Erweiterte Funktionen

Rentenmärkte: Verzweifelte Jagd nach Liquidität treibt Renditen nach oben


20.03.20 09:45
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - An den Rentenmärkten geht es weiterhin verrückt zu, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Wir hatten bereits in der letzten Woche festgestellt, dass Cash King ist und Jagd nach Liquidität die Renditen der Bunds und der Treasuries nach oben treibt, bei gleichzeitig massiv fallenden Aktienkursen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. Dieser Trend habe sich noch verstärkt. T-Notes Renditen lägen im zehnjährigen Bereich bei 1,17%, nachdem sie auf Tagesschlusskursbasis am 09.03. bei 0,54% ihr Allzeittief gesehen hätten. Bei Bunds sei die Rendite von -0,85% auf -0,25% gestiegen, während der DAX in den letzten Tagen seinen freien Fall fortgesetzt habe. In diesem Umfeld seien außerdem die Risikoprämien für Peripherieländer kräftig gestiegen, Italiens zehnjährige Anleihen würden etwa 2,47% über den entsprechenden Bunds rentieren, Anfang März habe dieser Wert noch etwa 100 BP darunter gelegen.

Die EZB habe in einer Sondersitzung vorgestern Nacht darauf reagiert und ein Anleiheankaufprogramm im Volumen von 750 Mrd. Euro angekündigt. Es nenne sich Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP). Staatsanleihen, Corporate Bonds und Covered Bonds sollten gekauft werden. Es würden auch Commercial Paper von Nicht-Finanzunternehmen angekauft, außerdem würden, ähnlich wie während der Finanzmarktkrise, die Bedingungen für einzureichende Sicherheiten aufgeweicht. Dazu passe, dass die EZB nunmehr auch griechische Anleihen ankaufe, was bislang aufgrund der schwachen Bonität des Landes nicht erlaubt gewesen sei.

Gehe man davon aus, dass diese Käufe bis zum Jahresende gehen würden, dann würde das ein durchschnittliches Ankaufvolumen von rund 115 Mrd. Euro pro Monat bedeuten. Denn die 750 Mrd. Euro kämen noch hinzu zu dem bestehenden Ankaufvolumen von 20 Mrd. Euro pro Monat und den 120 Mrd. Euro, die man bei der letzten Sitzung angekündigt habe. Die Notenbank habe Flexibilität angekündigt, d.h. wenn man jetzt besonders viele italienische Anleihen kaufe und später das Tempo dann drossele, sei das vereinbar mit den bisherigen Regeln. Der EZB stehe es also frei weniger oder mehr in einem Monat zu kaufen. Die 750 Mrd. Euro würden keine Obergrenze bilden. Sollten die 750 Mrd. Euro überschritten werden, müsste allerdings über neue Ankaufregeln nachgedacht werden.

Helfe das Programm? Es sollte helfen, die Spreads wieder unter Kontrolle zu bringen, und es sei gut, dass man schnell reagiere und die Wirtschaftspolitik nicht auch noch an dieser Front Feuer löschen müsse. Es könne allerdings nicht die Rezession verhindern, sondern nur verhindern, dass diese nicht noch tiefer und länger ausfalle.

Mindestens ebenso wichtig wie das Paket der EZB sei das am Ende der vergangenen Woche von der Bundesregierung angekündigte "Schutzschild". Es sehe Liquiditätshilfen durch die KfW vor und habe trotz des genannten Betrages von rund 500 Mrd. Euro grundsätzlich keine nach oben gesetzte Grenze. Es schließe außerdem die schon bekannten Neuregelungen für Kurzarbeitergeld ein. Es sei davon auszugehen, dass in den nächsten Tagen noch nachgebessert werde, um insbesondere Selbstständige und Kleinunternehmen angesichts der existenzbedrohenden Einnahmeausfälle mit echten nichtrückzuzahlenden Transfers zu unterstützen. Wichtig sei, dass andere Länder in einer ähnlichen Dimension eingreifen würden, was angesichts der hohen Schuldenstände auf Schwierigkeiten stoße. Diesbezüglich könnte eine enge Zusammenarbeit mit der EZB eine Lösung sein.

Die FED habe vorgestern Abend eine neue Liquiditätsfazilität aufgelegt, die Money Market Mutual Fund Liquidity Facility, mit der ebenfalls Liquiditätsprobleme abgemildert werden sollten. Geldmarktfonds solle geholfen werden, den Liquidierungswünschen der Kunden nachzukommen, sodass weitere Runs auf die Fonds verhindert würden.

Außerdem sei man in den USA derweil dabei, ein großes Fiskalpaket zu schnüren, das unter anderem vorsehe, dass jeder Erwachsene im April und im Mai jeweils 1.000 US-Dollar überwiesen bekomme. Das alleine umfasst 500 Mrd. US-Dollar. Weitere 500 Mrd. US-Dollar seien vorgesehen, um bestimmten Branchen zu helfen, darunter der Luftfahrtindustrie, die alleine schon 50 Mrd. US-Dollar bekomme. Das seien große Summen, aber setze man sie zum BIP ins Verhältnis, komme man auf lediglich 5% des BIP, was sich als eher bescheiden vergleiche mit dem deutschen Programm im Umfang von etwa 14% des BIP. Derweil werde berichtet, dass viele Unternehmen bereits Menschen entlassen hätten, man sollte von daher mit einem sprunghaften Anstieg der Arbeitslosenrate rechnen.

Derweil habe Bundeskanzlerin Merkel vorgestern eine sehr eindringliche Ansprache gehalten, die nicht nur den Ernst der Lage klargemacht haben dürfte, sondern auch die Entschlusskraft der Bundesregierung, alles nur Mögliche zu tun, um zunächst die Überlastung der Krankenhäuser zu verhindern. Ausgangssperren seien offensichtlich auch möglich, was dann die wirtschaftliche Lage noch mal verschärfen würde.

In diesem Zusammenhang sei festzustellen, dass sich die konjunkturelle Lage in der Autoindustrie weltweit dramatisch verschärfe. Volkswagen werde am Freitag (20.03.) zahlreiche Werke schließen und spreche von zwei bis drei Wochen. AUDI und Porsche würden einen ähnlichen Weg gehen und auch BMW sei betroffen. Auch amerikanische Automobilhersteller hätten Werksschließungen beschlossen. Ursache sei eine Mischung aus fehlenden Zulieferteilen u.a. aus China und Südkorea sowie einem massiven Einbruch bei der Nachfrage. Wer gehe jetzt noch in ein Autohaus? Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen erscheine die Warnung von EZB-Präsidentin Christine Lagarde, dass es zu einem BIP-Rückgang in Höhe von -5% kommen könnte, nicht sehr abwegig, vielleicht sogar noch optimistisch. Denn neben der Industrie erleide der Dienstleistungssektor unter anderem durch die Schließung von Geschäften und den Reiseverboten, die vor allem das Hotel- und Gaststättengewerbe treffen würden, massive Umsatzeinbußen.

Es gebe aber nicht nur negative Meldungen. Aus dem früheren Coronavirus-Epizentrum, dem chinesischen Wuhan, sei offiziellen Angaben zufolge erstmals keine neue Infektion gemeldet worden. China könnte zusammen mit Südkorea zu den ersten Ländern gehören, die sich wirtschaftlich wieder erholen würden. Bis dahin werde aber noch eine längere Durststrecke zu überwinden sein. (Ausgabe vom 19.03.2020) (20.03.2020/alc/a/a)