Erweiterte Funktionen

Rentenmärkte: Risikoaversion kehrt zurück


11.06.20 16:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank, stellt sich die Frage, ob der Realismus zurückkommt.

Die Aktienmärkte seien gestern und heute (11.06.) wieder eingeknickt, nachdem der Notenbankchef Jerome Powell partout den Optimismus der Märkte nicht habe teilen wollen, sondern im Gegenteil die Risiken hervorgehoben habe. Dazu sei noch eine überaus pessimistische Prognose der OECD gekommen, die davon ausgehe, dass die Weltwirtschaft im laufenden Jahr um 6,0% schrumpfen werde. Damit sei diese Institution deutlich pessimistischer als der Internationale Währungsfonds (-3,1%) und die Weltbank (-4,1%). HCOB gehe von -4,0% aus. Auch die pessimistische Sicht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW), das für Deutschland einen BIP-Rückgang von 9,4% für wahrscheinlich halte, gefolgt von einer blutarmen Erholung von 3,0% im Jahr 2021, habe den Marktteilnehmern ebenfalls keinen Mut eingeflößt.

In den USA mache man sich darüber hinaus Sorgen, dass die Regierung das Schlachtfeld verlasse, bevor der Krieg gegen das Coronavirus gewonnen worden sei, wie es die "Financial Times" ausdrücke. Tatsache sei, dass die Öffnung der US-Wirtschaft voranschreite, die Neuinfektionsraten aber auf einem hohen Niveau verharren und in einigen Bundesstaaten auch wieder stärker steigen würden. Die wirtschaftliche Erholung könnte auch vor diesem Hintergrund zäher verlaufen, als es der jüngste überraschende Rückgang der Arbeitslosenrate suggeriere. Entsprechend seien in diesem Umfeld die Renditen wieder gesunken. Die Renditen der zehnjährigen T-Notes seien erneut unter 0,7% gefallen, nachdem sie vor wenigen Tagen über 0,9% gestiegen seien. Die Bunds würden im gleichen Laufzeitsegment bei -0,39% rentieren, knapp 20 Basispunkte unterhalb des Hochs dieser Woche.

Die Highlights der gestrigen FED-Sitzung seien die neuen Prognosen und die Aussage gewesen, dass man an dem jetzt reduzierten Tempo der Anleiheankäufe festhalten werde. Fast alle FED-Mitglieder würden davon ausgehen, dass die Zinsen bis Ende 2022 auf dem jetzigen Niveau bleiben würden, was FED-Präsident Jerome Powell noch in bemerkenswerter Weise unterstrichen habe: "Wir denken nicht über Zinsanhebungen nach. Wir denken noch nicht einmal darüber nach, über Zinsanhebungen nachzudenken." Dies sei auch eine Art von Forward Guidance. Die FED-Mitglieder würden im Mittel eine Schrumpfung des BIP von 6,5% in diesem Jahr (zum Vergleich die OECD: - 7,3%, HCOB: -7,6%) und ein Wachstum von 5% im kommenden Jahr prognostizieren. Die Arbeitslosenrate solle Ende des Jahres bei 9,3% liegen und im kommenden Jahr auf 6,5% fallen. In diesem Umfeld bleibe die Inflation gemäß den Prognosen bis 2022 unterhalb von 2%. Powell habe außerdem gesagt, dass die FED das Tempo der Anleiheankäufe verlangsamt habe, man jetzt aber das Tempo beibehalten werde. Derzeit kaufe die FED etwa 20 Mrd. US-Dollar pro Woche an Wertpapieren. Darüber hinaus überlege die FED, noch stärker Forward Guidance für Leitzinsen und Anleiheankäufe einzusetzen, und gesagt, es sei noch eine offene Frage, ob die Kontrolle der Zinsstruktur sinnvoll sei.

Heute würden sich die Finanzminister der Euroländer bzw. der EU treffen und dabei dürfte der von der EU-Kommission vorgeschlagene Wiederaufbaufonds eine wichtige Rolle spielen. Finanzminister Olaf Scholz möchte den Fonds nicht größer als 500 Mrd. Euro werden lassen, während die EU-Kommission noch 250 Mrd. Euro in der Form von Krediten zusätzlich ins Spiel gebracht habe. Für das Vertrauen in die baldige Erholung der Eurozone habe eine rasche Einigung über den Fonds große Bedeutung, und damit auch, soweit es die EZB erlaube, auf das Zinsumfeld. Darüber hinaus sei auf die Einzelhandelsumsätze in den USA zu achten, die im April um 16,4% MoM eingebrochen seien und jetzt wieder leichte Lebenszeichen von sich geben sollten. US-Industrieproduktionsdaten und die Stimmung im Wohnungsbausektor der USA seien weitere Indikatoren, die einen Hinweis auf das Tempo der Erholung in den Vereinigten Staaten geben sollten. (11.06.2020/alc/a/a)