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Rentenmärkte: US-Aktien führen zu Renditenrückgang
19.05.22 16:15
Hamburg Commercial Bank
Hamburg (www.anleihencheck.de) - Zwischen den Renditen für sichere Staatsanleihen und Aktien ist stets ein interessantes Wechselspiel zu beobachten, das grundsätzlich in beide Richtungen gehen kann, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.
Entweder würden die Renditen steigen und dann dazu führen, dass die Aktienkurse nachgeben würden. Oder die Aktienkurse würden einbrechen und dafür sorgen, dass die Anleger in den vermeintlich sicheren Hafen der Staatsanleihen umschichten würden. Schaue man sich die Entwicklung der vergangenen Monate an, sei hier die erste Kausalität am Werk: Die Renditen seien im Zuge der geldpolitischen Wende und der hohen Inflation gestiegen und dies habe die Aktienmärkte belastet. Zwischenzeitlich gibt es aber immer wieder Tage - und aktuell scheinen wir in dieser Situation zu sein - in denen die Aktienkurse so stark einbrechen, dass im Zuge einer allgemein steigenden Risikoaversion Staatsanleihen wieder stärker gefragt sind und die Renditen sinken, also die umgekehrte Kausalität wirkt, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.
Tatsächlich sei die Anleiherendite der Bundesanleihen von gestern (18.05.) auf heute von über 1% auf 0,91% gefallen (im Zuge der vergangenen Woche seien sie zunächst gestiegen), nachdem gestern vor allem die amerikanischen Aktien unter die Räder gekommen seien. Der S&P 500 habe um 4% nachgegeben, der NASDAQ sogar um 4,7%. Anlass zu diesem starken Rückgang hätten Einzelhandelsunternehmen wie Walmart und Target gegeben, die ihre Gewinnrückgänge nicht nur mit höheren Kosten und Angebotsengpässen, sondern auch mit schwächeren Verkaufszahlen begründet hätten. D.h. der Motor der US-Wirtschaft, der traditionell der private Konsum sei, komme - so seien die Zahlen interpretiert worden - ins Stottern.
Der Einwand, dass die gesamtwirtschaftlichen Einzelhandelsumsätze doch zuletzt gut aussagen würden, sei tatsächlich etwas irreführend. Denn bei der Interpretation des Zuwachses der US-Einzelhandelsumsätze von 0,9% MoM im April bleibe die Inflation unberücksichtigt, da es sich um nominale Zahlen handele (deutsche Einzelhandelsumsätze würden die Inflation herausrechnen). Wenn man sich die Entwicklung seit Jahresbeginn anschaue, dann sei die US-Inflation (ohne Mieten) etwas stärker gestiegen als die nominalen Einzelhandelsumsätze, d.h. die realen Umsätze seien sogar gefallen. Es finde daher in Reaktion auf die hohe Inflation so etwas wie Nachfragezerstörung statt, d.h. die hohen Preise würden Konsumenten davon abhalten, im gleichen Ausmaß wie vorher zu konsumieren.
Wenn aber der Konsum als Wachstumsmotor wegfalle, das sei die Befürchtung, die gestern den Fall der Aktien in den USA und den Renditerückgang angetrieben habe, dann sei eine Rezession nicht weit. Ein nüchterner Blick auf andere Konjunkturindikatoren relativiere diese These allerdings. Die ISM-Indices seien zwar rückläufig, aber weiterhin auf hohen Niveaus. Und die Beschäftigung sowie die Löhne würden steigen, was die wichtigste Grundlage für einen weiter steigenden privaten Konsum darstelle. Im Zuge der Kurseinbrüche in den USA seien auch die europäischen Aktienmärkte unter Druck geraten. Setze sich diese Bewegung fort, dürften die Bundrenditen weiter sinken.
Heute werde das Protokoll der letzten EZB-Sitzung veröffentlicht. Die Analysten würden davon ausgehen, dass das Dokument die Sichtweise eines ersten Zinsschrittes im Juli bestärke. Beim heutigen G7-Treffen der Finanzminister und Notenbankchefs könnte Christine Lagarde diese Sicht bestätigen. Die 50 Basispunkte, die Klaas Knot, Notenbankchef der Niederlande, als Zinserhöhung ins Gespräch gebracht habe, würden die Analysten allerdings angesichts der fragilen wirtschaftlichen Lage für unrealistisch halten.
