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Rentenmärkte: Dramatische Konjunkturzahlen halten Renditen niedrig
17.04.20 08:30
Hamburg Commercial Bank
Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Marktteilnehmer sind derzeit hin- und hergerissen, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.
Auf der einen Seite gebe es weltweit Anzeichen einer noch mit Vorsicht zu genießenden, aber dennoch nicht zu leugnenden Stabilisierung bei den Infektionszahlen. Auf der anderen Seite würden jetzt Konjunkturzahlen über die Nachrichtenticker wandern, die es in sich hätten. Im Ergebnis hätten die Aktienmärkte einige Male vergeblich zu einer Rally angesetzt, während die Renditen der deutschen und amerikanischen Staatsanleihen nur temporär angestiegen seien, jetzt aber mit -47 BP (Bunds, zehn Jahre) bzw. +61 BP (T-Notes, zehn Jahre) niedriger rentieren würden als vor einer Woche.
Konjunkturell breche gerade alles ein, wie etwa in den USA im März die Industrieproduktion und die Einzelhandelsumsätze. Und das sei noch nicht der Tiefpunkt gewesen, der werde vermutlich im April dokumentiert. In der Tat würden die wenigen Daten, die für den aktuellen Monat bekannt seien, einen nie dagewesenen Einbruch zeigen. Beispielsweise sei der PMI-Index für den Staat New York, der sich theoretisch zwischen -100 und +100 Punkten bewegen könne, auf -78 Punkte gefallen, nachdem er im Vormonat noch bei +13 Punkten notiert habe. Der NAHB-Index für den US-Bausektor sei ebenfalls abgestürzt, von 72 auf 30 Punkte. Derweil sei die Zahl der Arbeitslosen in den USA auf rund 14 Millionen Personen gestiegen (Summe aus Continuing Jobless Claims und den neu hinzugekommenen Initial Jobless Claims), was einer Arbeitslosenquote von über 9% entspreche. Die FED von St. Louis könne sich sogar einen Anstieg der Rate auf 32% vorstellen.
Sicher sei vor allem eines: Zunächst würden sich die Zahlen am Arbeitsmarkt weiter verschlechtern. Das gelte auch für die Eurozone und Deutschland. Vermutlich sei der Effekt hierzulande aber weniger ausgeprägt, da durch die Kurzarbeit zumindest kurzfristig ein Großteil der Beschäftigungslosigkeit aufgefangen werde. In Deutschland hätten nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit 725.000 Unternehmen Kurzarbeit angemeldet. Die schlechten Konjunkturdaten würden in der kommenden Woche zunächst von IHS Markit (PMI) und vom ifo-Institut kommen. Beide Institutionen dürften melden, dass sich im Verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungssektor die Stimmung erneut verschlechtert habe. Man könne nicht ausschließen, dass einige Anleger den Mut hätten, durch diese Zahlen hindurchzuschauen und sich nur an den sich stabilisierenden Corona-Infektionszahlen orientieren. Das würde den Renditen wieder etwas Auftrieb geben.
An der Coronafront gebe es ja durchaus ein paar Hoffnungszeichen, denn insbesondere in Europa habe die Zahl der neuen Infektionen nach unten tendiert. Entsprechend würden die meisten Regierungen mit vorsichtigen Schritten einer Lockerung der bisherigen Shutdown-Maßnahmen anfangen. Insbesondere könnten in Spanien und Italien Unternehmen, die nicht-essenzielle Güter produzieren würden, die Produktion wieder aufnehmen. In Deutschland wage man unter anderem die Öffnung von Einzelhandelsläden mit einer Fläche von bis zu 800 m2. Insgesamt sei der Weg hin zu einer Normalisierung, mit der endgültig nur für den Fall zu rechnen sei, dass ein Impfstoff gefunden worden sei, noch sehr lang. Insofern würden die Analysten der Hamburg Commercial Bank auch nicht mit einem anhaltenden Anstieg der Renditen der Bundesanleihen rechnen.
Das gelte umso mehr, als der Ölpreis erneut unter Druck gekommen sei. Öl der Sorte WTI habe zeitweise unter 20 US-Dollar/Barrel gelegen, nachdem sich zunächst der Preis infolge der Einigung zwischen Saudi-Arabien und Russland stabilisiert habe, die Marktteilnehmer dann aber realisiert hätten, dass zwischen der Kürzung von 9,7 Mio. Barrel/Tag und dem vermutlichen Nachfragerückgang von 25 Mio Barrel/Tag eine große Lücke klaffe, die sich vermutlich nicht so bald schließen werde. In diesem Umfeld dürfte die Inflation noch weiter sinken und die jüngsten Teuerungsraten aus der Eurozone würden belegen, dass sich der niedrigere Sprit- und Heizölpreis bereits in der Gesamtinflationsrate niederschlage. So sei die Jahresrate der Inflation in der Eurozone deutlich gesunken und bewege sich in Italien und Spanien bei 0,1%.
