EUR erreicht werden.

Das bedeute aber zugleich, dass ein Drittel der Gläubiger (29,5 Mrd. EUR) einen Umtausch wiederum blockieren könnte. Diese Sicht gelte nur für das Minimumszenario. Sollten sogar alle 177 Mrd. EUR bei dem Gläubigervotum vertreten sein, so würden sich die Summen deutlich erhöhen. Die Zweidrittelmehrheit bei dem Maximumszenario betrage 118 Mrd. EUR. Und hier würden nun die Spekulationen und Verschwörungstheorien beginnen. Eines sollte allerdings allen Beteiligten klar sein: Die Alternative im Falle des Scheiterns heiße ungeordneter Zahlungsausfall und das mit allen finanziellen Unabwägbarkeiten.

Bereits in der letzten Woche sei die Entscheidung des Ausschusses der International Swaps and Derivatives Association (ISDA) entgegen den Erwartungen ausgefallen, dass auch im Falle einer Zustimmung der privaten Anleger zur freiwilligen Umschuldung die Credit Default Swaps (CDS), also die genannten Kontrakte, mit denen sich Marktteilnehmer gegen den Ausfall des Schuldners Griechenland versichern könnten, nicht ausgezahlt würden. Diese Kreditausfallversicherung werde nicht automatisch fällig, sondern der Ausschuss des ISDA müsse nach Stellen eines Antrags darüber beschließen. Nach deren Auffassung liege kein entsprechendes Kreditereignis (Credit Restructuring Event) vor. Nicht zu Unrecht würden sich nun die Marktteilnehmer fragen, wann diese Kreditausfallversicherungen dann fällig würden, wenn nicht jetzt.

Für Experten sei die Entscheidung der ISDA ein Präzedenzfall. Sollte sich an den Märkten die Überzeugung durchsetzen, dass CDS im Ernstfall nicht ausgelöst würden, würden sie ihren Zweck nicht mehr erfüllen. Damit könnten professionelle Anleger sich nicht mehr gegen einen Kreditausfall absichern. Eine Folge könnte eine Flucht aus dem Markt für Staatsanleihen sein. Übrigens würden Fondsmanager interessiert diese Diskussionen beobachten, denn sie würden als Sicherungsgeber für Marktteilnehmer fungieren und dadurch Zusatzeinnahmen in Zeiten magerer Zinserträge generieren.

Die Europäische Zentralbank (EZB) habe auf ihrer letzten Sitzung keine weiteren Schritte zur Stabilisierung der Eurozone unternommen und werde auch auf der heutigen Sitzung des Zentralbankrats den Leitzins auf dem niedrigen Niveau von 1,0% halten. Nach dem Dreijahrestender von mehr als 500 Mrd. Euro gehe man davon aus, dass die Märkte ausreichend mit Liquidität versorgt seien. Doch das müsse nicht immer so bleiben. Skeptiker würden es durchaus für möglich halten, dass die EZB ihren Leitzins im dritten Quartal auf 0,5% senken werde, sollte Griechenland nach der Wahl im April tatsächlich aus der gemeinsamen Währung austreten und das Konstrukt der Finanzbranche ins Wanken geraten. Somit habe sich die EZB selbst eine Pause verordnet und tue gut daran, sich auf die neuen Herausforderungen einzustellen. Denn diese würden kommen.

Die Geldpolitik sei weiterhin eher als eine Politik mit Geld zu verstehen. Somit entstehe die nächste Blase. Liquidität sei genügend vorhanden und diese suche nach Anlagemöglichkeiten. Wie ausufernd die Geschäftspraxis der Notenbanken geworden sei, zeige ein Blick in die Target2-Forderungen. Alleine bei der Deutschen Bundesbank hätten sich diese Forderungen per 29. Februar 2012 auf 547 Mrd. EUR summiert. Das seien 70,6% mehr als noch vor einem Jahr. Und die Zuwachsraten würden von Monat zu Monat ansteigen. Die dadurch ausgelösten Diskussionen über eine Begrenzung der Target2-Kredite scheine aktuell aber kein Gehör bei den EZB-Vertretern zu finden. Die Gefahren würden verniedlicht und Europa saniere sich nicht zuletzt über Inflation und eine schwache Währung zulasten der Schwellenländer. Viele Marktbeobachter würden bereits heute von einer Art Währungskrieg sprechen.

Mit Ausnahme von Großbritannien und Tschechien hätten alle EU-Staaten auf dem Frühjahrsgipfel den Fiskalpakt unterzeichnet. Dies sei ein erster Schritt zu mehr Zuverlässigkeit, nun müsse aber noch die nationale Umsetzung folgen. Dies sei zur Vermeidung neuer Schuldenkrisen unumgänglich und müsse auch entsprechend gelebt werden. Von reinen Lippenbekenntnissen habe Europa wenig, denn hinter diesen sinnvollen Beschränkungen verberge sich eine Chance für Europa. Andere Staaten wie USA und Japan würden hinterherhinken. Somit könne man sogar von einer historischen Chance sprechen, den Staatshaushalt auf niedrigem Niveau zu konsolidieren und zu sanieren. Allerdings mache die Tatsache, dass Spanien bereits kurz nach der feierlichen Unterzeichnung die verschärfte Haushaltsdisziplin für nicht erreichbar erklärt habe, wenig Mut für die Zukunft. Dennoch gelte es nicht müde zu werden und den Weg weiter zu beschreiten.

Trotz der nicht gelösten Griechenlandfrage und der damit verbundenen Verunsicherung der Investoren hätten sich einige Unternehmen an den Kapitalmarkt gewagt. So sei unter anderem der französische Einzelhandelskonzern Casino Guichard-Perrachon am Primärmarkt mit 600 Mio. EUR aktiv geworden. Die Anleihe werde mit jährlich 4,00% verzinst und in 2020 zurückbezahlt. Das Unternehmen werde mit BBB- benotet.

Auch der finnisch-schwedische Papier- und Verpackungshersteller Stora Enso habe die noch positive Stimmung Ende letzter Woche nutzen können, um 500 Mio. EUR frisches Kapital einzusammeln. Das Unternehmen sei mit der Note Ba2 ausgestattet. Somit handle es sich um einen Non-Investmentgrade "High Yield" Bond. Die "Ramschanleihe" verzinse sich mit 5,5% und werde in 2019 getilgt.

Besonders interessant gewesen seien aber aus deutscher Sicht zwei Emissionen: Erstens die neue Anleihe von HeidelbergerCement (ISIN DE0006047004/ WKN 604700). Die Altemissionen seien in den letzten Wochen sehr gefragt gewesen. Dadurch habe sich das Unternehmen im aktuellen Marktumfeld günstiger refinanzieren können und den Investoren lediglich eine jährliche Verzinsung von 4% bieten müssen, um erfolgreich 300 Mio. EUR zu platzieren. Dennoch sei der Bond vergleichsweise zu teuer gepreist worden und notiere mittlerweile unter dem Ausgabekurs.

Und zweitens sei der Maschinen- und Fahrzeugbaukonzern MAN SE (ISIN DE0005937007/ WKN 593700) erstmals seit drei Jahren wieder am Anleihemarkt tätig geworden. Das Unternehmen habe problemlos 750 Mio. EUR zu einem Zinssatz von 2,125% platziert. Die Rückzahlung erfolge in 2017 und das Rating betrage A3.

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