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Rentenmärkte: Drohender Stillstand in Washington


05.10.23 13:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen für Staatsanleihen in den USA und Deutschland sind in den vergangenen Tagen kräftig angestiegen, um zuletzt wieder leicht nachzugeben, so Dr. Tariq Chaudhry, Analyst bei der Hamburg Commercial Bank.

Die zehnjährigen T-Notes hätten aktuell eine Rendite von 4,71%, während die deutschen Bundesanleihen mit entsprechender Laufzeit bei 2,92% lägen. Besonders auffällig sei, dass die Renditen für längere Laufzeiten stärker ansteigen würden als für kürzere Laufzeiten. Dies deute darauf hin, dass Anleger anscheinend die aktuellen Zinssätze angesichts anhaltender Inflation und längerfristig hoher Zinsen als zu niedrig empfinden und deshalb vermehrt längerfristige Staatsanleihen verkaufen würden.

Die wirtschaftlichen Daten, insbesondere in den USA, würden trotz einiger Herausforderungen nach wie vor stabil bleiben. Allerdings würden sich zunehmend die Aussichten für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung verschlechtern, insbesondere aufgrund der politischen Unruhen in Washington. Die wirtschaftliche Lage in Europa bleibe weiterhin angespannt. Hinzu komme, dass die Inflation spürbar zurückgegangen sei, was die Erwartungen an eine Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank in diesem Monat dämpfe.

In den USA gebe es immer noch Marktteilnehmer, die nicht davon überzeugt seien, dass der Zyklus der Zinserhöhungen bereits sein Ende erreicht habe. Diese Überzeugung werde durch den kürzlich gestiegenen Index für persönliche Konsumausgaben (PCE) weiter gestärkt.

Die Wirtschaft in den USA zeige sich weiterhin sehr resilient. Selbst das Verarbeitende Gewerbe, das in den letzten Monaten stetig geschrumpft sei, zeige erste Anzeichen einer Erholung. Der ISM-Einkaufsmanagerindex sei im September 2023 auf 49 gestiegen, verglichen mit 47,6 im Vormonat und habe damit die Erwartungen des Marktes von 47,8 übertroffen. Dies spiegele den langsamsten Rückgang in der US-Industrie seit zehn Monaten wider. Auch der JOLTS Arbeitsmarktbericht habe positive Überraschungen mit sich gebracht. Im August sei die Zahl der offenen Stellen in den USA unerwartet angestiegen, was auf eine zunehmende Nachfrage nach Arbeitskräften hinweise. Die Anzahl der verfügbaren Stellen sei von revidierten 8,92 Millionen im Juli auf 9,61 Millionen gestiegen.

Besonders irritiert hätten sich die Anleger vom Kampf im Washingtoner Kongress gezeigt, nachdem der Republikaner Kevin McCarthy als erster Sprecher des Repräsentantenhauses aus dem Amt gedrängt worden sei. Der Verlust seines Postens komme zu einem Zeitpunkt, an dem die Gesetzgeber vor einer Reihe von wichtigen Fristen stünden, um einen Regierungsstillstand zu vermeiden. Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe sei wieder auf 4,71% gesunken, nachdem sie am Dienstag mit 4,80% ein 16-Jahres-Hoch erreicht habe. Somit sei die Talfahrt der langlaufenden Staatsanleihen zunächst gestoppt worden.

Anlass dazu hätten die ADP-Daten gegeben, wonach das Beschäftigungswachstum im privaten Sektor im September hinter den Erwartungen zurückgeblieben sei. Allerdings seien die ADP-Daten notorisch unzuverlässig und würden keinen wirklichen Hinweis auf die tatsächliche Arbeitsmarktentwicklung geben, die durch die morgen erscheinenden Payroll-Daten zuverlässiger widergespiegelt werde.

