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Rentenmärkte: Ratingagentur Fitch stuft die USA herab


04.08.23 08:57
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Meldung der Woche mit der größten symbolischen Sprengkraft hatte am Montag nach US-Börsenschluss die Bonitätsherabstufung der USA um einen Notenschritt von der Höchstnote "AAA" auf "AA+" durch die Ratingagentur Fitch, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Diese Entscheidung spiegele die erwartete Verschlechterung der fiskalischen Lage in den kommenden drei Jahren sowie eine hohe und weiter wachsende Staatsverschuldung wider. Die USA selbst hätten jedoch im Berichtszeitraum positive Konjunkturdaten hinsichtlich des BIP-Quartalswachstums und der Arbeitsmarktdaten präsentiert. Diese relative wirtschaftliche Stärke stehe in starkem Kontrast zur konjunkturellen Situation in Europa, die sich weniger positiv gestalte. Dennoch habe die Eurozone eine leichte Zunahme beim BIP-Quartalswachstum vorweisen können und einen leichten Rückgang bei der Gesamtinflationsrate verzeichnet. Die Entwicklungen an den Märkten hätten zu einem deutlichen Anstieg der Renditen geführt: Aktuell betrage die Rendite für zehnjährigen T-Notes 4,1% und für Bunds 2,5%.

In einem bedeutenden Schritt habe Fitch Ratings die Zentralstaatsbonität der USA als Schuldner von der Bestnote "AAA", eine Bewertung, die das Land seit 1994 bei Fitch innegehabt habe, um eine Stufe auf "AA+" herabgestuft. Die Ratingagentur S&P habe bereits 2011 diese Herabstufung vollzogen. Nur bei der Agentur Moody's hätten die USA nun noch unverändert die Höchstnote. Diese Herabstufung sei einige Monate nach schwerwiegenden politischen Auseinandersetzungen über die Staatsverschuldung und - in den letzten Jahrzehnten - wiederholter Konfrontationen über die Anhebung der Schuldenobergrenze der USA erfolgt. Obwohl die jüngste legislative Hängepartie gelöst worden sei, bleibe sie dennoch ein potenzieller Anlass zur Besorgnis für die Zukunft. Der Ratingausblick sei von Fitch jedoch auf "stabil" gesetzt worden.

Die überparteiliche, mit Wirtschafts- und Haushaltsthemen beschäftigte Kongressbehörde (Congressional Budget Office, CBO) prognostiziere derzeit ein US-Haushaltsdefizit von etwa sechs Prozent des US-BIP für jedes der nächsten drei Haushaltsjahre. Die Reaktion der Anleger auf die Herabstufung sei unmittelbar spürbar gewesen, als die Renditen der zehnjährigen T-Notes binnen eines Tages zeitweise um 10 Basispunkte angestiegen seien. Diese deutliche Bewegung unterstreiche die grundsätzliche Bedeutung der Bonitätsnote für Investoren. Unterm Strich dürften die Anleger über die Herabstufung hinausblicken und sich auf die makroökonomischen Debatten in den USA konzentrieren, die für die Märkte in diesem Jahr von Bedeutung seien: Die Entwicklung der Inflation und die Frage, ob die FED sie kontrollieren könne, ohne dass es zu einer Rezession komme oder nicht.

Die Veröffentlichung der BIP-Wachstumszahlen der USA für das zweite Quartal habe bei den Anlegern hingegen für Entspannung gesorgt, da sie unerwartet robust ausgefallen seien: Während die Analysten lediglich ein Wachstum von 1,8% zum Vorquartal erwartet hätten, habe sich das tatsächliche Wachstum nach erster Schätzung auf 2,4% belaufen.

Auch am Arbeitsmarkt zeige sich eine erfreuliche Lage: Obwohl die Zahl der offenen Stellen im Juni leicht um 34.000 auf knapp 9,6 Millionen gesunken sei, würden die Neueinstellungen immer noch relativ stark bleiben. Im Juli hätten private Unternehmen in den USA sogar 324.000 Mitarbeiter eingestellt und damit die Markterwartung von 189.000 deutlich übertroffen. Dieses robuste Beschäftigungswachstum unterstütze weiterhin die Ausgaben der Haushalte und trage somit zum positiven Wirtschaftsverlauf bei.

Während die konjunkturellen Signale aus den USA positiv überrascht hätten, hätten die Entwicklungen in Europa ein weniger erfreuliches Bild gezeigt: Im zweiten Quartal sei das BIP des Euroraums um 0,3% gegenüber dem Vorquartal und damit nur leicht über den Konsenserwartungen von 0,2% gewachsen. Insbesondere das starke Ergebnis Irlands mit einem Quartalswachstum von 3,3% gegenüber dem Vorquartal habe positiv zum Gesamtwachstum des Euroraums beigetragen.

Die Inflation in der Eurozone habe sich leicht abschwächen können. Die Preise seien im Juli insgesamt um 5,3% im Vergleich zum Vormonat gesunken, nachdem sie im Juni noch um 5,5% gestiegen seien. Dies entspreche einem Rückgang der Verbraucherpreise um 0,1% auf Monatsbasis. Die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt sei im Vergleich zur gesamteuropäischen Entwicklung recht robust: Die von der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten Zahlen hätten eine Arbeitslosequote von 5,6% im Juli ergeben, was eine leichte Verbesserung zum Vormonat darstelle (Juni: 5,7%).

Trotz der Herabstufung der US-Bonität werde die Dominanz des Dollars als "sicherer Hafen" voraussichtlich kaum beeinträchtigt - das zeige sich auch in der ersten Reaktion an den Kapitalmärkten Asiens auf die Veröffentlichung der Ratingmaßnahme durch Fitch. Dennoch sei es für die Zentralbanken in Washington und Frankfurt eine Erinnerung an die möglichen langfristigen Folgen hoher Zinsen für die Bonität der hoch verschuldeten Länder in den jeweiligen Währungsräumen. In den USA seien die Probleme um die Zinslast und deren Entrichtung eher ein politisches Problem, da dank der US-Dollar-Dominanz der US-Staatsverschuldung theoretisch (noch) keine Grenzen gesetzt seien.

Die Europäische Zentralbank (EZB) werde sich bald ebenfalls mit dem Thema möglicher zukünftiger Zinssenkungen befassen müssen, vor allem angesichts der Mitgliedsstaaten mit Haushaltsschwierigkeiten, die steigende Risikoprämien für ihre Staatsanleihen in Kauf nehmen müssten. Für das laufende Jahr würden die Analysten weder in den USA noch in Europa weitere Zinserhöhungen prognostizieren. Allerdings könnten bereits nächstes Jahr erste Zinssenkungen sowohl bei der FED als auch bei der EZB erfolgen.

In Europa würden die Analysten die HCOB PMIs für den Juli (4.8.) für das in Rezession befindliche Baugewerbe sowie die Industrieproduktionszahlen (7.8.) erwarten. Auf Basis des bereits veröffentlichten LKW-Mautindex dürfte die Industrieproduktion im Juni um etwa 1,5% zurückgegangen sein. In den USA stünden die nächsten Arbeitsmarktdaten an. Die erwarteten Payrolls für den Juli (4.8.) dürften um knapp 190.000 Stellen gestiegen sein, während der Konsens der Analysten aktuell bei 200.000 liege. Des Weiteren dürfte die FED gezielt auf die Inflationszahlen (10.8.) für den Juli anschauen. Aufgrund von Basiseffekten sage der Nowcast einen Anstieg um 0,4% auf 3,4% im Vergleich zum Vormonat voraus. (Ausgabe vom 03.08.2023) (04.08.2023/alc/a/a)