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Räumt die EZB das Feld "keine Zinserhöhung in diesem Jahr"?


03.02.22 16:30
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die zehnjährigen Bund-Renditen sind in den vergangenen Tagen gestiegen und haben sich über der Null-Marke etabliert, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank.

Die zehnjährige Rendite liege jetzt bei 0,04%, vor einer Woche habe sie noch im negativen Bereich bei -0,05% gelegen. Bei den Pendants aus den USA sei eine gegenläufige Bewegung zu beobachten, denn die Renditen der T-Notes seien im gleichen Laufzeitsegment leicht gefallen und seien jetzt bei 1,78%. Der Anstieg der Bund-Renditen stehe im Zusammenhang mit der über den Erwartungen liegenden Inflationsrate in der Eurozone, die statt zu fallen, gestiegen sei, und zwar auf 5,1%. Vor diesem Hintergrund werde die heutige EZB-Sitzung (03.02.) besonders interessant. Zwar sei die Kernrate der Inflation von 2,6 auf 2,3% gefallen, aber es werde schwierig für die EZB, sich darauf zurückzuziehen, da die Notenbank eigentlich selten mit der Kernrate der Inflation argumentiere.

Die EZB-Chefin Christine Lagarde habe in den letzten Sitzungen immer wieder darauf beharrt, dass in diesem Jahr keine Zinserhöhung zu erwarten sei und dabei auf den vorübergehenden Charakter des Inflationsanstiegs verwiesen. Um die Aussage glaubwürdiger zu machen, habe sie auf die so genannte Forward Guidance verwiesen, die besage, dass ein Zinsschritt erst dann durchgeführt werde, wenn alle Nettoanleihekäufe eingestellt seien und das würden in diesem Jahr noch nicht sein. Insofern sei bei dieser Sitzung darauf zu achten, ob man nicht allmählich diese Position räume, also dass die Nettoanleiheankäufe möglicherweise doch in diesem Jahr auf Null zurückgefahren würden.

Lagarde könnte auch auf die Inflationserwartungen verweisen. Diese seien zuletzt gemessen an den 5 Jahres Forward Inflationsswaps gesunken und würden bei 1,84% und somit unter dem Zielwert von 2% liegen. Lagarde werde aber auch dieser Hinweis nicht helfen, da der Druck stärker von der Öffentlichkeit komme, die unter der hohen Inflation leide. Die Analysten der Hamburg Commercial Bank gehen mittlerweile davon aus, dass es in diesem Jahr eine erste Zinserhöhung im vierten Quartal geben und ein vorsichtiges Zurückrudern Lagardes genau darauf hindeuten wird.

Ein anderes Thema, das an den Finanzmärkten diskutiert werde, sei die ungewöhnlich flache Zinsstruktur insbesondere in den USA. Eine flache oder gar inverse Zinsstruktur werde gerne als Indikator für eine nahende Rezession herangezogen und in den USA habe dieser Indikator eine relativ hohe Trefferquoteu Derzeit liege die Differenz zwischen den zehnjährigen und den zweijährigen T-Notes-Renditen bei 0,62 Prozentpunkten, im Frühjahr 2021 habe diese Differenz noch bei etwa 1,40 Prozentpunkten gelegen. Üblicherweise gehe ein Anstieg der Inflation mit einer Versteilerung der Zinsstruktur einher, nicht mit einer Verflachung. Die Verflachung wiederum setze meistens ein, wenn die FED beginne, den Leitzins anzuheben. Ein erster Zinsschritt sei aber erst Mitte März zu erwarten. Eine mögliche Erklärung dafür, dass sich die Zinsstruktur verflacht, sei, dass die Marktteilnehmer Marktturbulenzen fürchten würden, wenn die FED jetzt beginne, die Leitzinsen aggressiv anzuheben. Wenn diese Marktturbulenzen eine Konjunkturabschwächung oder gar eine Rezession auslösen sollten, würden T-Notes wieder gesucht sein und die langfristigen Zinsen sinken. Befriedigend sei diese Erklärung jedoch nicht, denn erwartet würden ja durchaus mehrere Zinsanhebungen, eine Rezession werde offensichtlich nicht antizipiert.

Die andere Möglichkeit sei, dass die Inflation doch noch stark zurückgehe, etwa im Zuge einer deutlichen Entspannung an den Rohstoffmärkten und den Lieferketten. Eine Rezession ginge damit nicht einher, aber die Notwendigkeit eines kräftigen Anziehens der geldpolitischen Zügel wäre deutlich geringer. Die Analysten würden von einem moderaten Rückgang der Inflation im Jahresverlauf ausgehen und insgesamt fünf Zinsschritte bis zum Jahresende durch die FED erwarten. Die Zinsstruktur verflache sich weiter, die 10-2 Zinsdifferenz werde aber erst Ende 2023 gemäß der Analystenprognose die Nulllinie erreichen.

Datenseitig stünden morgen (03.02., Januar-Daten) die US-Arbeitsmarktdaten auf der Agenda. Industrieproduktionsdaten aus Frankreich und Auftragseingänge aus der Industrie in Deutschland seien morgen ebenfalls beachtenswert (Dezember). In der kommenden Woche würden weitere Industrieproduktionszahlen veröffentlicht (Deutschland, 07.02 / Spanien, 08.02.). Wichtig sei schließlich die Inflationszahl für die USA (CPI für Januar, 09.02.) (03.02.2022/alc/a/a)