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Renten- und Aktienmärkte passen nicht zusammen
23.10.20 08:30
Hamburg Commercial Bank
Hamburg (www.anleihencheck.de) - In den vergangenen Tagen sind die langfristigen Staatsanleiherenditen sowohl in den USA als auch in der Eurozone gestiegen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank.
Gleichzeitig habe die EU-Kommission erstmals Social-Bonds emittiert, für die die Orderbücher aus allen Nähten geplatzt seien: Mit 233 Mrd. Euro seien die Emissionen mit zehn- und zwanzigjähriger Laufzeit 14fach überzeichnet gewesen. Die zehnjährigen Titel seien mit einer Rendite von -0,24% platziert worden. Der Anstieg der Staatsanleiherenditen habe nicht so recht zu den Aktienmärkten gepasst, die seit dem Wochenbeginn tendenziell nachgegeben hätten. In den USA habe man sich zeitweise Hoffnung darauf gemacht, dass sich die Republikaner und die Demokraten doch noch auf ein neues Hilfspaket vor der Wahl am 3. November einigen würden. Das erscheine nach dem jetzigen Stand der Dinge nunmehr aber unwahrscheinlich.
Die Analysten würden allerdings damit rechnen, dass für den Fall eines Wahlsieges der Demokraten in beiden Häusern des Kongresses und einem Sieg des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden relativ zügig ein neues Stimulusprogramm im Volumen von über 2 Billionen US-Dollar verabschiedet werde. Die Wahlumfragen würden ein derartiges Szenario realistisch erscheinen lassen. Die höheren Renditen würden möglicherweise diese Erwartung widerspiegeln.
Die Aktienmärkte dagegen scheinen zunächst enttäuscht zu sein, dass das Paket nicht früher komme. Außerdem bedeute ein Wahlsieg Bidens, dass die Steuern irgendwann erhöht werden dürften. Auf der anderen Seite würden die Investoren aber auch berücksichtigen, dass die Politik generell unter einem Präsidenten Biden berechenbarer werden sollte.
Zunächst aber würden die Aktienmärkte auch durch die sich wieder verschärfende Corona-Krise belastet. Das gelte übrigens nicht nur für Europa, sondern auch für die USA. Dort hätten die täglichen Neuinfektionen mittlerweile wieder die Zahl von 60.000 überschritten, nachdem man zeitweise unter 40.000 gefallen sei. Außerdem sei die Zahl der Menschen, die aufgrund von Corona in Krankenhäuser eingeliefert worden seien, in den USA auf den höchsten Wert seit zwei Monaten gestiegen. Mit der kalten Jahreszeit sei mit einem weiteren Anstieg zu rechnen, ohne dass von umfassenden Bemühungen berichtet werde, über Shutdown-Maßnahmen die Infektionsdynamik zu bremsen.
Das sei in Europa anders. In Frankreich gelte in vielen Städten, einschließlich Paris, die höchste Corona-Warnstufe. Bars und Cafés müssten schließen, auch Turnhallen und Schwimmbäder dürfen nicht öffnen. Ähnliches gelte in Madrid und Brüssel. In ganz Italien und Polen sei eine Maskenpflicht im Freien angeordnet worden. In Tschechien, das europaweit die relativ höchsten Fallzahlen aufweise, seien fast sämtliche Freizeitaktivitäten massiv eingeschränkt worden und in Großbritannien habe man eine Art Ampelsystem eingeführt, das stufenweise die Kontaktmöglichkeiten der Bürger einschränke. In Irland müssten infolge eines Lockdowns sogar alle Geschäfte mit Ausnahme der Läden zur Grundversorgung schließen. In diesem Umfeld werde die Stimmung gedrückt bleiben und die Staatsanleiherenditen würden kaum ihren jüngsten Anstieg fortsetzen.
Das beschriebene Umfeld sei auch der Hintergrund, vor dem die Europäische Zentralbank am kommenden Donnerstag (29.10.) tage. Wichtigstes Thema dürfte die Frage sein, ob und wann das PEPP-Anleiheankaufprogramm ausgeweitet werde. Es gebe Widerstand gegen diese Pläne, unter anderem von Bundesbankpräsident Jens Weidmann. Aber dieser Widerstand könnte bröckeln, bedenke man die sich abzeichnende Konjunktureintrübung, die angesichts der Corona-Zahlen immer wahrscheinlicher werde.
