Erweiterte Funktionen

Notenbanken werden die Geister, die sie riefen, nicht mehr los


31.08.16 11:15
GECAM

Wangen (www.anleihencheck.de) - Wie das Kaninchen auf die Schlange blicken derzeit wieder die Marktteilnehmer auf die Notenbanken, so Daniel Zindstein ist Leiter Portfoliomanagement des Vermögensverwalters GECAM AG.

Aktuell stehe erneut die US-Notenbank FED im Blickpunkt. Erhöhe sie die Zinsen im September oder doch erst im Dezember? Vielleicht gebe es aber auch zwei Zinserhöhungen noch in diesem Jahr oder überhaupt keine? Als geneigter Beobachter der Nachrichtenlage und interessierter Leser der einschlägigen Presse, könnte man zu dem Schluss kommen, dass es keine anderen relevanten Fakten oder Ereignisse gäbe, als die Entscheidungen der Notenbanken. Dabei werde der US-Währungshüterin eine Bedeutung zugesprochen, die nahezu gottgleich zu sein scheine: Sie sei für eine stabile Währung verantwortlich, könne aber auch aktive Währungspolitik betreiben, um die heimische Exportwirtschaft zu stärken. Sie solle ein überhitzendes wirtschaftliches Umfeld beruhigen und ein darniederliegendes beleben.

Auch den Arbeitsmarkt könne die Zentralbank natürlich mitsteuern. Gleichzeitig kontrolliere sie den Finanzsektor, also Banken, Versicherungen und die Börse, womit sie "regulierend" in den Geldkreislauf eingreifen könne. Die Inflation werde von den geldpolitischen Entscheidungen bestimmt und in einer globalen Welt, hänge sogar das Wohl und Wehe der Schwellenländer und das Auf und Ab der Rohstoffpreise von der US-Notenbank ab. Doch habe die Notenbank wirklich so eine Machtfülle? Falls ja, wieso werde dann der Notenbank-Präsident nicht vom Volk gewählt?

In Wahrheit hätten Zentralbank-Mitglieder nicht mehr oder weniger Ahnung von der Zukunft, als andere Analysten oder interessierte Marktteilnehmer. Woher sollte dieses geheime Wissen denn auch kommen? Die bald zweijährige Ankündigungs-Kaskade der "Zinswende" oder der vermeintlich demnächst bevorstehenden Zinserhöhungen in den USA würden hierfür ein wunderbares Beispiel abgeben. Verfolgte man die Aussagen diverser US-Notenbank-Gouverneure der letzten beiden Jahre, so hätte es bereits mindestens zehn Zinserhöhungen geben müssen. Und jedes Mal würden Erwartungen geschürt, Märkte verunsichert und im Nachgang enttäuscht. Die Motivationen dieses permanenten Palavers seien ein Rätsel. Wahrscheinlich handle es sich um Selbstdarstellungszwang oder die künstliche Zurschaustellung von vermeintlicher Kompetenz und Handlungsfähigkeit. Nach wie vor wünschte man sich ein öffentliches Redeverbot von stimmberechtigten Mitgliedern der Notenbank-Räte. Den Märkten bliebe erhebliche und sinnlose Volatilität erspart.

Gut, dass es auch an den Kapitalmärkten einige unumstößliche Gesetzmäßigkeiten gebe, die immer gelten würden, mal früher oder mal später, je nachdem wie stark die Hand des Staates oder der Notenbanken "regulierend" eingreife.

Zu diesen Gesetzmäßigkeiten gehöre aus Sicht der Experten, dass Aktienkurse von Unternehmen steigen würden, wenn deren Gewinne nachhaltig zulegen würden. In einer Welt, in der die Zinsen massiv fallen würden und bei null oder negativ lägen, reiche es schon aus, dass Unternehmensgewinne stabil bleiben würden, damit die Kurse steigen würden, da die relative Attraktivität im Vergleich zum Zinsmarkt zunehme. Manchmal würden Kurse auch steigen, ohne dass ein Unternehmen überhaupt Gewinne verzeichne. Dann sei der Markt von den Zukunftsaussichten des Geschäftsmodells offensichtlich so überzeugt, dass zukünftige Gewinne in die Kursentwicklung diskontiert würden. Identifiziere man Unternehmen mit nachhaltigem Gewinntrend, könnten irrationale Marktschwankungen, welche man nahezu täglich beobachte, für Nachkäufe genutzt werden.

