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Rentenmärkte: Topthema Brexit


18.10.19 08:45
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen der Staatsanleihen sind zuletzt angestiegen, so Sintje Boie, Senior Analystin bei der Hamburg Commercial Bank.

Dabei sei die Verzinsung der zehnjährigen Treasuries kurzfristig bis auf knapp 1,80% gestiegen, die der langen Bundesanleihen liege etwas oberhalb der -0,40%.

Das vorherrschende Thema an den Finanzmärkten sei in den vergangenen Tagen der Brexit gewesen. Das Vereinigte Königreich und die EU hätten endlich wieder Verhandlungen über ein Brexit-Abkommen aufgenommen und die Verhandlungen seien sehr positiv verlaufen, sodass die Erwartungen der Märkte an einen Brexit-Deal in die Höhe geschossen seien, der es London ermöglichen würde, auch Ende Oktober tatsächlich aus der EU auszutreten. Das habe zu einer positiven Stimmung bei den Marktteilnehmern und damit zu Kursverlusten an den Rentenmärkten geführt. Dazu sei gekommen, dass US-Präsident Donald Trump eine Teileinigung mit China im Handelsstreit verkündet habe, die zunächst für eine Glättung der Sorgenfalten gesorgt habe, doch im weiteren Verlauf sei die Vereinbarung als wenig bedeutsam eingeschätzt worden.

Auf dem Brexit sollte auch in den kommenden Tagen der Fokus an den Finanzmärkten liegen. Für den 17. und 18.10. sei der EU-Gipfel angesetzt, auf dem die Staats-und Regierungschefs über das jetzt ausgehandelte Brexit-Abkommen abstimmen möchten. Am Samstag (19.10.) solle dann dem britischen Parlament das Abkommen vorgelegt werden. Wenn das Parlament bis zum 19.10. kein Abkommen ratifiziert habe und immer noch einen ungeordneten Brexit ablehne, dann müsse Premierminister Boris Johnson eine Verlängerung der Austrittsfrist von Ende Oktober bis Ende Januar 2020 beantragen.

Jetzt sei die Frage, ob man in der Kürze der Zeit tatsächlich das Brexit-Abkommen verabschiedet bekomme - vor allem vor dem Hintergrund, dass die nordirische DUP den momentan vorliegenden Vorschlag ablehne. Die Konservativen hätten keine Mehrheit mehr im Parlament und seien daher auf die Stimmen der DUP angewiesen, wenn sie einen Deal durch das Parlament bringen möchten. Ein Abkommen müsse sowohl von der EU als auch vom britischen Unterhaus gebilligt werden. Wahrscheinlich sei, dass die Austrittsfrist verlängert werden müsse, um noch weiter verhandeln zu können. Wenn man tatsächlich noch kurzfristig einen Deal ratifiziere, sollte dies zu einer großen Erleichterung an den Märkten und damit weiter steigenden Renditen führen.

Die italienische Regierung habe ihren Haushaltsentwurf für 2020 an die EU-Kommission verschickt. Darin peile sie ein Budgetdefizit für das Jahr von 2,2% und eine minimale Reduzierung der Verschuldung auf 135,2% des BIP an. Die EU-Kommission müsse den Haushalt prüfen und genehmigen. Damit werde das Defizit in Italien im Vergleich zu 2019 nicht sinken. Die Fiskalpolitik sei weiterhin expansiv ausgerichtet und unterscheidt sich nicht wesentlich von der Politik der Vorgängerregierung. Trotz des nicht vorhandenen Sparwillens rechne Rom mit einem Entgegenkommen der EU-Kommission, weil die neue Regierung im Gegensatz zur alten deutlich europafreundlicher sei.

In der kommenden Woche seien insbesondere die Zinssitzung der EZB am 24.10. sowie die Einkaufsmanagerindices aus der Eurozone (24.10.) und der ifo-Geschäftsklimaindex für Oktober hervorzuheben. Nach Erachten der Analysten der Hamburg Commercial Bank dürfte die EZB auf ihrem Treffen die Füße stillhalten, nachdem sie auf ihrem Treffen im September umfangreiche Maßnahmen beschlossen habe, unter anderem Wertpapierankäufe ab Anfang November. Zudem sei es die letzte Sitzung unter EZB-Chef Mario Draghi, denn seine Amtszeit gehe nur noch bis Ende Oktober. Ab Anfang November übernehme dann Christine Lagarde sein Amt, daher dürfte er ihr mit neuen Maßnahmen nicht noch weiter vorgreifen wollen. Auch hätten sich einige Notenbanker nach der letzten Zinssitzung kritisch zu der Entscheidung neuer Wertpapierankäufe geäußert, womit der EZB-Rat nicht so geeint hinter der Entscheidung stehe, wie Draghi es gerne gehabt hätte. Das spreche zunächst für weniger Tatendrang der EZB.

Bei den Stimmungsindikatoren werde es spannend, ob die Talfahrt aufgehalten werden könne. Die Einkaufsmanagerindices für das Verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor seien im September weiter unter Druck gewesen und es sei sehr wahrscheinlich, dass sich die Stimmung im Oktober nicht wesentlich gebessert habe. Der ifo-Geschäftsklimaindex habe zuletzt leicht zulegen können, aber hier dürfte es sich noch nicht um einen nachhaltigen Trend handeln. Daher sollten die Veröffentlichungen am Rentenmarkt eher kursunterstützend ausfallen. (Ausgabe vom 17.10.2019) (18.10.2019/alc/a/a)