Darüber hinaus dürfte es darum gehen, wie die EZB in Zukunft klimapolitische Überlegungen in ihrer Strategie berücksichtige. Im Vorfeld eines gestern (21.10.) stattgefundenen Bürgerdialogs mit der EZB habe die Umweltorganisation Greenpeace massive Kritik an der bisherigen Anleiheankaufpolitik geübt. Gemäß einer Analyse von Greenpeace, der New Economics Foundation und drei britischer Universitäten kaufe die EZB einen überproportionalen Anteil Anleihen von Unternehmen aus kohlenstoffintensiven Sektoren. Der Anteil belaufe sich auf 63%, während der Anteil dieser Sektoren an der gesamten Bruttowertschöpfung nur 29% ausmache.
Kurzfristig würden die Märkte beobachten, welchen Einfluss die heutige Fernsehdebatte (in der Nacht vom 22.10 auf den 23.10.) zwischen Trump und Biden auf die Wahlumfragen habe. Zuletzt sei der Vorsprung Bidens gegenüber Trump wieder kräftig zurückgegangen, auf 7,5 Prozentpunkte. Vor zehn Tagen habe Biden noch 10,3 Prozentpunkte vorne gelegen. Weiter würden die Brexit-Verhandlungen in den kommenden Tagen eine Rolle spielen. EU-Unterhändler Michel Barnier reise nunmehr doch nach London, nachdem man ihn zunächst ausgeladen habe.
Außerdem werde Ende Oktober China über seinen neuen Fünfjahresplan beraten. Vom 26. bis 29. Oktober werde die Plenarsitzung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei stattfinden. Die endgültige Verabschiedung des Fünfjahresplans erfolge dann im März nächsten Jahres, beim Nationalen Volkskongress.
Datenseitig würden in den kommenden Tagen zahlreiche schwergewichtige Indikatoren veröffentlicht. Morgen (23.10.) könnten die Oktober-Vorabveröffentlichungen der PMI-Indices für die Deutschland, Frankreich und die Eurozone bestätigen, dass sich das Wachstum bereits wieder abschwäche. Das gleiche gelte für den ifo-Index (26.10.). Die Q3 BIP-Daten aus Deutschland, Italien, der Eurozone (30.10.) und den USA (29.10.) sollten einen kräftigen Rückpralleffekt nach dem tiefen Absturz im zweiten Quartal zeigen, dürften aber nicht fortgeschrieben werden. Etwas näher am aktuellen Rand seien dagegen unter anderem die US-Auftragseingänge für September (27.10.) und die Arbeitslosenzahlen in Deutschland (Oktober, 29.10.). (Ausgabe vom 22.10.2020) (23.10.2020/alc/a/a)
Gleichzeitig habe die EU-Kommission erstmals Social-Bonds emittiert, für die die Orderbücher aus allen Nähten geplatzt seien: Mit 233 Mrd. Euro seien die Emissionen mit zehn- und zwanzigjähriger Laufzeit 14fach überzeichnet gewesen. Die zehnjährigen Titel seien mit einer Rendite von -0,24% platziert worden. Der Anstieg der Staatsanleiherenditen habe nicht so recht zu den Aktienmärkten gepasst, die seit dem Wochenbeginn tendenziell nachgegeben hätten. In den USA habe man sich zeitweise Hoffnung darauf gemacht, dass sich die Republikaner und die Demokraten doch noch auf ein neues Hilfspaket vor der Wahl am 3. November einigen würden. Das erscheine nach dem jetzigen Stand der Dinge nunmehr aber unwahrscheinlich.
Die Analysten würden allerdings damit rechnen, dass für den Fall eines Wahlsieges der Demokraten in beiden Häusern des Kongresses und einem Sieg des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden relativ zügig ein neues Stimulusprogramm im Volumen von über 2 Billionen US-Dollar verabschiedet werde. Die Wahlumfragen würden ein derartiges Szenario realistisch erscheinen lassen. Die höheren Renditen würden möglicherweise diese Erwartung widerspiegeln.