Um Rohstoffpreise geistere immer der Mythos, dass wenige große, mit finsteren Absichten ausgestattete Spekulanten die Preise bestimmen würden. Wenn diese nach oben gehen würden, seien somit Verantwortliche für den Hunger in der Welt, für Inflation sowie Knappheit schnell ausgemacht. Würden Rohstoffpreise fallen, wie in den letzten fünf Jahren, mache man dieselben "Spekulanten" für Deflation, Unternehmenspleiten, Staatsschulden und Arbeitslosigkeit in den rohstoffproduzierenden Ländern verantwortlich. Fakt sei jedoch: Die Finanzspekulationen würden lediglich für ein Mehr an Liquidität in einem ansonsten von realwirtschaftlichen Produzenten und Nachfragern bestimmten Marktsegment sorgen. Dieser Liquiditätsüberschuss sorge dafür, dass immer Preise zustande kämen, selbst dann wenn ein geringes Angebot auf wenig Nachfrage treffe. Natürlich bewirke dies auch stärkere Ausschläge der Preise in die eine oder andere Richtung. Aber nie sei das Geld von Finanzanlegern für grundsätzliche Preisniveaus verantwortlich.

Rohstoffmärkte hätten die Eigenschaft, sich immer selbst zu "regulieren". Steige das Angebot, würden die Preise fallen. Diese Entwicklung werde von den Finanzanlegern zusätzlich verstärkt. Dadurch werde weniger in Produktion investiert bzw. unrentable Förderanlangen (z.B. bei Öl) stillgelegt. Das Angebot reduziere sich. Gleichzeitig steige die Nachfrage, da das Rohstoffgut ja günstiger geworden sei. Dieser Prozess finde statt, bis sich ein Gleichgewichtspreis einstelle und derselbe Prozess, nun wahrscheinlich in die andere Richtung, beginne. Man spreche daher bei den meisten Rohstoffen vom sogenannten Schweine-Zyklus. Übrigens habe dieser Prozess bei den Rohöl-Preisen in den letzten beiden Jahren mustergültig beobachtet werden können und es habe nicht viel Wissen oder Fantasie gehört dazu vorauszusagen, dass Preise von unter 30 US-Dollar pro Barrel im Januar nur von temporärem Bestand sein würden.

Nach den Aktien und Rohstoffen gelte es nun die "Gesetzmäßigkeiten" bei Staatsanleihen zu beleuchten, dem wichtigsten und größten Finanzmarkt der Welt. "Anleger seien aufgrund der großen Verunsicherung bereit, Null- und Negativzinsen zu akzeptieren, nur damit sie ihr Geld beim Staat oder der Zentralbank anlegen dürfen, die die höchste Sicherheit versprächen", sei es oft zu hören. Leider treffe diese Aussage nur sehr bedingt zu. In Wahrheit seien die großen Kapitalsammelstellen unserer Zeit (Banken, Versicherungen, Pensionskassen oder diverse Investmentfonds) gezwungen, in sog. sichere Häfen zu investieren, da die staatlichen Regulierungsbehörden die Regeln so auslegen würden, dass per Definition Staatsanleihen als "sicher" gelten würden und alles andere nicht.

Deshalb müsse für solche "Investments" auch kein Eigenkapital (Risikokapital) als Sicherheit hinterlegt werden. Für andere Anlagen wie Aktien, Unternehmensanleihen, Immobilien, Bankkredite an Unternehmen oder Konsumenten, sei dies jedoch in erheblichem Umfang der Fall. Seien also Staatsanleihen von Griechenland, Portugal oder Slowenien sicherer als Aktien oder Anleihen von Unternehmen mit einem über hundertjährigem, nachgewiesenermaßen erfolgreichen globalen Geschäftsmodell, wie zum Beispiel Nestle, BASF, Linde oder Siemens? Natürlich nicht. Staaten würden sich hierdurch lediglich verlässliche Geldquellen der Anleger sichern, die stetig gezwungen würden, eine Anlageklasse zu kaufen, in die ein normaler Mensch niemals investieren würde.

