Rentenmärkte: Deutschland - Inflationsziel in greifbarer Nähe


30.08.24 10:15
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen auf den Rentenmärkten in den USA und Deutschland stabilisieren sich und sind zuletzt leicht gestiegen: T-Notes notieren bei 3,83% und Bunds bei 2,24%, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Zuvor seien sie durch unerwartet niedrige Inflationszahlen aus Deutschland gedrückt worden. In einer datenarmen Woche hätten in den USA die stark gestiegenen Auftragseingänge für langlebige Güter im Juli die Renditen gestützt, während NVIDIA mit optimistischen, aber unter den höchsten Marktschätzungen liegenden Prognosen die Renditen leicht gedämpft habe.

In Deutschland dominiere weiterhin ein düsteres Bild: Der ifo-Geschäftsklimaindex signalisiere im August eine anhaltende wirtschaftliche Schwäche, und der GfK-Konsumklimaindikator habe im September aufgrund von Arbeitsplatzängsten trotz guter Reallohnentwicklung enttäuscht. Positiv zu vermerken sei jedoch der Rückgang der Inflationsrate in Nordrhein-Westfalen um 0,3% im August, was das Erreichen des 2%-Ziels in Deutschland wahrscheinlicher mache. Die EZB bleibe jedoch vorsichtig bei Zinssenkungen; HCOB Economics rechne nur mit einer weiteren Zinssenkung bis Jahresende. In den USA deute vieles auf eine Zinssenkung im September hin, und HCOB Economics erwarte insgesamt zwei Zinssenkungen bis Jahresende, trotz einiger Bedenken innerhalb der FED.

In den letzten Wochen habe es nur wenige Konjunkturdaten aus den USA gegeben, wodurch die Auftragseingänge bei langlebigen Industriegütern in den Fokus gerückt seien. Diese seien im Juli 2024 um 9,9% gegenüber dem Vormonat gestiegen und hätten damit den Rückgang von 6,9% im Vormonat mehr als wettgemacht. Der Gesamtanstieg sei vor allem auf Transportmittel zurückzuführen, die um 34,8% auf 102,2 Mrd. USD gestiegen seien.

Ohne Berücksichtigung des Transportwesens sei der Auftragseingang um 0,2% gesunken. Dies sei der stärkste Anstieg seit Mai 2020 gewesen und habe deutlich über den Markterwartungen von 5% gelegen. Diese Entwicklung habe dem zunehmenden Pessimismus bezüglich der US-Produktionsaktivität widersprochen und deute darauf hin, dass die aktuelle Verlangsamung möglicherweise nur vorübergehend sei.

Ein weiteres Highlight seien die mit Spannung erwarteten Quartalszahlen von NVIDIA gewesen. Der Chip-Gigant, der über 6% der Marktkapitalisierung des S&P 500 ausmache, beeinflusse zunehmend den Markttrend und das Momentum. Obwohl NVIDIAs Umsatzprognose für das dritte Quartal mit 32,5 Mrd. USD über der durchschnittlichen Analystenschätzung von 31,9 Mrd. USD gelegen habe, sei sie hinter den höchsten Schätzungen von bis zu 37,9 Mrd. USD zurückgeblieben. Dies habe zu einem Kursrückgang der Aktie im nachbörslichen Handel geführt. Diese Reaktion habe die Ankündigung eines zusätzlichen Aktienrückkaufs in Höhe von 50 Mrd. USD und die besser als erwarteten Einnahmen aus den Rechenzentren überschattet.

In Deutschland bleibe die wirtschaftliche Lage angespannt. Der ifo-Geschäftsklimaindex sei im August 2024 auf 86,6 gefallen, den niedrigsten Wert seit Februar, nach 87 im Juli. Dieser Rückgang spiegele den zunehmenden Pessimismus der Unternehmen und eine verschlechterte Einschätzung ihrer aktuellen Lage wider. Auch der GfK-Konsumklimaindikator sei schwach ausgefallen und werde von Anlegern aufmerksam verfolgt, obwohl er nur eine geringe Korrelation zu den Einzelhandelsumsätzen aufweise. Der GfK-Indikator sei bis September 2024 auf -22,0 gesunken, verglichen mit -18,6 in der Vorperiode und unter den Markterwartungen von -18,0. Dies sei der niedrigste Stand seit Mai, geprägt von Sorgen um Arbeitsplatzsicherheit, einem Anstieg der Unternehmensinsolvenzen und einer schwachen Wirtschaft.

