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Rentenmärkte unter dem Eindruck massivster US-Anleiheankäufe
27.03.20 08:30
Hamburg Commercial Bank
Hamburg (www.anleihencheck.de) - Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank, stellt sich die Frage, ob die Märkte wieder Mut fassen.
Die Rentenmärkte seien für die Beantwortung dieser Frage angesichts der massiven Interventionen der Notenbanken, insbesondere der FED, kein guter Gradmesser mehr. Die FED habe nämlich in den vergangenen Tagen täglich (!) 75 Mrd. US-Dollar an Treasuries angekauft. Die Tatsache, dass sich bei diesem Volumen, das die FED während der QE-Programme in etwa monatlich angekauft habe, die Renditen nicht stark bewegt hätten, unterstreiche den massiven Liquiditätsbedarf, mit dem vor allem der reale Sektor konfrontiert sei. Bei den Aktienmärkten falle die Antwort etwas eindeutiger aus. Hier seien die Kurse mehrere Tage hintereinander gestiegen, basierend auf der Hoffnung, dass das nahezu unterschriftsreife Zwei-Billionen-Fiskalpaket der USA zusammen mit weiteren stützenden Maßnahmen der FED einen Boden unter den Konjunktureinbruch einziehen könne.
Ob diese Hoffnung zum jetzigen Zeitpunkt gerechtfertigt sei, bleibe unklar. Denn an der derzeit wichtigsten Front, der medizinischen, lasse sich vor allem eines beobachten: Ein Anstieg der Todesfälle in den USA auf über 1.000, was einer Versechsfachung der Fälle gegenüber der Vorwoche bedeutet. Bei den Infektionen lägen die USA weltweit mittlerweile an dritter Stelle, hinter China und Italien. Mit 69.194 Fällen habe sich die Zahl in einer Woche versiebenfacht. Vor diesem Hintergrund könnte es schwierig werden, dem Wunsch von Präsident Trump nachzukommen, bis Ostern die Shutdowns wieder aufzuheben. Gleichzeitig kämen laufend Konjunkturdaten herein, die das Ausmaß des ökonomischen Schadens verdeutlichen würden. So seien beispielsweise die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe von 282.000 auf 3.283.000 gestiegen, also um rund 3 Millionen Personen. Anders als in Deutschland sei das Instrument der Kurzarbeit in den USA weitestgehend unbekannt.
Auch in der Eurozone würden immer mehr Datenpunkte den Einbruch in der wirtschaftlichen Aktivität dokumentieren. In Deutschland sei der ifo-Index in praktisch allen Sektoren massiv unter Druck geraten, das Konsumentenvertrauen von 8,3 im Vormonat auf 2,7 Punkte gefallen. Im Januar habe der Index noch bei 9,7 Punkten gelegen. Derweil würden die PMI-Indikatoren für die Eurozone ganz besonders für den Dienstleistungssektor ein extrem negatives Bild zeigen. Die Indikatoren für das Verarbeitende Gewerbe nähmen sich demgegenüber noch geradezu stabil aus, wenngleich auch sie kräftig gefallen seien. Es sei davon auszugehen, dass über weite Teile des letzten Befragungsmonats die globalen Wertschöpfungsketten noch einigermaßen funktioniert hätten und das Stimmungsbild damit im Durchschnitt zu positiv gezeichnet worden sei. Hier sei der Boden sicherlich noch nicht erreicht worden.
Darüber hinaus sei die Frage zu stellen, wie effektiv die Fiskalpakete in Deutschland und den USA sein würden, um die wirtschaftliche Lage zu stabilisieren. Das deutsche Fiskalpaket umfasse, wenn man den Nachtragshaushalt von 156 Mrd. Euro, den Wirtschaftsstabilisierungfonds von 600 Mrd. Euro und die bis zu 90% garantierten Kredithilfen der Kreditanstalt für Wiederaufbau in Höhe von bis zu 1060 Mrd. Euro berücksichtige, etwa 50% (!) des BIP. Dagegen nehme sich das Paket aus den USA in Höhe von 2 Billionen US-Dollar insofern klein aus, als es damit nur 10% des BIP entspreche. Man sollte zwar nicht die Maßnahmen der FED unterschlagen, da die FED teilweise auch Kredite an Unternehmen im Volumen von 300 Mrd. US-Dollar auszureichen gedenke. In der Summe scheine das Paket aber angesichts der historischen Herausforderung zu klein zu sein, um schon zum jetzigen Zeitpunkt Hoffnung auf eine baldige Erholung zu setzen.
