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Rentenmärkte: Vor einer Lohn-Preis-Spirale?


28.04.22 16:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen der Staatsanleihen sind in den vergangenen Tagen wieder zurückgegangen, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Die zehnjährigen Bunds würden derzeit bei 0,82% rentieren, die entsprechenden T-Notes 200 Basispunkte höher bei 2,82%. Dieser Rückgang sei in einem Umfeld sinkender Aktienkurse und somit steigender Risikoaversion geschehen, bedingt durch teilweise enttäuschende Unternehmenszahlen aus den USA. Heute (28.04.) scheine sich das Bild wieder etwas aufzuhellen, auch wenn die Risiken für die Weltwirtschaft eher gestiegen als gesunken seien.

Denn die Entscheidung Russlands, Polen und Bulgarien kein Erdgas mehr zu liefern, wecke die berechtigte Befürchtung eines solchen Schrittes für die restliche EU. Vordergründig werde der Schritt damit begründet, dass sich Polen (und wohl auch Bulgarien) geweigert hätten, der Forderung Russlands nachzukommen, bei der Transaktionsbank neben einem Euro-Konto auch ein Rubel-Konto einzurichten. Letztlich sei es eine politische Entscheidung Russlands, diesen Gaslieferstopp durchzusetzen. Möglicherweise sei dies vor dem Hintergrund eines näher rückenden Erdölembargos durch die EU geschehen, nachdem Wirtschaftsminister Robert Habeck festgestellt habe, dass Deutschland einen Stopp von russischen Erdöllieferungen gut handhaben könnte. Nur noch 12% der Erdölimporte Deutschlands würden aus Russland stammen.

Der nächste Zahltermin des größten deutschen Erdgasimporteurs russischen Erdgases, Uniper, sei Ende Mai. Uniper sei offensichtlich bereit, neben dem Euro-Konto auch ein auf Rubel lautendes Konto bei der Gazprombank einzurichten. Aber das sei sicherlich keine Garantie dafür, dass Russland diesen Zahltermin nicht dennoch zum Anlass nehme, die Lieferungen einzustellen. Unmittelbar wäre das vermutlich nur mit geringen wirtschaftlichen Auswirkungen verbunden, da die Lagerbestände in Deutschland zu 34% gefüllt seien. Kritisch würde es zum Herbst bzw. Winter werden, wenn bis dahin nicht sichergestellt sei, wie insbesondere die Chemieunternehmen mit ausreichend Erdgas versorgt würden.

Die Chemieunternehmen seien von einem möglichen Erdgasstopp besonders betroffen. Daher habe die IG Bergbau, Chemie und Energie im April einen vorläufigen recht vorsichtigen Tarifvertrag ausgehandelt, bei dem man zunächst nur eine Einmalzahlung vereinbart habe und über eine dauerhafte Lohnerhöhung später im Jahr verhandeln werde. Bei der IG-Metall sei man dazu scheinbar nicht bereit. Hier habe die Gewerkschaft eine Lohnerhöhung von 8,2% für die 76.000 Beschäftigten der Stahlindustrie in den Raum gestellt. Mitte Mai würden die offiziellen Gespräche beginnen. Die Gewerkschaft sei zwar klein, aber der Abschluss könne Signalwirkung für die fast 4 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie haben, die wohl noch vor dem Sommer eine Forderung auf den Tisch legen würden. Je nach Ergebnis würde im Kontext der Inflationsdebatte die Diskussion über eine Lohn-Preis-Spirale Fahrt aufnehmen oder an Brisanz verlieren.

Derweil habe die Bundesregierung ein Entlastungspaket geschnürt, um die höheren Energiepreise abzufedern. Insgesamt umfasse das Paket, das unter anderem Pauschalzahlungen, temporäre Steuersenkungen für Benzin und Diesel und ÖPNV-Tickets für 9 Euro pro Monat vorsehe, rund 20 Mrd. Euro. Das seien 0,6% des BIP und somit eine gewisse Stütze für die Konjunktur und vor allem den privaten Konsum.

Datenseitig sei morgen (29.04.) auf die Schnellschätzung der Inflation für die Eurozone zu achten. Bekannt sei bereits, dass die Inflation in Spanien deutlich zurückgegangen, in Deutschland aber konstant geblieben sei. Ansonsten sei auf die PMI-Einkaufsmanagerindices zu achten, wo ein erster Schwung in der kommenden Woche veröffentlicht werde (04.05. und 05.05.). Und dann sei da natürlich noch die FED-Sitzung (04.05.), wo eine Zinsanhebung um 50 BP zu erwarten sei. (28.04.2022/alc/a/a)