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Renditerally geht die Puste aus


24.08.23 15:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Nachdem die zehnjährigen Bundrenditen am Freitag (17.08.) in der Spitze 2,71% erreichten, haben die Anleger in den darauffolgenden Tagen doch etwas kalte Füße bekommen und sich wieder etwas stärker mit Bundtiteln eingedeckt, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank.

Im Ergebnis seien die Renditen wieder auf 2,55% gefallen. Zuletzt hätten die schwachen HCOB PMI Flash-Indices für August diesen Renditerückgang beschleunigt, denn in der Eurozone scheine nunmehr auch der Dienstleistungssektor von der Rezession erfasst zu werden, und nicht nur die Industrie. In den USA habe es demgegenüber bei den entsprechenden T-Notes ein Auf und Ab gegeben. In der Spitze hätten die zehnjährigen Titel mit 4,36% auf dem höchsten Stand seit 2008 rentiert, seien zuletzt dann aber auf 4,24% gesunken.

Das relativ hohe Niveau, auf das die US-T-Notes in den vergangenen Wochen gestiegen sei, habe vermutlich auch mit Japans Zinspolitik zu tun. Denn die BoJ habe Ende Juli angekündigt, die bisherige Obergrenze für die Rendite von zehnjährigen Staatstiteln von 0,5% nicht mehr bedingungslos zu verteidigen, sondern gegebenenfalls auch einen Anstieg bis auf 1,0% zuzulassen. Das habe die Händler veranlasst, die Notenbank bis zum Renditeniveau von 0,67 % zu testen, ohne dass die BoJ sich sichtbar gerührt habe. Weitere Tests könnten in den nächsten Tagen folgen. Diese Entwicklung sei insofern bedeutsam für die globalen Bondmärkte, weil der Renditeanstieg in Japan die relative Attraktivität der dortigen Staatsanleihen gegenüber US-Titeln erhöhe. Japanische institutionelle Anleger könnten sich veranlasst sehen, verstärkt amerikanische Titel zu verkaufen und sich stattdessen mit den japanischen Pendants einzudecken. Der Renditeanstieg bei den T-Notes könnte sich daher fortsetzen. In diesem Zusammenhang sei auf die Inflation in Tokyo zu achten, die am 25.08. für August veröffentlicht werde und für die ein Rückgang gegenüber Juli von 3,2% auf 3,0% erwartet werde.

Es gebe noch andere Punkte, die für einen weiteren Anstieg der Renditen sprechen würden. So sei festzustellen, dass die US-Konjunktur sich weiterhin als sehr resilient erweise. Die erwartete Rezession, die die Inflation deutlich nach unten drücken würde, wolle nicht kommen. Das GDP Now Modell der Hamburg Commercial Bank gehe von 4,3% annualisiertem Wachstum im dritten Quartal aus. Damit sei auch offen, ob die FED bei ihrer nächsten Sitzung nicht doch noch ihren Leitzins erhöhen werde. Weiter komme jetzt relativ viel Angebot an T-Notes auf den Markt, nachdem der Streit um die Erhöhung des Schuldenlimits dazu geführt habe, dass netto keine Emissionen mehr hätten stattfinden dürfen. Außerdem baue die FED ihr Portfolio an Staatsanleihen ab, d.h. die Notenbank stütze den Bondmarkt nicht mehr. Und schließlich würden einige Beobachter auch das Downgrading der USA durch die Ratingagentur Fitch als Grund für die höheren Zinsen anführen. Zu beachten sei zudem, dass die Inflation nach Erachten der Hamburg Commercial Bank nicht nachhaltig auf die Zielmarke von 2,0% sinken, sondern strukturell höher bleiben werde - Stichworte seien hier Demografie, Dekarbonisierung und Deglobalisierung -, so dass auch die Inflationserwartungen steigen dürften. Was spreche gegen die These weiter steigender Zinsen? Der kurzfristig zu erwartende Rückgang der Inflation, der aber nach Erachten der Hamburg Commercial Bank nur vorübergehend sein dürfte.

All dies seien Themen, die von Donnerstag bis Samstag (24. Bis 26.08.) beim Zentralbankertreffen in Jackson Hole eine Rolle spielen würden. Letztlich werde die Diskussion darauf hinauslaufen, ob die Notenbanken, und vor allem die FED und die EZB, ihre Zinsen für einen längeren Zeitraum auf dem erhöhten Niveau lassen müssten, oder ob sie schon bald mit Zinssenkungen die Wirtschaft wieder stabilisieren könnten und sollten. Daraus folge auch die Frage, ob die langfristigen Renditen strukturell an einem Wendepunkt angelangt seien, nachdem sie 40 Jahre lang gesunken seien. Derweil seien in den USA die Renditen für dreißigjährige Hypothekenpapiere auf das höchste Niveau seit dem Jahr 2000 gestiegen, was die Sorge wecke, dass die derzeit zu beobachtende Erholung der Immobilienmärkte erneut gefährdet werden könnte.

In China mache man sich über die Inflation keine Sorgen, dort gehe es eher um Deflation. Sie werde gerne als Zeichen für eine schwache Wirtschaft gedeutet. Das sei nur bedingt der Fall, denn es seien in erster Linie die Fleischpreise, die im Juli um 14% YoY zurückgegangen seien, während die Gesamtinflationsrate nur um 0,3% gefallen und die Kernrate (ohne Lebensmittel und Energie) sogar um 0,8% gestiegen sei. Allerdings dürfe man sich über die Schwäche der chinesischen Wirtschaft in jedem Fall Sorgen machen, denn diese werde durch das Wiederaufleben der Immobilienkrise erheblich belastet. So habe der Immobilienentwickler Evergrande, der bereits seit zwei Jahren finanzielle Probleme habe, in New York Gläubigerschutz beantragt. Neben Evergrande sei aber nunmehr auch der Primus unter den Immobilienentwicklern, Country Garden, betroffen.

Das alles belaste das Wachstum und Chinas Regierung wisse nicht so recht, was sie machen solle, außer die Veröffentlichung der Jugendarbeitslosenrate, die zuletzt bei 21,5% gestanden sei, zu stoppen. Chinas Notenbank habe außerdem am 20.08. den einjährigen Leitzins gesenkt, um 10 Basispunkte. Den fünfjährigen für Hypotheken relevanten Zins habe sie allerdings unverändert gelassen und so die Märkte enttäuscht, zumal der Konsens eigentlich ein größere Zinssenkung um 15 BP erwartet habe, nachdem man ein paar Tage vorher einen entsprechenden Repo-Satz bereits um 15 BP gesenkt habe. Datenseitig sei in den nächsten Tagen auf den ifo-Index zu achten (25.08.), der vermutlich wie der HCOB PMI nachgeben dürfte. Außerdem sei auf die detaillierten BIP-Daten für Deutschland in Q2 zu schauen sowie mögliche Revisionen (25.08.). Besondere Beachtung würden aber die Inflationsdaten aus Deutschland, Spanien und Belgien für August (alle am 30.08.) verdienen, die eine klare Indikation geben würden, wo die Schnellschätzung für die Inflation der Eurozone liegen werde (31.08.). Die Hamburg Commercial Bank erwarte einen Rückgang beider Raten auf 5,0% (von 5,3% (Gesamt) bzw. 5,5% (Kern)). Am 01.09. würden dann außerdem die US-Arbeitsmarktdaten für August sowie der ISM- Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe erscheinen. (Wochenbarometer vom 24.08.2023) (24.08.2023/alc/a/a)