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Rally auf Bondmärkten mit Risiken für Rückschläge behaftet


05.12.22 11:22
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Die November-Schnellschätzung der Inflation für den Euroraum brachte eine Überraschung, allerdings dieses Mal in die entgegengesetzte Richtung, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Die Inflation habe 10,0% im Jahresvergleich erreicht und damit sowohl unter der Schätzung der Analysten als auch unter dem Konsens gelegen. Wie immer seien die Hauptschuldigen die Energiepreise gewesen, die im November um 1,9% im Vergleich zum Vormonat zurückgegangen seien, was zu 34,9% im Jahresvergleich führe und den niedrigsten Wert seit Februar darstelle. Die Kerninflation sei bei 5,0% im Jahresvergleich geblieben. Die Schnellschätzung deutet darauf hin, dass der Höhepunkt der Inflation hinter uns liegen dürfte, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG. Da die Energiepreise jedoch reguliert seien und ein erheblicher Teil davon im Januar festgesetzt werde, sei es möglich, dass die Inflation im Januar 2023 höher sei als im Oktober 2022. Dies werde davon abhängen, wie stark Regierungen die regulierten Preise ansteigen lassen würden.

Dennoch, ein erheblicher Teil des Energiepreisschocks sei bereits in den Verbraucherpreisen enthalten, und Basiseffekte würden allmählich dominieren. Das bedeute, dass der Rückgang der Inflation begonnen habe, der das ganze Jahr 2023 über anhalten dürfte. In dieser Woche seien Industriedaten und Umfrageindikatoren von Interesse. Der Industrieoutput dürfte sich im Oktober in vielen Ländern im Vergleich zum Vormonat reduziert haben. Bei den Dienstleistungs-PMI für Spanien und Italien sowie beim Sentix Index würden die Analysten einen Anstieg erwarten.

In den USA stünden derzeit die Vorlaufindikatoren im Rampenlicht. Die vergangene Woche publizierte Daten zum ISM für das Verarbeitende Gewerbe hätten auf eine weitere wirtschaftliche Abkühlung hingedeutet. Der Hauptindex, welcher im Oktober noch auf einem stagnierenden Niveau von 50,2 zu liegen gekommen sei, befinde sich mit 49 Punkten nun klar in schrumpfendem Terrain. Dies sei das erste Mal seit Mai 2020, dass dieser Indikator unter der wichtigen 50-Punkte Marke liege. Eine negative Entwicklung sei auch hinsichtlich der Neuaufträge zu beobachten gewesen. Diese seien auf 47,2 Punkte zurückgefallen, nachdem sie in den vorherigen Veröffentlichungen noch einen leichten Aufwärtstrend hätten verzeichnen können.

Die Subkomponenten Preise und Beschäftigung hätten hingegen mit Blick auf den weiteren Inflationsverlauf positiv überraschen können. Erstere sei von 46,6 auf 43 Punkte gefallen, was eine Abnahme des Preisdrucks im Verarbeitenden Gewerbe nahelege. Zweitere sei von einem stagnierenden Level (50 Punkte) auf ein schrumpfendes Niveau (48,4) gefallen, was auf eine Abkühlung am Arbeitsmarkt hindeute. Die ISM Indikatoren für das Nicht-Verarbeitende Gewerbe würden Anfang dieser Woche publiziert. Bei der letzten Veröffentlichung für Oktober habe der zugehörige Hauptindex mit 54,4 Punkten noch klar in expansivem Gebiet gelegen. Es bleibe allerdings abzuwarten, ob im Nicht-Verarbeitenden Sektor ähnliche Tendenzen wie im verarbeitenden Pendant zu beobachten sein würden.