In der Eurozone habe man sich derweil darauf geeinigt, im Notfall den Euro-Rettungsfonds ESM einzusetzen, und zwar in Form eine Kreditlinie in Höhe von 2% des BIP, die im Notfall abgerufen werden könne. Gleichzeitig scheine die Europäische Zentralbank (EZB) bereit zu sein, das Instrument der Outright Monetary Transactions (OMT) einzusetzen, also länderspezifische Anleiheankäufe. Hier sei natürlich Italien der so genannte Elefant im Raum. Klar sollte sein, dass eine Kreditlinie von 2% des BIP nicht ausreiche und man eigentlich noch ein anderes Instrument benötige, etwa Eurobonds. Dafür hätten sich Italien und Frankreich zusammen mit sechs weiteren Euroländern ausgesprochen. Deutschland, Niederlande und Finnland würden sich gegen ein derartiges Vorhaben wehren. Derzeit lasse man Italiens Wirtschaft ins Bodenlose fallen, denn mit einem dortigen Fiskalpaket von 1,4% des BIP könne nichts Spürbares gegen diese Krise ausgerichtet werden. Bleibe man hier untätig, werde sich das auf die wirtschaftliche Lage der gesamten Eurozone, inklusive Deutschland, niederschlagen.
In den nächsten Tagen komme es darauf an, die Corona-Entwicklung unter anderem in Deutschland und den USA zu beobachten und auf Zeichen einer Stabilisierung zu achten. Diese sei vermutlich zunächst für Deutschland zu erwarten, wo mit einer gewissen Verzögerung die Effekte der Eingriffe in das gesellschaftliche Leben sichtbar werden sollten.
In den kommenden Tagen würden weitere Stimmungsindices, darunter das Michigan-Konsumentenvertrauen aus den USA und die PMI-Indikatoren aus Italien und Spanien, das düstere Konjunkturbild vervollständigen. Besondere Aufmerksamkeit verdiene zudem der Arbeitsmarktbericht aus den USA, wo ein deutlicher Anstieg der Arbeitslosenrate und ein Rückgang der Beschäftigung zu erwarten sei. Möglicherweise werde die US-Regierung bald schon darüber beraten, ob beim Fiskalpaket nicht doch noch nachgebessert werden müsse. (Ausgabe vom 26.03.2020) (27.03.2020/alc/a/a)
Offenlegung von möglichen Interessenskonflikten:
Das Wertpapierdienstleistungsunternehmen oder ein mit ihm verbundenes Unternehmen betreuen die analysierte Gesellschaft am Markt. Weitere mögliche Interessenskonflikte können Sie auf der Site des Erstellers/ der Quelle der Analyse einsehen.
Die Rentenmärkte seien für die Beantwortung dieser Frage angesichts der massiven Interventionen der Notenbanken, insbesondere der FED, kein guter Gradmesser mehr. Die FED habe nämlich in den vergangenen Tagen täglich (!) 75 Mrd. US-Dollar an Treasuries angekauft. Die Tatsache, dass sich bei diesem Volumen, das die FED während der QE-Programme in etwa monatlich angekauft habe, die Renditen nicht stark bewegt hätten, unterstreiche den massiven Liquiditätsbedarf, mit dem vor allem der reale Sektor konfrontiert sei. Bei den Aktienmärkten falle die Antwort etwas eindeutiger aus. Hier seien die Kurse mehrere Tage hintereinander gestiegen, basierend auf der Hoffnung, dass das nahezu unterschriftsreife Zwei-Billionen-Fiskalpaket der USA zusammen mit weiteren stützenden Maßnahmen der FED einen Boden unter den Konjunktureinbruch einziehen könne.
