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Notenbankentscheidungen: 0,5 oder 0,75 Prozentpunkte?
09.12.22 09:15
Hamburg Commercial Bank
Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen der US- und der deutschen Staatsanleihen sind in den vergangenen Tagen nach einem temporären Anstieg erneut gesunken so die Analysten der Hamburg Commercial Bank.
Die Investoren würden sich im Vorfeld der beiden Notenbanksitzungen, die in der kommenden Woche stattfinden würden (FED: 13. und 14.12. / EZB: 15.12.), versuchen, einen Reim auf die Konjunkturdaten zu machen. In den USA seien im Zuge der überraschend guten Arbeitsmarktzahlen (Beschäftigungszuwachs von 263.000 Personen im November) und dem unerwarteten Anstieg des Dienstleistungs-ISM auf 56,5 Punkte im November (nach 54,4 Punkten im Oktober) leichte Zweifel an der Prognose gekommen, die FED werde den Leitzins nur um 50 BP auf 4,25% bis 4,5% anheben. Allerdings habe sich Notenbankchef Jerome Powell letzte Woche mit seiner Aussage, "schon beim nächsten Treffen könnte die Zeit für eine Reduktion der Zinserhöhungen gekommen sein" relativ weit herausgelehnt.
Es wäre nicht gut für die Glaubwürdigkeit der FED, trotzt einer derartig eindeutigen Aussage den Leitzins um 75 BP anzuheben, zumal die FED einen solchen Kommunikationsfehler bereits im Juni begangen habe. Damals habe Powell einen kleineren Zinsschritt angekündigt. Die FED habe dann aber angesichts des überraschend deutlichen Inflationsanstiegs erneut einen großen Zinsschritt von 75 BP durchgeführt. Tatsächlich werde die Inflationsrate für November am Vortag der Zinsentscheidung bekannt gegeben. Hier werde allgemein mit einem weiteren Rückgang der Teuerungsrate gerechnet.
Grundsätzlich gebe es im Markt eine große Überzeugung, dass erstens das Tempo der Zinserhöhungen gedrosselt werde und zweitens Zinssenkungen bereits im Laufe von 2023 eingeleitet würden. Die so genannte Terminal Rate solle bei 4,75 bis 5,00% liegen und von da an sollten dann zwei Zinssenkungen durchgeführt werden, so sei zumindest die Überzeugung der Finanzmärkte. Diese Prognose zeige sich auch an der Tatsache, dass die Zinsstruktur die stärkste Inversion seit 1981 aufweise, d.h. die Rendite der zweijährigen Titel sei deutlich höher als die Rendite der zehnjährigen Titel. Die Differenz betrage derzeit rund 0,9 PP. Üblicherweise folge in den USA jeder Inversion der Zinsstruktur eine Rezession, allerdings könne das zwischen sechs und 24 Monate dauern, sage ein Blick auf die Historie seit den 1970er Jahren. Vor diesem Hintergrund werde es auch interessant sein, den so genannten Dot Plot zu analysieren, der die Einschätzung der FED-Mitglieder bezüglich des zukünftigen Leitzinsniveaus (und anderer Variablen wie Inflation und BIP) dokumentiere.
Die Ausgangslage bei der EZB sei etwas anders als in den USA, denn in der Eurozone sei die Inflation erst seit einem Monat rückläufig, in den USA sei der Rückgang schon seit einigen Monaten im Gange. Insofern dürfte die EZB weniger sicher sein, dass sich der Rückgang fortsetze. Wenn die EZB das Zinserhöhungstempo auf 50 BP reduziere und den Hauptrefinanzierungssatz auf 2,5% anhebe, müsse sie aufpassen, dass dies nicht missverstanden werde als Aussage, dass man beim Kampf gegen die Inflation schon Entwarnung gebe. Vermutlich würden die Mehrheitsverhältnisse dennoch zu einem 50 BP Schritt tendieren. Im Ergebnis würden die Analysten 75 BP bei der EZB weniger überraschen als 75 BP bei der FED.
Außerdem werde die EZB ein Konzept vorlegen, wie der Abbau der Anleihebestände vonstattengehen solle, den die FED bereits Mitte des laufenden Jahres begonnen habe. Schließlich werde die EZB neue Prognosen für die Inflation und das BIP vorlegen. Mit dabei seien erstmals auch Projektionen für das Jahr 2025.
