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Rentenmärkte: US-Wirtschaft "sehr, sehr heiß"


15.06.23 12:30
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Auch wenn sich die FED erwartungsgemäß auf eine Zinspause im Kampf gegen die Inflation verständigt hat, ist der Zinsgipfel aller Wahrscheinlichkeit nach noch nicht erreicht, so Tariq Chaudhry von der Hamburg Commercial Bank.

Auch für die EZB in Frankfurt dürfte gelten, dass man den Zenit noch nicht erreicht habe. Die Konjunktur erwecke datenseitig in den USA und in Europa durchaus den Eindruck, dass sie weitere Zinserhöhungen verkraften könnte, auch wenn die Verschärfung der Industrieschwäche weltweit und geopolitische Spannungen in Asien Abwärtsrisiken für die globale Wirtschaft bereithalten würden. Der kurzfristige Optimismus scheine aber vorerst die langfristige Sorgen der Anleger zu überdecken. Die Renditen der zehnjährigen T-Notes seien nach einem substanziellen Anstieg zu Beginn der Woche leicht abgefallen. Die T-Notes würden sich aktuell bei 3,84% und Bunds bei 2,50% halten.

In der Eurozone könne ganz besonders Deutschland, das sich seit zwei Quartalen in einer technischen Rezession befinde, die Anleger mit stabilen Zahlen etwas besänftigen würden. Die Industrie, die global unter Druck sei, habe im April mit 0,3% MoM ein kleines Wachstum verzeichnen können, auch wenn das unter der Konsensschätzung gelegen habe, die bei 0,6% MoM angesetzt gewesen sei. Die Produktion in der Eurozone habe sogar bei 1% MoM gelegen, wenngleich man bei genauem Hinsehen habe feststellen können, dass ohne Berücksichtigung der traditionell äußerst volatilen Daten aus Irland eine Schrumpfung um 0,8% MoM stattgefunden habe.

Besonders Italien, Spanien und die Niederlanden hätten mit ihrem negativen Wachstum die Zahlen der Eurozone in Mitleidenschaft gezogen. Deutschland habe zusätzlich den Anlegern ein Stück Hoffnung mit der Verbesserung des ZEW-Index für Konjunkturerwartungen schenken können. Dieser sei von -10,5 auf -8,5 Punkten im Mai gestiegen. Die Konsensschätzung sei von einer Verschlechterung des Index auf -13,5 Punkten ausgegangen.

In den USA dürfte die Zentralbanker vor allem und die sich langsam abkühlende Inflation und die schwachen ISM-Einkaufsmanagerindices von einer Zinspause überzeugt haben. Möglicherweise hätten sie sich auch durch die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe unterstützt gefühlt - sie seien sprunghaft gestiegen -, wobei man aber feststellen müsse, dass die monatlichen Payrolldaten das Bild eines weiterhin sehr robusten Arbeitsmarktes gezeichnet hätten. Besonders gefreut haben dürften sich die FED-Mitglieder über die US-Inflationszahlen, denn die Gesamtinflation sei mittlerweile auf 4% YoY gesunken.

Wichtiger Wermutstropfen bleibe die Kerninflationsrate, die mittlerweile stärker durch den Dienstleistungssektor befeuert werde. Diese habe zwar auch gesenkt werden können, sei aber mit 5,3% über der Gesamtinflation und dem Konsens der Analysten geblieben, die einen Wert von 5,2% erwartet hätten. Der ehemalige Finanzminister Larry Summers habe kürzlich in einem Interview davon gesprochen, dass die US-Wirtschaft nach wie vor "sehr, sehr heiß" sei. Die FED habe in jedem Fall bei ihrer gestrigen Sitzung deutlich gemacht, dass sie noch weitere Zinsschritte plane: "…. fast alle Mitglieder vertreten die Ansicht, dass wahrscheinlich noch einige weitere Zinserhöhungen in diesem Jahr angemessen wären, um die Inflation mittelfristig auf 2% zu senken".

Auch das EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel könne scheinbar auch keinen Zinsgipfel erblicken. Auf die Frage, ob weitere zwei Zinserhöhungen angebracht seien, habe sie geantwortet: "Angesichts der großen Unsicherheit über das Fortbestehen der Inflation sind die Kosten, wenn man zu wenig tut, weiterhin höher als die Kosten, wenn man zu viel tut." Heute Nachmittag bei der EZB Sitzung dürften diesen Worten daher gewiss 25 BP an Leitzinserhöhung folgen.

Zwar sei die geopolitische Situation in Asien, aufgrund der konfrontativen Haltung zwischen den USA und China weiterhin angespannt, jedoch könnte die von US-Außenminister Blinken geplante Reise nach Peking etwas die Wogen glätten. Nach wochenlangen diplomatischen Bemühungen zwischen den beiden Ländern, die Spannungen abzubauen, werde Blinken am kommenden Sonntag in China erwartet. Der US-Außenminister habe eine geplante Reise nach Peking im vergangenen Februar verschoben, nachdem ein chinesischer Spionageballon über amerikanisches Gebiet geflogen sei. Anleger würden darauf hoffen, dass sich durch den Besuch die Unsicherheiten auf dem Markt etwas reduzieren würden.

Datenseitig erwarte man in den USA das Verbrauchervertrauen der Uni Michigan am 16.06. für den Monat Juni. Laut Konsensschätzung dürfte sich die Stimmung unter den Konsumenten leicht verbessern, was einen Hinweis auf die Entwicklung der Einzelhandelsumsätze geben dürfte. Außerdem würden in den USA die Baubeginne (20.06.) veröffentlicht. Der Immobiliensektor leide ganz besonders unter den hohen Refinanzierungskosten durch die FED und dürften laut Konsens der Analysten weiter fallen. In der Eurozone würden am 23.06. sehnlichst die HCOB PMIs von S&P Global erwartet, diese dürften darüber Aufschluss geben, wie das zweite Quartal zum Abschluss kommen werde. (15.06.2023/alc/a/a)