In den nächsten Tagen könnte sich entscheiden, ob Russland Deutschland den Gashahn zudrehe, mit entsprechend negativen Auswirkungen auf die Konjunktur und die langfristigen Renditen. Denn vermutlich morgen müsse der Energieversorger Uniper seine Gasrechnung an Russland bezahlen. Unklar sei dabei, ob Russland die Zahlungsweise akzeptieren werde (Euro-Zahlung, die dann in Rubel umgetauscht werde) oder stattdessen den Gashahn zudrehe wie bei Polen und Bulgarien.
Für die Finanzmärkte sei ein weiteres Ereignis im Zusammenhang mit Russland wichtig. Das Land stehe vermutlich kurz vor einem Default, aber nicht wegen Zahlungsunfähigkeit, sondern weil die USA sanktionsbedingt nicht zulassen wollten, dass US-Anleger Zahlungen vom russischen Staat erhalten würden. Bislang habe es hier noch eine Ausnahmeregelung gegeben, aber die laufe am 25. Mai aus. Es wäre der erste Default Russlands auf Auslandsverschuldung seit 1918. Das dürfte ein CDS-Ereignis auslösen, sodass die 6 Mrd. US-Dollar ausstehender Credit Default Swaps bedient werden müssten.
Außerdem könnten wegen Cross-Default-Regelungen wohl alle ausstehenden Auslandsschulden fällig gestellt werden. Die Chefökonomin der Weltbank, Carmen Reinhart, habe gesagt, dass die möglichen Auswirkungen dieses Defaults auf die Stabilität der Weltfinanzmärkte möglicherweise unterschätzt würden, und habe auf den Hedge Fonds LTCM verwiesen, der 1998 wegen des Defaults Russlands auf Rubel-Papiere fast zusammengebrochen sei.
Datenseitig sei in den nächsten Tagen auf den ifo-Index für Deutschland (23.05.) sowie die PMI-Daten zu achten (Schnellschätzung für Mai, unter anderem Eurozone, 24.05.).
Zu den Umfrageindikatoren geselle sich auch der GfK-Konsumentenvertrauensindex, der sich derzeit auf einem Allzeittief! befinde. Am 25.05. sei außerdem mit den ersten Details für das BIP Deutschlands zu rechnen. Bislang sei nur bekannt, dass das BIP im ersten Quartal um 0,2% QoQ gestiegen sei. Die monatlichen Indikatoren würden darauf hinweisen, dass der Konsum schwach ausgefallen sei und der Außenbeitrag (Exporte - Importe) das Wachstum gebremst habe, während die Investitionen (noch) robust gewesen seien. (19.05.2022/alc/a/a)
Entweder würden die Renditen steigen und dann dazu führen, dass die Aktienkurse nachgeben würden. Oder die Aktienkurse würden einbrechen und dafür sorgen, dass die Anleger in den vermeintlich sicheren Hafen der Staatsanleihen umschichten würden. Schaue man sich die Entwicklung der vergangenen Monate an, sei hier die erste Kausalität am Werk: Die Renditen seien im Zuge der geldpolitischen Wende und der hohen Inflation gestiegen und dies habe die Aktienmärkte belastet. Zwischenzeitlich gibt es aber immer wieder Tage - und aktuell scheinen wir in dieser Situation zu sein - in denen die Aktienkurse so stark einbrechen, dass im Zuge einer allgemein steigenden Risikoaversion Staatsanleihen wieder stärker gefragt sind und die Renditen sinken, also die umgekehrte Kausalität wirkt, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.
Tatsächlich sei die Anleiherendite der Bundesanleihen von gestern (18.05.) auf heute von über 1% auf 0,91% gefallen (im Zuge der vergangenen Woche seien sie zunächst gestiegen), nachdem gestern vor allem die amerikanischen Aktien unter die Räder gekommen seien. Der S&P 500 habe um 4% nachgegeben, der NASDAQ sogar um 4,7%. Anlass zu diesem starken Rückgang hätten Einzelhandelsunternehmen wie Walmart und Target gegeben, die ihre Gewinnrückgänge nicht nur mit höheren Kosten und Angebotsengpässen, sondern auch mit schwächeren Verkaufszahlen begründet hätten. D.h. der Motor der US-Wirtschaft, der traditionell der private Konsum sei, komme - so seien die Zahlen interpretiert worden - ins Stottern.
