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Rentenmärkte: FED-Plan für das Tapering wird möglicherweise verschoben


20.09.21 09:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Während die zehnjährigen US-Staatsanleiherenditen in Reaktion auf die schwächer als erwartet ausgefallenen Inflationsdaten im Wochenverlauf nachgaben und zeitweise unter 1,30% lagen, stiegen die Bund-Renditen im gleichen Zeitraum an, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Zehnjährige Bunds würden jetzt bei -0,30% rentieren. Dabei hätten sich die Konjunkturerwartungen tendenziell eingetrübt. Zwar sei die Industrieproduktion in der Eurozone im Juli gestiegen, aber über die letzten Monate sei keine Dynamik nach oben zu beobachten. Das liege ganz offensichtlich an den Lieferengpässen, die bei der deutschen Industrie ganz besonders deutlich würden.

Diese Angebotsprobleme seien auch der wichtigste Grund, warum das Wirtschaftsforschungsinstitut IWH in Halle seine Prognose für das laufende Jahr kräftig nach unten revidiert habe und jetzt nur noch von einem Wirtschaftswachstum von 2,2% ausgehe. Das DIW in Berlin nehme seine Prognose von über 3% sogar auf 2,1% zurück, sei aber für das kommende Jahr optimistisch, dass man mit einer Rate von knapp 5% expandieren könnte.

Die etwas vorsichtigere Stimmung an den Märkten werde auch verstärkt durch die Probleme des chinesischen Immobilienentwicklers Evergrande, der mit einem Schuldenberg von umgerechnet 300 Mrd. US-Dollar in Zahlungsschwierigkeiten zu sein scheine. Bloomberg berichte, dass die am 20.09. fälligen Zinszahlungen möglicherweise nicht geleistet werden könnten. Die Ratingagentur Fitch gehe trotz der Probleme davon aus, dass eine Destabilisierung des Bankensektors und des Immobiliensektors weniger wahrscheinlich sei, da es nicht im Interesse der Regierung sei und diese die Werkzeuge habe, um die Krise zu kontrollieren.

Diese Woche werde die US-Notenbank tagen (22.09.). Beim letzten Mal hätten sich die Hinweise darauf verdichtet, dass bei dieser Sitzung ein Zeitplan mit dem Pfad zur Reduktion der Anleiheankäufe kommuniziert werde. In der Zwischenzeit seien jedoch relativ schwache Arbeitsmarktzahlen veröffentlicht worden und daher würden die Analysten es für denkbar halten, dass man diese Entscheidung erneut vertage, zumal die Inflation nicht weiter gestiegen sei. Falls man doch einen Tapering-Plan vorlege, würden die Analysten von einem relativ sanften Ausstiegsszenario ausgehen, bei dem man sich zehn bis zwölf Monate Zeit lasse, um die Nettoanleiheankäufe auf Null herunterzufahren.

Darüber hinaus werfe die Bundestagswahl am 26. September ihre Schatten voraus. Eines scheine sicher zu sein: Die Koalitionsverhandlungen dürften relativ lange dauern, weil es viele mögliche Machtkonstellationen gebe. Sollte es zu einer SPD-geführten Bundesregierung kommen, dürften die Anleiherenditen tendenziell steigen, weil die Marktteilnehmer bei einer derartigen Konstellation mit höheren Staatsschulden rechnen würden, die den Bond-Markt stärker belasten würden. Umgekehrt sollte eine Politik, die eher auf die Wiedereinführung der Schuldenbremse setze (FDP, CDU) an den Rentenmärkten für einen Renditenrückgang sorgen. Man müsse jedoch festhalten, dass angesichts der zu erwartenden Hängepartie, die auch mehrerer Monaten dauern könne, eine klare Reaktion an den Märkten verwunderlich wäre.

Datenseitig sei auf die PMI-Schnellschätzungen für die Eurozone (23.09.) sowie den ifo-Index für Deutschland (24.09.) zu achten. Angesichts der Furcht vor einem Einbruch des Immobilienmarktes in den USA sollte man unter anderem auf den NAHB-Stimmungsindex für Wohnimmobilienbau einen Blick werfen (20.09.). Für Aktionäre sei es außerdem interessant, wie der DAX in seiner neuen Zusammensetzung mit 40 Mitgliedern am 20.09. starte. (Ausgabe vom 16.09.2021) (20.09.2021/alc/a/a)