In Europa hätten der Arbeitsmarkt und die Inflationsdaten die Märkte positiv beeinflussen können. Die Inflation in der Eurozone habe sich spürbar im September verlangsamt. Die Inflationsrate sei von 5,2% im Vormonat auf 4,3% gefallen. Dies habe unter dem Durchschnitt von 4,5% gelegen, den Analysten prognostiziert hätten. Der Arbeitsmarkt in der Eurozone sei weiterhin robust geblieben, wobei die Arbeitslosenquote im August auf das historische Tief von 6,4% gesunken sei (im Juli revidiert: 6,5%). Im Vergleich zum Vormonat habe es einen Rückgang von 107.000 Arbeitslosen gegeben, und im Vergleich zum August 2022 sogar einen Rückgang von 407.000.

Allerdings würden die Einzelhandelsumsätze in der Eurozone für Bedenken sorgen, da sie im August 2023 im Vergleich zum Vormonat um 1,2 Prozent zurückgegangen seien. Im Juli habe der Rückgang noch 0,1% betragen, und die Konsensschätzung für August habe bei einem geringeren Rückgang von nur 0,3% gelegen.

In der Eurozone zeichne sich angesichts der fallenden Inflation, robusten Arbeitsmarktzahlen und anhaltend schwachen Konjunkturdaten eine klare Ausrichtung für die Geldpolitik ab. Selbst diejenigen Mitglieder des EZB-Rats, die bisher eine straffe Geldpolitik befürwortet hätten, wie der Gouverneur der Österreichischen Nationalbank, Robert Holzmann, würden nun öffentlich nicht mehr von Zinserhöhungen sprechen. Gouverneur Holzmann habe stattdessen alternative Wege zur Straffung der Geldpolitik ins Gespräch gebracht, darunter die Erhöhung des Mindestreservesatzes auf bis zu zehn Prozent.

Hierbei könnte es sich aber auch um eine Maßnahme handeln, die die Zinszahlungen der EZB an die Banken reduzieren solle. Denn seit Juli würden die Mindestreserven (derzeit bei 1% der Einlagen und sonstigen mindestreservepflichtigen Bilanzpositionen) nicht mehr verzinst. Mit einer Anhebung des Mindestreservesatzes könnte die EZB also seine Zahlungsverpflichtungen gegenüber Banken verringern.

Bei der US-Notenbank (FED) in Washington würden die Spekulationen über eine mögliche Zinserhöhung bis zum Jahresende weiter anhalten. Die Falken innerhalb der FED würden mit dem nach wie vor robusten Arbeitsmarkt argumentieren, der sich unter anderem in den Forderungen der streikenden Arbeiter in US-Autowerken zeige, sowie den gestiegenen Ölpreisen. Die Tauben würden etwas anders argumentieren. Sie würden den Streik als Konjunkturrisiko sehen. Und was die Ölpreise angehe, seien diese in den letzten Tagen, eben wegen verstärkter Konjunktursorgen, kräftig abgesackt.

Die Einschätzung der Analysten sei weiterhin, dass es in diesem Jahr keine weiteren Zinserhöhungen durch die FED geben werde. Die drohende Stilllegung der Regierung und die Wiederaufnahme der Rückzahlung von Studentenkrediten würden die US-Wirtschaft in den kommenden Monaten voraussichtlich erheblich bremsen und die Diskussionen über weitere Zinsanhebungen zum Schweigen bringen.

Datenseitig würden in den USA zunächst Arbeitsmarktdaten (6.10.) erwartet. Der Markt rechne mit 170.000 neugeschaffenen Stellen im September, das sei eine leichte Verlangsamung im Vergleich zum Vormonat, denn da seien es etwa 187.000 gewesen. Für das Oktober-Meeting der FED dürften auch die US-Inflationszahlen (12.10.) von großer Relevanz sein. Das Nowcast-Modell sehe für September eine im Vergleich zum Vormonat gleichbleibende Inflation von 3,7% voraus. Die Kernrate dürfte nach dem Nowcast-Modell im Vergleich zum Vormonat von 4,4% auf 4,3% leicht nachlassen.

In Deutschland würden die August-Zahlen für die Industrieproduktion (9.10.) mit besonderer Spannung erwartet. Die Industrieproduktion scheine im August weiter zurückgegangen zu sein. Das zeige zumindest der LKW-Mautindex, der als besonders guter Frühindikator der Industrieproduktion gewertet werden könne, da die beiden Zeitreihen eine hohe Korrelation aufweisen würden. (05.10.2023/alc/a/a)