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Rentenmärkte: Massiver Anstieg der Budgetdefizite ohne Wirkung auf Renditen


25.06.20 13:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - An den Rentenmärkten ist weiterhin nicht viel Bewegung, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Dabei gebe es durchaus einige Datenpunkte, die für eine gewisse Volatilität hätten sorgen können. Allen voran seien da die erfreulichen PMI-Einkaufsmanagerindices zu nennen, die in der Eurozone kräftig gestiegen seien. Zwar lägen die Werte für das Verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor weiterhin unter 50 Punkten. Aber von den Tiefstwerten im Mai habe man sich deutlich erholt. Das gelte ganz besonders für den Dienstleistungssektor, wo sich die Öffnung der Volkswirtschaften am stärksten bemerkbar mache. Auch der ifo-Index habe seinen Anstieg fortgesetzt.

An den Rentenmärkten hätten diese Zahlen zunächst geringfügige Renditesteigerungen zur Folge gehabt. Auch die aktualisierte Prognose des Sachverständigenrats für die wirtschaftliche Entwicklung zeichne im Grunde genommen ein recht positives Bild. Die Rezession im laufenden Jahr werde zwar tief (-6,5%), aber für das kommende Jahr würden die Experten einen Zuwachs von immerhin 4,9% erwarten. Die gestern (24.06.) erschienene Prognose des Internationalen Währungsfonds zeichne für Deutschland ein etwas vorsichtigeres Bild (2020: -7,8%/2021: +5,4%). Vor allem aber sei der IWF recht pessimistisch in Bezug auf die Weltwirtschaft insgesamt. So werde im laufenden Jahr ein Rückgang der globalen Wirtschaftsleistung von 4,9% in diesem Jahr erwartet. Noch im April habe man den Rückgang auf 3% veranschlagt. Der projizierte Zuwachs von 5,4% im Jahr 2021 sei kräftig, bedeute aber, dass die meisten Länder im kommenden Jahr noch nicht wieder das Pre-Corona-Produktionsniveau erreichen würden.

Das gelte ganz besonders für die Eurozone und die USA, wo das BIP des Jahres 2021 gemäß IWF-Schätzung zwischen 4% und 5% unterhalb von 2019 liegen werde.

Bemerkenswert sei zudem die IWF-Prognose über die Entwicklung der öffentlichen Verschuldung. Für die Welt insgesamt werde im laufenden Jahr ein Budgetdefizit von knapp 14% des BIP angenommen. Die USA würden als Spitzenreiter identifiziert. Hier erwarte der Fonds eine Lücke von 23,8% des BIP, was zu einem Anstieg der öffentlichen Bruttoverschuldung auf 141,4% des BIP Ende des Jahres 2020 führen würde. Die Rentenmärkte hätten offensichtlich bei der Veröffentlichung des IWF auf die düsteren Konjunkturaussichten fokussiert, denn die Renditen seien gestern gefallen, zusammen mit den Aktienmärkten. Das massive Angebot an Staatsanleihen, dass mit den hohen Defiziten einhergehe, scheine die Investoren weniger zu beeindrucken. Das liege vermutlich nicht nur daran, dass diese Zahlen erst auf der letzten Seite des IWF-Ausblicks zu finden seien, sondern daran, dass zumindest die Notenbanken in den entwickelten Volkswirtschaften bereitstünden, einen Großteil der neu emittierten Anleihen auf ihre Bilanz zu nehmen.

Abgesehen davon scheinen die Investoren mittlerweile doch einigermaßen beunruhigt darüber zu sein, dass die Neuinfektionsraten in den USA weiter steigen und sich eine zweite Welle aufbaut, bevor die erste überhaupt ausgelaufen war, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. In Reaktion darauf hätten einige Bundesstaaten entschieden, die Lockerungen zu stoppen oder gar zu revidieren. Die Neuinfektionsraten hätten weiterhin das Potenzial, Konjunkturdaten und anderen Ereignisse zu überlagern.

Beunruhigt dürfe man auch darüber sein, was der britische Notenbankchef Bailey aus seinem Land berichte. Demnach hätte es im März zu einer Situation kommen können, bei der "die Regierung schlimmstenfalls Probleme gehabt hätte, sich auf kurze Sicht zu finanzieren", wenn die Bank of England nicht eingegriffen hätte.

Die nächsten Tage seien durch Feiertage in China (25. und 26.06.) und den USA (03.07.) geprägt sowie durch den Beginn der deutschen EU-Präsidentschaft. Wichtigstes Ziel Deutschlands dürfte zunächst sein, beim Wiederaufbaufonds für die Corona-Schäden zu einer Einigung zu kommen. Politisch sei auch auf die Präsidentschaftswahlen in Polen zu achten. An der Konjunkturfront seien unter anderem die PMI-Indices für Italien und Spanien zu beachten sowie der ISM-Index für die USA. Nächste Woche würden zudem US-Arbeitsmarktzahlen (bereits am Donnerstag) Aufschluss darüber geben, ob sich der Beschäftigungsaufbau, der im Mai überraschenderweise zu beobachten gewesen sei, im Juni fortgesetzt habe. (25.06.2020/alc/a/a)