Ein weiteres großes Thema, das an den Rentenmärkten diskutiert werde, sei die Entscheidung in China, die Covid-Politik deutlich zu lockern und endlich eine gezielte Impfkampagne für ältere Menschen einzuführen. Die Frage sei, ob diese Lockerungen dafür sorgen würden, dass die Wirtschaft jetzt wieder Fuß fasse, was der Weltwirtschaft einen positiven Nachfrageimpuls geben würde. Hier gebe es allerdings viele Fragezeichen. Erstens sei es nicht so, dass die Wirtschaft jetzt komplett geöffnet werde. Zweitens sei zu vermuten, dass viele Menschen nach den jahrelangen Warnungen vor einer Infektion immer noch ängstlich sein dürften, so dass sie sich vermutlich zunächst mit Aktivitäten zurückhalten würden. Daher werde auch die Wirtschaft nicht sofort wieder anspringen.
er wichtigste Punkt sei aber wohl, dass vollkommen unklar sei, ob eine Ausbreitung des Virus beherrschbar sei, vor allem angesichts der vollkommen unzureichenden Intensivbettenkapazitäten. Ja, der Virus sei weniger tödlich, aber bei einer Massenansteckung könnte das Gesundheitssystem trotzdem rasch überlastet werden. Der US-Chefvirologe Fauci warne beispielsweise davor, dass China bald mit einer neuen Infektionswelle zu kämpfen haben werde. Das Risiko sei sicherlich da, dass es angesichts der niedrigen Effektivität der chinesischen Impfstoffe und der Tatsache, dass die meisten Menschen in China noch nicht mit dem Virus in Berührung gekommen seien, immer wieder zur härteren Lockdowns kommen könne, um ein Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu verhindern.
Sollte umgekehrt die Lockerung der Covid-Politik ohne größere Nebenwirkungen funktionieren und das Wachstum in China wieder anspringen, hätte dies sicherlich massive Effekte auf die Öl-, Gas- und die sonstigen Rohstoffpreise und könnte die Bekämpfung der Inflation in Europa und den USA erschweren.
In den kommenden Tagen sei darauf zu achten, ob der US-Kongress einen neuen Haushalt verabschiede, da es ansonsten ab dem 17.12. mal wieder zu einem so genannten Government Shutdown kommen könne.
Datenseitig werde es nächste Woche interessant, wenn sowohl die USA als auch China Daten zum Einzelhandel und zur Industrieproduktion veröffentlichen würden (alle am 15.12., für Nov). Außerdem würden bereits die PMI-Schnellschätzungen für Dezember veröffentlicht (16.12., u.a. Eurozone und die USA). (09.12.2022/alc/a/a)
Die Investoren würden sich im Vorfeld der beiden Notenbanksitzungen, die in der kommenden Woche stattfinden würden (FED: 13. und 14.12. / EZB: 15.12.), versuchen, einen Reim auf die Konjunkturdaten zu machen. In den USA seien im Zuge der überraschend guten Arbeitsmarktzahlen (Beschäftigungszuwachs von 263.000 Personen im November) und dem unerwarteten Anstieg des Dienstleistungs-ISM auf 56,5 Punkte im November (nach 54,4 Punkten im Oktober) leichte Zweifel an der Prognose gekommen, die FED werde den Leitzins nur um 50 BP auf 4,25% bis 4,5% anheben. Allerdings habe sich Notenbankchef Jerome Powell letzte Woche mit seiner Aussage, "schon beim nächsten Treffen könnte die Zeit für eine Reduktion der Zinserhöhungen gekommen sein" relativ weit herausgelehnt.
Es wäre nicht gut für die Glaubwürdigkeit der FED, trotzt einer derartig eindeutigen Aussage den Leitzins um 75 BP anzuheben, zumal die FED einen solchen Kommunikationsfehler bereits im Juni begangen habe. Damals habe Powell einen kleineren Zinsschritt angekündigt. Die FED habe dann aber angesichts des überraschend deutlichen Inflationsanstiegs erneut einen großen Zinsschritt von 75 BP durchgeführt. Tatsächlich werde die Inflationsrate für November am Vortag der Zinsentscheidung bekannt gegeben. Hier werde allgemein mit einem weiteren Rückgang der Teuerungsrate gerechnet.
