Erweiterte Funktionen

Rentenmärkte: USA-China: Annäherung bleibt kompliziert


23.06.23 09:55
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Obwohl die Zentralbanken letzte Woche weitestgehend die Erwartungen der Märkte mit ihren Entscheidungen bestätigt haben, ist auf den Rentenmärkten auffällig viel Schwung hineingekommen, so Tariq Chaudhry von der Hamburg Commercial Bank.

Die Wirtschaft und Politik würden gemischte Signale senden, die die Anleger scheinbar nervös agieren lassen würden. So seien in der krisengebeutelten Beziehung zwischen den USA und China zwar durch den Besuch von US-Außenminister Antony Blinken in China nach langem wieder erste Entspannungssignale ausgesendet worden. Jedoch seien diese durch Aussagen von Präsidenten Biden gegen Präsident Xi im Rahmen einer Wahlkampfveranstaltung wieder etwas konterkariert worden.

In den USA und Europa scheinen einerseits der Bausektor und der Einzelhandel scheinbar unberührt von Rezessionsängsten, andererseits sende der Arbeitsmarkt gemessen an den wöchentlichen Daten kaum positive Signale. Die im Pausenmodus befindliche FED dürfte diese Woche kaum brauchbare Erkenntnisse in den Makro- Daten gefunden haben. Die Renditen für zehnjährige T-Notes stünden aktuell bei 3,74% und die der Bunds bei 2,42%.

Nach Abschluss der Reise von Außenminister Antony Blinken nach China habe der US Präsident Joe Biden selbst seinem Minister eine starke Leistung in der schwierigen Mission bescheinigt. Blinken habe im Zuge der zunehmenden Spannungen zwischen den Supermächten in den letzten Monaten einen "verdammt guten Job" gemacht. Auch der chinesische Staatschef Xi Jinping habe den US-Amerikanischen Eindruck bestätigt und die Fortschritte als "sehr gut" bezeichnet - warme Worte eines wortkargen Staatschefs, der ein Treffen mit Blinken erst in letzter Minute bestätigt habe.

Parallel dazu hätten am Dienstag in Berlin deutsch-chinesische Regierungskonsultationen stattgefunden - die ersten physischen bilateralen Gespräche beider Regierungen seit 2018. Für die Anleger habe sich ein stimmiges Bild ergeben, das sie habe aufatmen lassen. Bis schließlich aus chinesischer Sicht Präsident Joe Biden im Rahmen einer Wahlkampfveranstaltung eine "öffentliche Provokation" (Sprecherin des Außenministeriums) ausgesprochen habe, indem er Präsident Xi als Diktator tituliert und damit wütende Proteste auf chinesischer Seite ausgelöst habe. US-Außenminister Blinken habe mühevoll Gesprächskanäle nach China geöffnet, die nun nach der Aussage des US-Präsidenten wieder gefährdet seien.

Von den geopolitischen Schwierigkeiten würden sich in den USA zumindest die Konsumenten offensichtlich nicht abschrecken lassen. Aktuelle Stimmungsdaten der Uni Michigan für Juni würden zeigen, dass Konsumenten deutlich optimistischer als der Konsens der Analysten seien. So sei der tatsächliche Wert mit 63,9 Punkten weit höher als der Konsens mit 60 Indexpunkten ausgefallen.

Auch der Immobiliensektor habe in den USA ein Zeichen gegen die ausgeprägten Rezessionsängste setzen können. Denn die Bautätigkeit in den USA habe sich im Mai deutlich robuster entwickelt als von der Analystengemeinde erwartet. Die Baubeginne seien zum Vormonat um 21,7 Prozent geklettert, wohingegen Analysten im Schnitt mit einem leichten Rückgang um 0,1 Prozent gerechnet hätten. Auch die Anzahl der Baugenehmigungen habe zu überzeugen gewusst und im Mai um 5,2 Prozent zugelegt. Erwartet worden sei hier lediglich ein Anstieg um 0,6 Prozent. Offensichtlich scheinen sich die Hauskäufer nun allmählich etwas an das gestiegene Zinsniveau zu "gewöhnen" beziehungsweise damit zu rechnen, dass dieser Zustand länger anhalten werde.

In Europa habe es datenseitig ebenfalls positive Nachrichten gegeben. Die Bausektoraktivität in der Eurozone sei zwar nicht berauschend gewesen, könne aber trotz des schwierigen Marktumfeldes ein Schrumpfung verhindern und stagniere aktuell bei 0,2% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum im April 2023, nach einem nach unten korrigierten Rückgang von 0,7 Prozent im Vormonat, unterstützt durch einen Aufschwung im Tiefbau.

Noch erfreulichere Daten hätten die Statistiker in Wiesbaden zu vermelden gehabt. Demnach seien die deutschen Erzeugerpreise im Mai wegen billigerer Energie so langsam gestiegen wie seit über zwei Jahren nicht mehr, nämlich um 1,0 Prozent zum Vorjahresmonat. Analysten hätten im Schnitt mit einem Zuwachs von 1,7 Prozent gerechnet. Problematische Signale habe da eher der europäische Arbeitsmarkt gesendet. Der in der Rezession befindlichen Industrie dürfte überhaupt nicht gefallen, dass sowohl die Löhne (4,6 % YoY) als auch die Arbeitskosten (5% YoY) in der Eurozone mehr als prognostiziert angestiegen seien.

Auch wenn die Inflation in der gesamten Eurozone momentan falle und der Markt fest mit einer Zinsanhebung von 25 BP im Juli rechne, gehe der Blick von EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel über diese Zeitspanne hinaus. Sie sehe aufgrund struktureller Probleme die Effektivität der Geldpolitik im Kampf gegen die Inflation gefährdet. Dabei weise sie auf drei Faktoren hin, die die Arbeit der EZB wahrscheinlich erschweren würden: ein steigender Anteil der Dienstleistungen an der Wirtschaftstätigkeit und der Beschäftigung, ein Anstieg des Anteils der Haushaltskredite mit festem Zinssatz und ein strukturell resilienter Arbeitsmarkt. Diese Feststellung dürfte die Anleger nicht positiv stimmen.

Bei der FED sei die Richtung nach der Pause im Juni-Meeting klar. Auch wenn die Regionalbankenkrise die Sorgenfalten mancher FED-Mitglieder nicht weniger werden lassen würden, sei vorerst klar, dass die FED bis zum Jahresende zwei Zinsschritte à 25 BP plane. Im Hinblick auf die anstehende Ernennung des Stellvertreters des Vorsitzenden Jerome Powell überböten sich die von Präsidenten Biden nominierten drei Wettbewerber in hawkishen Tönen. Dadurch dürften sich diejenigen Anleger bestätigt sehen, die mit weiteren Zinserhöhungen rechnen würden.

Datenseitig würden Anlegern allen voran die anstehenden HCOB Flash PMIs für die Eurozone (23.06.) Aufschluss darüber bieten, ob die Divergenz zwischen wachsenden Dienstleistungen und schrumpfender Industrie weiter verfestigen werde. Speziell für Deutschland werde mit Spannung der IFO Geschäftsklimaindex (26.06.) erwartet, dieser dürfte aller Voraussicht nach nur minimal vom Mai-Wert von 91,7 abweichen. Da für den Juli eine Zinsanhebung von 25 BP durch die FED als sicher betrachtet werden könne, dürfte die Absenkung der Mai-Daten des PCE Deflators (30.06.) für die USA die Entscheidung der Zentralbank nicht weiter beeinflussen. (Ausgabe vom 22.06.2023) (23.06.2023/alc/a/a)