Die steigende Arbeitslosenquote, zunehmende Insolvenzen und Pläne zum Personalabbau in verschiedenen Unternehmen würden die Unsicherheit der Haushalte erhöhen, was eine Erholung der Verbraucherstimmung unwahrscheinlich mache. Auf der Inflationsseite würden die Verbraucherpreisindices der deutschen Bundesländer auf einen Rückgang der Gesamtinflation im August hindeuten. Das Modell der Analysten, basierend auf den VPIs der Bundesländer, prognostiziere einen Rückgang der Gesamtinflation in Deutschland um 0,5 Prozentpunkte auf 1,8%, Ein gewichteter Durchschnitt der verfügbaren Daten zur Kerninflation in den einzelnen Bundesländern zeige, dass die Kerninflation auf nationaler Ebene von 2,9% im Juli auf 2,6% gesunken sein dürfte.

Trotz der positiven Entwicklung der deutschen Inflation werde die EZB wohl vorsichtig in ihrer Kommunikation bleiben, um überzogene Erwartungen hinsichtlich drastischer Zinssenkungen zu dämpfen. An den Futuresmärkten würden noch zweieinhalb Zinssenkungen in diesem Jahr als sehr wahrscheinlich eingepreist. Dagegen positioniere sich EZB-Chefökonom Philip Lane klar und warne, dass das Erreichen des Inflationsziels in der Eurozone "noch nicht sicher" sei. Er betone, dass der geldpolitische Kurs so lange restriktiv bleiben müsse, wie es nötig sei, um den Disinflationsprozess rechtzeitig zum Ziel zu führen.

Das hawkische EZB-Ratsmitglied Robert Holzmann gehe sogar so weit zu sagen, dass die Zinssätze im September möglicherweise nicht gesenkt würden. HCOB Economics widerspreche dieser Einschätzung und rechne mit einer einzigen Zinssenkung im September, die bis Jahresende Bestand haben dürfte. Insbesondere würden die Analysten davon ausgehen, dass ab September die Inflation wieder ansteige. Bei der FED würden sich die Anleger seit der Rede von FED-Chef Jerome Powell in Jackson Hole darin bestätigt fühlen, dass noch mehrere Zinssenkungen bis zum Jahresende bevorstünden. Die Futuresmärkte würden derzeit über vier Zinssenkungen einpreisen. HCOB Economics teile diesen Optimismus nicht und prognostiziere lediglich zwei Zinssenkungen bis zum Jahresende.

In den USA stünden wichtige Konjunkturdaten an, die die FED-Entscheidung am 18. September beeinflussen könnten. Erwartet werde, dass der PCE-Preisindex für Juli (30.08.) um 0,1% im Monatsvergleich steige, während die Jahresrate bei 2,5% bleibe. Auch die ISM-Indices für das Verarbeitende Gewerbe (03.09.) und den Dienstleistungssektor (05.09.) würden entscheidend sein, um die wirtschaftliche Lage im dritten Quartal zu bewerten.

Besonders im Fokus stehe der Arbeitsmarktbericht (06.09.), da schwache Zahlen den Druck auf die FED für Zinssenkungen erhöhen könnten. In Deutschland seien die Einzelhandelsumsätze (30.08.) und die Industrieproduktionsdaten für Juli (06.09.) von Bedeutung für die EZB. Während die Konsumdaten einen Überblick über die Wirtschaftslage bieten würden, werde bei der Industrieproduktion kaum Veränderung erwartet, da sich der LKW-Mautindex stabil zeige. (Ausgabe vom 29.08.2024) (30.08.2024/alc/a/a)