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Notenbanken vor unterschiedlichen Aufgaben


28.10.25 12:38
Julius Bär Holding

Zürich (www.anleihencheck.de) - In den USA legt die Entwicklung des Arbeitsmarktes eine Lockerung der Geldpolitik nahe, während die EZB wenig Anlass zum Handeln sieht und die Bank of Japan trotz Inflation die Zinsen niedrig hält, so David Kohl, Chief Economist bei Julius Bär.

Die US-Notenbank (FED), die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank of Japan (BoJ) stünden angesichts ihrer geldpolitischen Entscheidungen in dieser Woche vor sehr unterschiedlichen Herausforderungen. Die Geldpolitik der FED bleibe deutlich restriktiv, mit einem Zielkorridor für den Leitzins von 4,25% bis 4,00%, während der geschätzte neutrale Leitzins eher bei 3,5% liege. Diese restriktive Haltung sei durch die Tatsache gerechtfertigt, dass die Inflationsrate weiterhin bei fast 3% liege, also klar über dem Preisstabilitätsziel von 2%, sowie durch das solide Wirtschaftswachstum, das sich in der niedrigen Arbeitslosenquote widerspiegele.

Der Hauptgrund, warum die FED bei ihrer bevorstehenden FOMC-Sitzung sehr wahrscheinlich eine Lockerung der Geldpolitik vornehmen werde, seien die sich abzeichnenden Risse in der bisher soliden Beschäftigungsdynamik. Gleichzeitig mache die erhöhte Inflation, die teilweise durch starke Zollerhöhungen auf importierte Waren verursacht werde, schrittweise Zinssenkungen um 25 Basispunkte zum bevorzugten Weg der geldpolitischen Lockerung. Julius Bär erwarte Zinssenkungen bei jeder FOMC-Sitzung bis März 2026.

Anders die EZB, die aktuell wenig Grund sehe, ihren geldpolitischen Kurs zu ändern. Bei einer Inflationsrate von rund 2% und einem sehr moderaten Wachstum erscheine der Leitzins von 2%, der einer neutralen Geldpolitik entspreche, angemessen. Zwar würden zusätzliche Zinssenkungen sicherlich zu einem stärkeren Wachstum beitragen, ohne die Preisstabilität zu gefährden, doch zögere die EZB weiterhin, das Wachstum mit lockerer Geldpolitik anzukurbeln. Julius Bär halte allerdings eine weitere Zinssenkung bei den kommenden Sitzungen dann für denkbar, wenn die düsteren Wachstumsaussichten die Inflation weiter drücken sollten.

Die BoJ verfolge eine sehr lockere Geldpolitik mit einem Leitzins von 0,5%, der deutlich unter dem geschätzten neutralen Niveau liege. Die Inflation habe sich in Japan wieder dem Ziel von 2% angenähert, verharre aber oberhalb dieser Marke. Die BoJ sei bereit, die wachstumsfördernden Maßnahmen der neuen Regierung zu unterstützen, indem sie mit der Normalisierung ihrer Politik warte. Daher gehe Julius Bär davon aus, dass die BoJ mindestens bis Dezember warten werde, bevor sie ihren Leitzins erneut anhebe. (28.10.2025/alc/a/a)