Der Einwand, dass die gesamtwirtschaftlichen Einzelhandelsumsätze doch zuletzt gut aussagen würden, sei tatsächlich etwas irreführend. Denn bei der Interpretation des Zuwachses der US-Einzelhandelsumsätze von 0,9% MoM im April bleibe die Inflation unberücksichtigt, da es sich um nominale Zahlen handele (deutsche Einzelhandelsumsätze würden die Inflation herausrechnen). Wenn man sich die Entwicklung seit Jahresbeginn anschaue, dann sei die US-Inflation (ohne Mieten) etwas stärker gestiegen als die nominalen Einzelhandelsumsätze, d.h. die realen Umsätze seien sogar gefallen. Es finde daher in Reaktion auf die hohe Inflation so etwas wie Nachfragezerstörung statt, d.h. die hohen Preise würden Konsumenten davon abhalten, im gleichen Ausmaß wie vorher zu konsumieren.
Wenn aber der Konsum als Wachstumsmotor wegfalle, das sei die Befürchtung, die gestern den Fall der Aktien in den USA und den Renditerückgang angetrieben habe, dann sei eine Rezession nicht weit. Ein nüchterner Blick auf andere Konjunkturindikatoren relativiere diese These allerdings. Die ISM-Indices seien zwar rückläufig, aber weiterhin auf hohen Niveaus. Und die Beschäftigung sowie die Löhne würden steigen, was die wichtigste Grundlage für einen weiter steigenden privaten Konsum darstelle. Im Zuge der Kurseinbrüche in den USA seien auch die europäischen Aktienmärkte unter Druck geraten. Setze sich diese Bewegung fort, dürften die Bundrenditen weiter sinken.
In den nächsten Tagen könnte sich entscheiden, ob Russland Deutschland den Gashahn zudrehe, mit entsprechend negativen Auswirkungen auf die Konjunktur und die langfristigen Renditen. Denn vermutlich morgen müsse der Energieversorger Uniper seine Gasrechnung an Russland bezahlen. Unklar sei dabei, ob Russland die Zahlungsweise akzeptieren werde (Euro-Zahlung, die dann in Rubel umgetauscht werde) oder stattdessen den Gashahn zudrehe wie bei Polen und Bulgarien.
Für die Finanzmärkte sei ein weiteres Ereignis im Zusammenhang mit Russland wichtig. Das Land stehe vermutlich kurz vor einem Default, aber nicht wegen Zahlungsunfähigkeit, sondern weil die USA sanktionsbedingt nicht zulassen wollten, dass US-Anleger Zahlungen vom russischen Staat erhalten würden. Bislang habe es hier noch eine Ausnahmeregelung gegeben, aber die laufe am 25. Mai aus. Es wäre der erste Default Russlands auf Auslandsverschuldung seit 1918. Das dürfte ein CDS-Ereignis auslösen, sodass die 6 Mrd. US-Dollar ausstehender Credit Default Swaps bedient werden müssten.
Außerdem könnten wegen Cross-Default-Regelungen wohl alle ausstehenden Auslandsschulden fällig gestellt werden. Die Chefökonomin der Weltbank, Carmen Reinhart, habe gesagt, dass die möglichen Auswirkungen dieses Defaults auf die Stabilität der Weltfinanzmärkte möglicherweise unterschätzt würden, und habe auf den Hedge Fonds LTCM verwiesen, der 1998 wegen des Defaults Russlands auf Rubel-Papiere fast zusammengebrochen sei.
Datenseitig sei in den nächsten Tagen auf den ifo-Index für Deutschland (23.05.) sowie die PMI-Daten zu achten (Schnellschätzung für Mai, unter anderem Eurozone, 24.05.).
Zu den Umfrageindikatoren geselle sich auch der GfK-Konsumentenvertrauensindex, der sich derzeit auf einem Allzeittief! befinde. Am 25.05. sei außerdem mit den ersten Details für das BIP Deutschlands zu rechnen. Bislang sei nur bekannt, dass das BIP im ersten Quartal um 0,2% QoQ gestiegen sei. Die monatlichen Indikatoren würden darauf hinweisen, dass der Konsum schwach ausgefallen sei und der Außenbeitrag (Exporte - Importe) das Wachstum gebremst habe, während die Investitionen (noch) robust gewesen seien. (19.05.2022/alc/a/a)