Grundsätzlich gebe es im Markt eine große Überzeugung, dass erstens das Tempo der Zinserhöhungen gedrosselt werde und zweitens Zinssenkungen bereits im Laufe von 2023 eingeleitet würden. Die so genannte Terminal Rate solle bei 4,75 bis 5,00% liegen und von da an sollten dann zwei Zinssenkungen durchgeführt werden, so sei zumindest die Überzeugung der Finanzmärkte. Diese Prognose zeige sich auch an der Tatsache, dass die Zinsstruktur die stärkste Inversion seit 1981 aufweise, d.h. die Rendite der zweijährigen Titel sei deutlich höher als die Rendite der zehnjährigen Titel. Die Differenz betrage derzeit rund 0,9 PP. Üblicherweise folge in den USA jeder Inversion der Zinsstruktur eine Rezession, allerdings könne das zwischen sechs und 24 Monate dauern, sage ein Blick auf die Historie seit den 1970er Jahren. Vor diesem Hintergrund werde es auch interessant sein, den so genannten Dot Plot zu analysieren, der die Einschätzung der FED-Mitglieder bezüglich des zukünftigen Leitzinsniveaus (und anderer Variablen wie Inflation und BIP) dokumentiere.
Die Ausgangslage bei der EZB sei etwas anders als in den USA, denn in der Eurozone sei die Inflation erst seit einem Monat rückläufig, in den USA sei der Rückgang schon seit einigen Monaten im Gange. Insofern dürfte die EZB weniger sicher sein, dass sich der Rückgang fortsetze. Wenn die EZB das Zinserhöhungstempo auf 50 BP reduziere und den Hauptrefinanzierungssatz auf 2,5% anhebe, müsse sie aufpassen, dass dies nicht missverstanden werde als Aussage, dass man beim Kampf gegen die Inflation schon Entwarnung gebe. Vermutlich würden die Mehrheitsverhältnisse dennoch zu einem 50 BP Schritt tendieren. Im Ergebnis würden die Analysten 75 BP bei der EZB weniger überraschen als 75 BP bei der FED.
Ein weiteres großes Thema, das an den Rentenmärkten diskutiert werde, sei die Entscheidung in China, die Covid-Politik deutlich zu lockern und endlich eine gezielte Impfkampagne für ältere Menschen einzuführen. Die Frage sei, ob diese Lockerungen dafür sorgen würden, dass die Wirtschaft jetzt wieder Fuß fasse, was der Weltwirtschaft einen positiven Nachfrageimpuls geben würde. Hier gebe es allerdings viele Fragezeichen. Erstens sei es nicht so, dass die Wirtschaft jetzt komplett geöffnet werde. Zweitens sei zu vermuten, dass viele Menschen nach den jahrelangen Warnungen vor einer Infektion immer noch ängstlich sein dürften, so dass sie sich vermutlich zunächst mit Aktivitäten zurückhalten würden. Daher werde auch die Wirtschaft nicht sofort wieder anspringen.
er wichtigste Punkt sei aber wohl, dass vollkommen unklar sei, ob eine Ausbreitung des Virus beherrschbar sei, vor allem angesichts der vollkommen unzureichenden Intensivbettenkapazitäten. Ja, der Virus sei weniger tödlich, aber bei einer Massenansteckung könnte das Gesundheitssystem trotzdem rasch überlastet werden. Der US-Chefvirologe Fauci warne beispielsweise davor, dass China bald mit einer neuen Infektionswelle zu kämpfen haben werde. Das Risiko sei sicherlich da, dass es angesichts der niedrigen Effektivität der chinesischen Impfstoffe und der Tatsache, dass die meisten Menschen in China noch nicht mit dem Virus in Berührung gekommen seien, immer wieder zur härteren Lockdowns kommen könne, um ein Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu verhindern.
Sollte umgekehrt die Lockerung der Covid-Politik ohne größere Nebenwirkungen funktionieren und das Wachstum in China wieder anspringen, hätte dies sicherlich massive Effekte auf die Öl-, Gas- und die sonstigen Rohstoffpreise und könnte die Bekämpfung der Inflation in Europa und den USA erschweren.
In den kommenden Tagen sei darauf zu achten, ob der US-Kongress einen neuen Haushalt verabschiede, da es ansonsten ab dem 17.12. mal wieder zu einem so genannten Government Shutdown kommen könne.
Datenseitig werde es nächste Woche interessant, wenn sowohl die USA als auch China Daten zum Einzelhandel und zur Industrieproduktion veröffentlichen würden (alle am 15.12., für Nov). Außerdem würden bereits die PMI-Schnellschätzungen für Dezember veröffentlicht (16.12., u.a. Eurozone und die USA). (09.12.2022/alc/a/a)


