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Die Notenbanken stecken in einer Zwickmühle


21.09.17 08:45
fairesearch

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Es geht jetzt in das zehnte Jahr, seit am 15. September 2008 die US-Investmentbank Lehman Brothers wegen der Finanzkrise Insolvenz beantragen musste, so Dr. Eberhardt Unger von "fairesearch".

Es sei die größte Unternehmenspleite gewesen, die die Welt jemals gesehen habe. Sie habe alle Länder in die größte Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren gestürzt. Hintergründe seien eine Spekulationsblase an den US-Immobilienmärkten, eine übermäßige Verschuldung aller Sektoren und deren Finanzierung mittels abenteuerlicher Finanzinstrumente gewesen.

In der Folgezeit hätten die Zentralbanken versucht, durch eine ultra-lockere Geldpolitik der Konjunktur wieder neue Impulse zu geben. Doch trotz ZIRP, NIRP und QE in Billionen Höhe seien in den Industrieländern nur bescheidene Wachstumsraten erreicht worden. Dafür sei die Verschuldung weiter gestiegen. Die Märkte hätten der angeblichen Allmacht der Notenbanken mit ihrem "Allheilmittel" Geldpolitik vertraut, doch inzwischen würden sich immer mehr die schwere Nachteile zeigen. In den USA habe in Q1/2007 die Verschuldung aller Sektoren bei 331% des BIP gelegen, jetzt bei 332%. In der Eurozone habe sie in Q1/2007 397% betragen, jetzt 464% des BIP. Besonders betroffen sei die Südperipherie der Eurozone.

Die hohe Verschuldung dämpfe das Wirtschaftswachstum, welches wiederum eine Voraussetzung für einen nachhaltigen Schuldenabbau sei. Zinsen von 0% würden auf Sparer wie eine Enteignung wirken. Der Zins habe seine Funktion als Marktregulator verloren. Die schiere Höhe der Verschuldung, so der IWF, steigere inzwischen die Gefahr einer neuen Finanzkrise (total public debt der USA: USD 19 Billionen). Eine Normalisierung der Zinsstruktur würde unweigerlich zu einem Zinsschock und überbordenden Belastungen durch Soll-Zinsen führen. Die Notenbanken würden jetzt in einer Zwickmühle stecken. Wenn sie die Zinsen erhöhen und QE verknappen würden, stürze die Soll-Zinsbelastung die Wirtschaft in eine Rezession. Doch wenn sie das gegenwärtige Zinsniveau noch eine längere Zeit beibehalten würden, würden sie die Verschuldung aller Sektoren begünstigen.

Ein wahrer Teufelskreis zeige sich in der Staatsverschuldung (Eurozone 89%, EU-28 84%, USA 103% des BIP). Reformen bei Einnahmen und Ausgaben seien in den Parlamenten nicht durchzusetzen. Höhere Einnahmen würden Steuererhöhungen bedeuten. Niedrigere Ausgaben würden Kürzungen in den Budgetplänen der Ministerien bedeuten. Fast alle Euroländer hätten seit Gründung der Währungsunion gegen die Verpflichtung zu ausgeglichenen Staatsbudgets verstoßen. Trotzdem habe die EU-Kommission keine Sanktionen verhängt. Wenn die Haushaltszusagen in den Ländern nicht eingehalten würden, habe es praktisch keine Konsequenzen.

Notenbanken und Finanzanalysten würden gegenwärtig diskutieren, ob es angebrachter wäre, erst einmal das Erreichen des 2%-Inflationszieles abzuwarten, bis ein Schritt zu einer weniger lockeren Geldpolitik erfolge oder ob eine frühzeitige und vorbeugende Maßnahme den besseren Erfolg verspreche. Nach Erachten der Experten sei dies aber nicht die richtige Position. Es gehe nicht um eine expansivere oder restriktivere Geldpolitik, sondern vielmehr um eine Normalisierung des ultra-expansiven Kurses, der weder expansiv noch restriktiv wirke und die Nachteile des extrem lockeren Kurses abbaue. Eine "normale Zinsstrukturkurve" könnte Geldmarktzinsen von 2 bis 3% und Renditen zehnjährigen Staatsanleihen (Bund) von 4 bis 5% bieten. (Ausgabe vom 20.09.2017) (21.09.2017/alc/a/a)