Für die Bunds komme noch ein anderer altbekannter Effekt hinzu: Die Angst vor einer Wiederbelebung der Eurokrise. Denn spätestens nachdem der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Schätzungen für die Entwicklung der öffentlichen Verschuldung abgebeben habe, dürfte jedem klar geworden sein, dass insbesondere Italien aus eigener Kraft nur schwerlich in der Lage sein werde, die Investoren bei der Stange zu halten. So schätze der IWF, dass Italiens Budgetdefizit dieses Jahr 8,3% des BIP betragen und die öffentliche Verschuldung auf 155,5% steigen werde. Die Spreads für italienische Staatsanleihen hätten sich ausgeweitet, zumal von Deutschland und den Niederlanden kein Signal komme, dass man bereit wäre, über den jüngsten Vorschlag der EU-Kommission, einen gemeinsam finanzierten Fonds im Volumen von bis zu 1,5 Billionen Euro zu diskutieren oder gar mitzutragen. (Ausgabe vom 16.04.2020) (17.04.2020/alc/a/a)
Auf der einen Seite gebe es weltweit Anzeichen einer noch mit Vorsicht zu genießenden, aber dennoch nicht zu leugnenden Stabilisierung bei den Infektionszahlen. Auf der anderen Seite würden jetzt Konjunkturzahlen über die Nachrichtenticker wandern, die es in sich hätten. Im Ergebnis hätten die Aktienmärkte einige Male vergeblich zu einer Rally angesetzt, während die Renditen der deutschen und amerikanischen Staatsanleihen nur temporär angestiegen seien, jetzt aber mit -47 BP (Bunds, zehn Jahre) bzw. +61 BP (T-Notes, zehn Jahre) niedriger rentieren würden als vor einer Woche.
Konjunkturell breche gerade alles ein, wie etwa in den USA im März die Industrieproduktion und die Einzelhandelsumsätze. Und das sei noch nicht der Tiefpunkt gewesen, der werde vermutlich im April dokumentiert. In der Tat würden die wenigen Daten, die für den aktuellen Monat bekannt seien, einen nie dagewesenen Einbruch zeigen. Beispielsweise sei der PMI-Index für den Staat New York, der sich theoretisch zwischen -100 und +100 Punkten bewegen könne, auf -78 Punkte gefallen, nachdem er im Vormonat noch bei +13 Punkten notiert habe. Der NAHB-Index für den US-Bausektor sei ebenfalls abgestürzt, von 72 auf 30 Punkte. Derweil sei die Zahl der Arbeitslosen in den USA auf rund 14 Millionen Personen gestiegen (Summe aus Continuing Jobless Claims und den neu hinzugekommenen Initial Jobless Claims), was einer Arbeitslosenquote von über 9% entspreche. Die FED von St. Louis könne sich sogar einen Anstieg der Rate auf 32% vorstellen.
An der Coronafront gebe es ja durchaus ein paar Hoffnungszeichen, denn insbesondere in Europa habe die Zahl der neuen Infektionen nach unten tendiert. Entsprechend würden die meisten Regierungen mit vorsichtigen Schritten einer Lockerung der bisherigen Shutdown-Maßnahmen anfangen. Insbesondere könnten in Spanien und Italien Unternehmen, die nicht-essenzielle Güter produzieren würden, die Produktion wieder aufnehmen. In Deutschland wage man unter anderem die Öffnung von Einzelhandelsläden mit einer Fläche von bis zu 800 m2. Insgesamt sei der Weg hin zu einer Normalisierung, mit der endgültig nur für den Fall zu rechnen sei, dass ein Impfstoff gefunden worden sei, noch sehr lang. Insofern würden die Analysten der Hamburg Commercial Bank auch nicht mit einem anhaltenden Anstieg der Renditen der Bundesanleihen rechnen.
Das gelte umso mehr, als der Ölpreis erneut unter Druck gekommen sei. Öl der Sorte WTI habe zeitweise unter 20 US-Dollar/Barrel gelegen, nachdem sich zunächst der Preis infolge der Einigung zwischen Saudi-Arabien und Russland stabilisiert habe, die Marktteilnehmer dann aber realisiert hätten, dass zwischen der Kürzung von 9,7 Mio. Barrel/Tag und dem vermutlichen Nachfragerückgang von 25 Mio Barrel/Tag eine große Lücke klaffe, die sich vermutlich nicht so bald schließen werde. In diesem Umfeld dürfte die Inflation noch weiter sinken und die jüngsten Teuerungsraten aus der Eurozone würden belegen, dass sich der niedrigere Sprit- und Heizölpreis bereits in der Gesamtinflationsrate niederschlage. So sei die Jahresrate der Inflation in der Eurozone deutlich gesunken und bewege sich in Italien und Spanien bei 0,1%.
Für die Bunds komme noch ein anderer altbekannter Effekt hinzu: Die Angst vor einer Wiederbelebung der Eurokrise. Denn spätestens nachdem der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Schätzungen für die Entwicklung der öffentlichen Verschuldung abgebeben habe, dürfte jedem klar geworden sein, dass insbesondere Italien aus eigener Kraft nur schwerlich in der Lage sein werde, die Investoren bei der Stange zu halten. So schätze der IWF, dass Italiens Budgetdefizit dieses Jahr 8,3% des BIP betragen und die öffentliche Verschuldung auf 155,5% steigen werde. Die Spreads für italienische Staatsanleihen hätten sich ausgeweitet, zumal von Deutschland und den Niederlanden kein Signal komme, dass man bereit wäre, über den jüngsten Vorschlag der EU-Kommission, einen gemeinsam finanzierten Fonds im Volumen von bis zu 1,5 Billionen Euro zu diskutieren oder gar mitzutragen. (Ausgabe vom 16.04.2020) (17.04.2020/alc/a/a)