Notenbanken würden immer wieder für Schlagzeilen sorgen. Das möge unterhaltsam sein für Leute, die nichts anderes zu tun hätten, als dieses Treiben, wie eine Soap im Fernsehen, zu verfolgen. Auch kurzfristig orientierte Trader könnten aus den daraus folgenden Marktschwankungen möglicherweise Nutzen ziehen. Für langfristig orientierte Investoren würden solcherlei Spekulationen in erster Linie Verunsicherung bringen und zur Belastung von Risikobudgets führen. Wichtig sei deshalb die Erkenntnis, dass Preise für Vermögensgüter in erster Linie immer von Angebot und Nachfrage abhängen würden. Diese beiden Parameter würden wiederum auf absoluten oder relativen Bewertungsmaßstäben für das jeweilige Gut basieren:

Aktien von Unternehmen mit einer langjährigen Eigenkapitalrendite von 10% seien natürlich attraktiv in einem Nullzins-Umfeld. Und von diesen gebe es zuhauf. Wieso würden diese aber nicht gekauft? Permanent angeheizte Panikmache über diverse Probleme in der Welt (Kriege, politische Konflikte, China-Konjunktur, US-Zinserhöhung, Zerfall der EU, usw.) würden zu großer Verunsicherung und heftigen Kursschwankungen führen, was viele potenzielle Anleger von Käufen abhalte. Aber Zeiten großer Unsicherheit seien jedoch meist Gelegenheiten günstig einzukaufen - gerade und vor allem in einem Null-Zins-Umfeld.

Gold sei Geldersatz. Dieses Edelmetall habe seine Kaufkraft über Jahrhunderte, ja man könnte sogar sagen über Jahrtausende erhalten. Wenn es nun für Geld keine Zinsen mehr gebe, Großanleger sogar Zinsen bezahlen müssten, um Geld anzulegen, gewinne der Geldersatz Gold an relativer Attraktivität. Könne man dann noch davon ausgehen, dass aufgrund wieder etwas gestiegener Rohstoffpreise (der Ölpreis habe sich seit Januar fast verdoppelt) auch die Inflation (Geld-Entwertung) wieder zunehme, so steigere das zusätzlich den inneren Wert des Edelmetalls, was von den Märkten 2016 bereits antizipiert worden sei.

Die Anleihen-Blase (hohe Kurse, keine Rendite) habe keinen inneren Wert. Sie werde lediglich von der erzwungenen Flucht in Sicherheit und den Anleihekäufen der Zentralbanken aufrechterhalten. Sollte jedoch durch einen externen Faktor, wie z.B. ein massiver Inflationsschub, diese Blase platzen, werde dem auch eine Notenbank wenig entgegensetzen können. Stark steigende Zinsen, platzende Kredite von Immobilieninvestoren, taumelnde Versicherungen und Banken und wahrscheinlich eine echte Finanzkrise wären die Folgen. Die Währungshüter wären gut beraten, wenn sie ein weiteres Anwachsen dieser Blase verhindern würden, was jedoch schwerer sei als gedacht, wie man am Beispiel der US-Zentralbank sehe. Sie würde gerne die Zinsen wieder normalisieren, der Gewöhnungseffekt der Realwirtschaft an tiefste Zinsen und die Effekte in der Welt über einen stärkeren US-Dollar wären jedoch so groß, dass dies kaum möglich erscheine.

Die Notenbanken hätten sich seit der Finanzkrise 2008 in eine zentrale und so gewichtige Rolle hineinmanövriert, aus der sie sich kaum mehr befreien könnten. Sie würden die Geister, die sie als "allmächtiger Marktakteur" gerufen hätten, nun nicht mehr los. (31.08.2016/alc/a/a)