Die Aktienmärkte dagegen scheinen zunächst enttäuscht zu sein, dass das Paket nicht früher komme. Außerdem bedeute ein Wahlsieg Bidens, dass die Steuern irgendwann erhöht werden dürften. Auf der anderen Seite würden die Investoren aber auch berücksichtigen, dass die Politik generell unter einem Präsidenten Biden berechenbarer werden sollte.
Zunächst aber würden die Aktienmärkte auch durch die sich wieder verschärfende Corona-Krise belastet. Das gelte übrigens nicht nur für Europa, sondern auch für die USA. Dort hätten die täglichen Neuinfektionen mittlerweile wieder die Zahl von 60.000 überschritten, nachdem man zeitweise unter 40.000 gefallen sei. Außerdem sei die Zahl der Menschen, die aufgrund von Corona in Krankenhäuser eingeliefert worden seien, in den USA auf den höchsten Wert seit zwei Monaten gestiegen. Mit der kalten Jahreszeit sei mit einem weiteren Anstieg zu rechnen, ohne dass von umfassenden Bemühungen berichtet werde, über Shutdown-Maßnahmen die Infektionsdynamik zu bremsen.
Das beschriebene Umfeld sei auch der Hintergrund, vor dem die Europäische Zentralbank am kommenden Donnerstag (29.10.) tage. Wichtigstes Thema dürfte die Frage sein, ob und wann das PEPP-Anleiheankaufprogramm ausgeweitet werde. Es gebe Widerstand gegen diese Pläne, unter anderem von Bundesbankpräsident Jens Weidmann. Aber dieser Widerstand könnte bröckeln, bedenke man die sich abzeichnende Konjunktureintrübung, die angesichts der Corona-Zahlen immer wahrscheinlicher werde.
Darüber hinaus dürfte es darum gehen, wie die EZB in Zukunft klimapolitische Überlegungen in ihrer Strategie berücksichtige. Im Vorfeld eines gestern (21.10.) stattgefundenen Bürgerdialogs mit der EZB habe die Umweltorganisation Greenpeace massive Kritik an der bisherigen Anleiheankaufpolitik geübt. Gemäß einer Analyse von Greenpeace, der New Economics Foundation und drei britischer Universitäten kaufe die EZB einen überproportionalen Anteil Anleihen von Unternehmen aus kohlenstoffintensiven Sektoren. Der Anteil belaufe sich auf 63%, während der Anteil dieser Sektoren an der gesamten Bruttowertschöpfung nur 29% ausmache.
Kurzfristig würden die Märkte beobachten, welchen Einfluss die heutige Fernsehdebatte (in der Nacht vom 22.10 auf den 23.10.) zwischen Trump und Biden auf die Wahlumfragen habe. Zuletzt sei der Vorsprung Bidens gegenüber Trump wieder kräftig zurückgegangen, auf 7,5 Prozentpunkte. Vor zehn Tagen habe Biden noch 10,3 Prozentpunkte vorne gelegen. Weiter würden die Brexit-Verhandlungen in den kommenden Tagen eine Rolle spielen. EU-Unterhändler Michel Barnier reise nunmehr doch nach London, nachdem man ihn zunächst ausgeladen habe.
Außerdem werde Ende Oktober China über seinen neuen Fünfjahresplan beraten. Vom 26. bis 29. Oktober werde die Plenarsitzung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei stattfinden. Die endgültige Verabschiedung des Fünfjahresplans erfolge dann im März nächsten Jahres, beim Nationalen Volkskongress.
Datenseitig würden in den kommenden Tagen zahlreiche schwergewichtige Indikatoren veröffentlicht. Morgen (23.10.) könnten die Oktober-Vorabveröffentlichungen der PMI-Indices für die Deutschland, Frankreich und die Eurozone bestätigen, dass sich das Wachstum bereits wieder abschwäche. Das gleiche gelte für den ifo-Index (26.10.). Die Q3 BIP-Daten aus Deutschland, Italien, der Eurozone (30.10.) und den USA (29.10.) sollten einen kräftigen Rückpralleffekt nach dem tiefen Absturz im zweiten Quartal zeigen, dürften aber nicht fortgeschrieben werden. Etwas näher am aktuellen Rand seien dagegen unter anderem die US-Auftragseingänge für September (27.10.) und die Arbeitslosenzahlen in Deutschland (Oktober, 29.10.). (Ausgabe vom 22.10.2020) (23.10.2020/alc/a/a)


