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Renten: Eine Welt negativer Zinsen


06.09.16 09:33
fairesearch

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Nach Berechnungen der FT hat sich der Wert von Anleihen mit negativer Renditen, sowohl Staatsanleihen als auch Unternehmensanleihen, inzwischen auf weltweit USD 13,4 Billionen erhöht, so Dr. Eberhardt Unger von "fairesearch".

Negative Geldmarktzinsen und die Anleihenkäufe der Zentralbanken würden die Kurse treiben. Beides gehe auf die ultra-expansive Geldpolitik der wichtigsten Notenbanken zurück. Sie wollten damit den Konjunkturverlauf stimulieren und einen sich selbst tragenden Aufschwung in Gang setzen. Doch die Erfolge seien bisher ausgeblieben. Dafür würden die Schulden aller Sektoren steigen. Sie dürften gegenwärtig bei USD 225 Billionen liegen. Inzwischen würden sich die Stimmen mehren, die auf die negativen Auswirkungen derart niedriger Zinsen hinweisen würden.

Sinkende Leitzinsen würden die Kreditaufnahme für neue Investitionen verbilligen. Die Produktion von Produktionsgütern wiederum führe zu höherer Beschäftigung, was den Konsum fördere. Multiplikatorwirkungen mit Hebelwirkung würden die Konjunktur stimulieren. Soweit die Theorie. Doch je weiter die Leitzinsen sinken würden, desto weniger würden sie zur Stimulierung nützen.

Wenn ein Unternehmer nicht bei 2% investiere, werde er das auch nicht bei 1% tun aus Sorge, für die neuen Produkte keine Abnehmer zu finden. Bei einer Senkung auf 0% sehe sich der Unternehmer in seiner Vorsicht bestätigt, die Konjunktur verlaufe ja viel schlechter als bisher angenommen. Bei einer Senkung unter 0% würden die Alarmglocken schrillen, die Notenbank scheine ja einen schweren Konjunktureinbruch zu befürchten. Jetzt bloß keine neuen Investitionen vornehmen. Und dieses Verhalten belaste die Konjunktur zusätzlich. Der Grenznutzen der Leitzinssenkung sei längst erreicht, jede weitere Senkung wirke kontraproduktiv.

An Sparer, Rentenfonds oder Lebensversicherungen, die auf Zinseinnahmen angewiesen seien und ihren dadurch erzwungenen Konsumverzicht, denke bei ZIRP oder gar NIRP niemand. Neue Ersparnisse, die eigentlich die Investitionen finanzieren sollten, an den Geld- und Rentenmärkten anzulegen, würden durch einen Wertverlust bestraft. Anleger würden in immer riskantere Märkte getrieben. Mittel würden in Schwellenländer fließen. Der Grenznutzen der Leitzinssenkung sei längst bei 0.

Die Zinsstruktur werde verzerrt, Kredite würden nicht mehr optimal in produktive und aussichtsreiche Investitionen fließen und könnten dadurch neue Krisen auslösen. Der Zins habe seine Funktion als Marktregulator eingebüßt. Wenn es so "leicht" werde, neue staatliche Schulden zu finanzieren, nehme der Treasurer umso lieber den Weg des geringsten Widerstandes, ohne sich um die künftige Zinsbelastung allzu viele Sorgen zu machen. Wie viel schwieriger und unpopulärer sei es doch, Steuern zu erhöhen oder gar Ausgaben zu kürzen. Reformen würden auf der Strecke bleiben, die Zinssenkungen würden kontraproduktiv.

Die Konjunkturentwicklung in der ganzen Welt sei zwar noch immer anfällig, doch die Sorgen vor einer Deflation hätten sich spürbar verringert. FED-Präsidentin Janet Yellen habe auf der FED-Sitzung in Jackson Hole am 26.08.2016 darauf hingewiesen, dass "das Argument für eine Anhebung der FED Funds Rate in den jüngsten Monaten gestärkt worden ist". Die Märkte würden daher mit einer leichten Erhöhung noch in diesem Jahr rechnen, vermutlich im Dezember.

Die letzte Anhebung sei im Dezember 2015 auf 0,25 bis 0,50% erfolgt. Doch auch für die nächsten beiden Jahre bleibe Yellen zufolge die Unsicherheit groß. Ende 2018 werde die Rate mit einer Wahrscheinlichkeit von 70% zwischen 0% und 4,25% liegen. Der Grund für diese Spannweite der Prognose sei, dass die Wirtschaft regelmäßig von Schocks bewegt werde.

Eine "normale" Zinsstruktur, die weder expansiv noch restriktiv wirke, könnte Geldmarktzinsen von 2 bis 3% und Renditen für 10-jährige Staatsanleihen von 4 bis 5% bieten. Doch sollte bis Ende 2018 der Leitzins wirklich einmal auf 4% steigen, dann würden am Rentenmarkt starke Verluste drohen, insbesondere bei Langläufern. Die Märkte würden solche Risiken weit vorwegnehmen. Auch wenn die EZB an ihrem ultra-expansiven Kurs noch lange festhalte, werde sich der Rentenmarkt in der Eurozone nicht von der Tendenz an der Wall Street abkoppeln können. (Ausgabe vom 05.09.2016) (06.09.2016/alc/a/a)