Ob diese Hoffnung zum jetzigen Zeitpunkt gerechtfertigt sei, bleibe unklar. Denn an der derzeit wichtigsten Front, der medizinischen, lasse sich vor allem eines beobachten: Ein Anstieg der Todesfälle in den USA auf über 1.000, was einer Versechsfachung der Fälle gegenüber der Vorwoche bedeutet. Bei den Infektionen lägen die USA weltweit mittlerweile an dritter Stelle, hinter China und Italien. Mit 69.194 Fällen habe sich die Zahl in einer Woche versiebenfacht. Vor diesem Hintergrund könnte es schwierig werden, dem Wunsch von Präsident Trump nachzukommen, bis Ostern die Shutdowns wieder aufzuheben. Gleichzeitig kämen laufend Konjunkturdaten herein, die das Ausmaß des ökonomischen Schadens verdeutlichen würden. So seien beispielsweise die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe von 282.000 auf 3.283.000 gestiegen, also um rund 3 Millionen Personen. Anders als in Deutschland sei das Instrument der Kurzarbeit in den USA weitestgehend unbekannt.
Auch in der Eurozone würden immer mehr Datenpunkte den Einbruch in der wirtschaftlichen Aktivität dokumentieren. In Deutschland sei der ifo-Index in praktisch allen Sektoren massiv unter Druck geraten, das Konsumentenvertrauen von 8,3 im Vormonat auf 2,7 Punkte gefallen. Im Januar habe der Index noch bei 9,7 Punkten gelegen. Derweil würden die PMI-Indikatoren für die Eurozone ganz besonders für den Dienstleistungssektor ein extrem negatives Bild zeigen. Die Indikatoren für das Verarbeitende Gewerbe nähmen sich demgegenüber noch geradezu stabil aus, wenngleich auch sie kräftig gefallen seien. Es sei davon auszugehen, dass über weite Teile des letzten Befragungsmonats die globalen Wertschöpfungsketten noch einigermaßen funktioniert hätten und das Stimmungsbild damit im Durchschnitt zu positiv gezeichnet worden sei. Hier sei der Boden sicherlich noch nicht erreicht worden.
In der Eurozone habe man sich derweil darauf geeinigt, im Notfall den Euro-Rettungsfonds ESM einzusetzen, und zwar in Form eine Kreditlinie in Höhe von 2% des BIP, die im Notfall abgerufen werden könne. Gleichzeitig scheine die Europäische Zentralbank (EZB) bereit zu sein, das Instrument der Outright Monetary Transactions (OMT) einzusetzen, also länderspezifische Anleiheankäufe. Hier sei natürlich Italien der so genannte Elefant im Raum. Klar sollte sein, dass eine Kreditlinie von 2% des BIP nicht ausreiche und man eigentlich noch ein anderes Instrument benötige, etwa Eurobonds. Dafür hätten sich Italien und Frankreich zusammen mit sechs weiteren Euroländern ausgesprochen. Deutschland, Niederlande und Finnland würden sich gegen ein derartiges Vorhaben wehren. Derzeit lasse man Italiens Wirtschaft ins Bodenlose fallen, denn mit einem dortigen Fiskalpaket von 1,4% des BIP könne nichts Spürbares gegen diese Krise ausgerichtet werden. Bleibe man hier untätig, werde sich das auf die wirtschaftliche Lage der gesamten Eurozone, inklusive Deutschland, niederschlagen.
In den nächsten Tagen komme es darauf an, die Corona-Entwicklung unter anderem in Deutschland und den USA zu beobachten und auf Zeichen einer Stabilisierung zu achten. Diese sei vermutlich zunächst für Deutschland zu erwarten, wo mit einer gewissen Verzögerung die Effekte der Eingriffe in das gesellschaftliche Leben sichtbar werden sollten.
In den kommenden Tagen würden weitere Stimmungsindices, darunter das Michigan-Konsumentenvertrauen aus den USA und die PMI-Indikatoren aus Italien und Spanien, das düstere Konjunkturbild vervollständigen. Besondere Aufmerksamkeit verdiene zudem der Arbeitsmarktbericht aus den USA, wo ein deutlicher Anstieg der Arbeitslosenrate und ein Rückgang der Beschäftigung zu erwarten sei. Möglicherweise werde die US-Regierung bald schon darüber beraten, ob beim Fiskalpaket nicht doch noch nachgebessert werden müsse. (Ausgabe vom 26.03.2020) (27.03.2020/alc/a/a)
Offenlegung von möglichen Interessenskonflikten:
Das Wertpapierdienstleistungsunternehmen oder ein mit ihm verbundenes Unternehmen betreuen die analysierte Gesellschaft am Markt. Weitere mögliche Interessenskonflikte können Sie auf der Site des Erstellers/ der Quelle der Analyse einsehen.