Auch im Nicht-Verarbeitenden Gewerbe seien Beschäftigungs- und Preisentwicklungen von hoher Relevanz. Während die letzten Publikationen hinsichtlich der Beschäftigung im Nicht-Verarbeitenden Gewerbe auf einen etwas ausbalancierteren Arbeitsmarkt hingewiesen hätten, habe der entsprechende Preisindikator für einen steigenden Inflationsdruck innerhalb des Sektors gesprochen. Der erste Faktor sei von Vorteil für die FED, welche nichts unversucht lasse, um das derzeitige von Inflation geprägte Umfeld zu bekämpfen. Der zweite Faktor könnte hingegen darauf hinweisen, dass die Notenbank in der mittleren Frist noch bestimmter auftreten müsse, um die Inflation auf ihren definierten Zielwert senken zu können. Aufgrund der beschriebenen Umstände dürften sowohl Märkte als auch Notenbanken die anstehende Veröffentlichung der ISM Daten für das Nicht-Verarbeitende Gewerbe aufmerksamer mitverfolgen als sonst üblich.

Die positive Stimmung auf den Zinsmärkten setze sich fort und Renditen stünden unter Abwärtsdruck. Die Rendite-Kurven hätten sich zwar nicht weiter invertiert, mit 20 BP bei der Bund-Kurve und 70 BP bei der Treasury Kurve liege die Kurveninversion aber weiterhin nahe der historischen Höchststände. Die Dynamik auf den Zinsmärkten sei geprägt von sinkenden realen Renditen und stabilen bis steigenden Inflationserwartungen. Die Analysten würden die aktuelle Entwicklung am Zinsmarkt als ein Umdenken hinsichtlich des 'Hoch-für-Länger' Narratives der Notenbanken interpretieren. Es sei weniger der kurzfristige Zinsausblick, der weiterhin zurecht von Zinsanhebungen der EZB / FED ausgehe, sondern die mittelfristige Einschätzung des Marktes, welche sich verändert habe.

So werde nun von einer früheren Rückkehr hin zum neutralen Leitzinsniveau ausgegangen (genauer gesagt zu oberen Bandbreite: EZB bei 2%, FED bei 3%). Dies stehe sowohl im Einklang mit Rückgängen realer Renditen als auch der Inversion der Rendite-Kurven. Die Analysten würden eine mittelfristige Rückkehr zu neutralen Leitzinsniveaus als plausibel erachten, weswegen sich inverse Kurven auch in ihren Prognosen wiederfinden würden. Es sei aber anzumerken, dass Spekulationen über Zinssenkungen bereits für das nächste Jahr als gewagt gesehen werden müssten. Seitens der Notenbanken gebe es keine Signale dazu. Vielmehr stehe bei der Notenbankkommunikation die Inflationsbekämpfung weiterhin im Vordergrund.

FED-Präsident Powell habe zwar zuletzt erneut eine Reduktion der Zinserhöhungen auf 50 Basispunkte im Dezember angedeutet, habe aber gleichzeitig betont, dass sowohl das Ende des Zinserhöhungszyklus als auch die Dauer, wie lange Leitzinsen auf diesem Niveau verharren würden von größerer Bedeutung seien und mit großer Unsicherheit behaftet seien.

Auch die EZB lege noch klar den Fokus auf weitere restriktive Schritte. Erstens werde am Fahrplan zum Bilanzabbau gearbeitet (Entscheid im Dezember?). Zweitens hätten Präsidentin Lagarde und Direktoriumsmitglied Schnabel zuletzt darauf hingewiesen, dass die Leitzinsen wohl auf ein restriktives Niveau geführt werden müssten - der Zinsanhebungsprozess solle also doch über eine Normalisierung hinaus gehen. Beide würden zudem ein wenig optimistisches Bild in Bezug auf den weiteren Inflationsverlauf zeichnen - das Hoch sei noch nicht erreicht (Lagarde) und ein erhöhter Preisauftrieb werde zunehmend persistent (Schnabel).

In Summe würden die Analysten bei beiden Notenbanken erwarten, dass das Narrativ 'Höher-für-Länger' in nächster Zeit eher an Bedeutung gewinnen werde als, dass es beiseitegeschoben werden könnte. Dem folgend würden die Analysten die derzeitige Rally auf den Bondmärkten mit Risiken für Rückschläge behaftet sehen, auch wenn die Richtung mittelfristig stimme. (Ausgabe vom 02.12.2022) (05.12.2022/alc/a/a)