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Rentenmärkte: Diskussion um Zinserhöhungen


11.02.22 08:57
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die langfristigen Renditen der Benchmark-Staatsanleihen haben sich in den vergangenen Tagen nach einem Niveau-Sprung infolge der EZB-Sitzung nicht mehr stark geändert, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Zehnjährige Bunds würden bei 0,22% rentieren, die korrespondierenden T-Notes bei 1,93%. Derweil herrsche innerhalb der EZB offensichtlich noch keine Einigung hinsichtlich der Frage, wann eine erste Zinserhöhung erfolgen solle. Bundesbankpräsident Joachim Nagel habe sich ähnlich wie sein Vorgänger Jens Weidmann als Falke positioniert und plädiere für eine baldige Zinserhöhung, am besten noch in diesem Jahr, wenn sich bis März nichts Wesentliches ändere. Eine zu späte Straffung sei womöglich gefährlicher als eine zu frühe. Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel hingegen betone, dass beides Gefahren berge, eine zu frühe oder eine zu späte Aktion. Der französische Notenbankchef Villeroy de Galhau habe gesagt, die Märkte hätten auf die EZB-Sitzung der vergangenen Woche etwas überreagiert, womit er offensichtlich meine, die Anleger preisten zu viele oder zu starke Zinserhöhungen ein.

Derweil könne man feststellen, dass die deutschen Exporteure mit den Lieferkettenproblemen relativ gut zurechtkämen, zumindest auf den ersten Blick. Im vergangenen Jahr hätten die Exporte Deutschlands um nominal 14% gegenüber 2020 zugelegt. Allerdings sei nach vorläufigen Angaben fast die Hälfte dieses Zuwachses auf höhere Preise zurückzuführen, der mengenmäßige Zuwachs belaufe sich auf schätzungsweise 8,5%. Gegenüber 2019 lägen die Exporte in realer Rechnung sogar rund 2% niedriger. Ganz spurlos würden die Produktions- und Lieferprobleme doch nicht an der Exportwirtschaft vorbeigehen.

Geopolitisch stehe neben dem Russland-Ukraine-Konflikt nunmehr auch der Iran wieder im Fokus. Am vergangenen Dienstag (08.02.) hätten der Iran und die USA ihre Verhandlungen fortgesetzt und offensichtlich seien dort Fortschritte erzielt worden. Es werde davon gesprochen, dass eine Rückkehr zum alten Abkommen möglich sei, und zwar schon bis zum Ende des Monats. US-Präsident Joe Biden habe in seinem Wahlkampf versprochen, dass er das Abkommen, aus dem sein Vorgänger Donald Trump ausgestiegen sei, wiederbeleben möchte. Es liege allerdings auch die Vermutung nahe, dass der hohe Ölpreis die Bereitschaft der USA, sich auf Kompromisse einzulassen, erhöht habe. Denn der Iran würde im Fall eines Abkommens wieder in einem begrenzten Maße Erdöl exportieren können, womit sich das Ölangebot erhöhen und die Preise möglicherweise wieder etwas sinken würden. Das würde entsprechend zu einem Rückgang der Inflation beitragen.

In der kommenden Woche stehe am Dienstag (15.02.) der Besuch von Bundeskanzler Scholz in Moskau auf der Agenda, am 16.02. fänden wieder Bund-Länder-Gespräche zu Corona statt und bis zum Ende der Woche (18.02.) müsste der US-Kongress einen Haushalt verabschieden, weil ansonsten wieder ein sogenannter "Government Shutdown" drohe. Dass am Montag (14.02., sei übrigens auch Valentinstag) wieder eine Zinszahlung von Evergrande fällig werde, scheine an den Märkten kaum auf Interesse zu stoßen.

Datenseitig sehe es relativ karg aus. Vor allem auf die USA sei zu schauen, wo am 16.02. die Einzelhandelsumsätze, die Industrieproduktion (beides für Dezember) sowie der NAHB Stimmungsindex für den Wohnungsbausektor veröffentlicht würden. Die Industrieproduktion in der Eurozone für Dezember biete wenig Überraschungspotenzial, da die Produktion in den vier großen Euroländern (überall MoM gesunken) bereits bekannt gegeben worden sei. Beachtung finden dürften die BIP-Zahlen der Eurozone (erste Revision) sowie die Januar-Produzentenpreise in den USA (beides am 15.02.) (Ausgabe vom 10.02.2022) (11.02.2022/alc/a/a)