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Notenbanken lassen Geldschleusen weit geöffnet, Anleihen profitieren vom Kaufprogramm


27.10.15 09:03
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Und sie kann doch noch wachsen! Die Rede ist von der Wirtschaft Chinas, so die Analysten der Weberbank.

Das sei in der Wirtschaftspresse wahrscheinlich eine der wichtigsten Fragen der vergangenen Wochen gewesen: Stehe die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt vor dem Zusammenbruch? Über Monate hätten nahezu alle Makrodaten aus dem Reich der Mitte enttäuscht: Export, Konsum, Industrieproduktion. Der Aktienmarkt sei nahezu kollabiert. Viele hätten der Veröffentlichung des Wirtschaftswachstums im dritten Quartal daher skeptisch entgegen gesehen. Angefeuert seien die Sorgen zusätzlich von der Ankündigung gewesen, das Bruttoinlandsprodukt erstmals nach internationalen Standards berechnen zu wollen.

Würden die Statistiker ein deutlich niedrigeres Wachstum publizieren? Keineswegs! Es sei alles beim Alten geblieben. Wie gewohnt habe es mit 6,9 Prozent keine nennenswerte Abweichung vom Wachstumsziel in Höhe von 7 Prozent gegeben. Positiv zu nennen sei außerdem, dass sich Einzelhandelsumsätze und Liquiditätsversorgung zu stabilisieren beginnen würden. Dass die Chinesische Zentralbank nun die Zinsen zum wiederholten Mal in diesem Jahr gesenkt habe, werde die Kreditvergabe weiter unterstützen.

Mit Spannung würden die Analysten in der kommenden Woche auch das Treffen des Zentralkomitees betrachten, an dessen Ende ein Entwurf des neuen Fünfjahresplan stehen dürfte. Im Fokus stehe natürlich das Wachstumsziel, welches für die kommenden Jahre durchaus nur mit 6 bis 6,5% benannt werden könnte. China werde in eine Phase des "normalen Wirtschaftswachstums" eintreten, wie einer Stellungnahme bereits zu entnehmen gewesen sei. Die Wirtschaftsentwicklung in den USA und Europa verlaufe auf einem viel niedrigeren Niveau, aber ebenso holprig.

So sei zum Beispiel eine Abschwächung in der US-Industrie zu beobachten, die unter anderem durch den starken US-Dollar und rückläufige Investitionen aus dem Energie-Sektor hervorgerufen werde. Die US-Wirtschaft sei zwar stark genug, um eine Normalisierung der lockeren Geldpolitik zu verkraften, dennoch halte sich die Notenbank FED diesbezüglich sehr bedeckt. Eine erste Zinserhöhung in diesem Jahr sei noch möglich, könnte aber durchaus auch in das kommende Jahr verschoben werden. Ebenso wenig rund verlaufe die Erholung in Europa, wo sichtbare Effekte aus billigen Rohstoffen und schwachem Euro noch auf sich warten lassen würden.

Auch das gigantische Kaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB), das seit März die Märkte mit Liquidität versorgen solle, zeige noch nicht die erhoffte Wirkung. Abzulesen sei das unter anderem an der Inflationsrate, die aufgrund des niedrigen Ölpreises nun sogar ins Negative gerutscht sei. Minus 0,1 Prozent im September sei zu weit vom Inflationsziel von knapp unter zwei Prozent entfernt. EZB-Chef Draghi habe sich dahingehend geäußert, dass das Kaufprogramm sowohl im Umfang als auch zeitlich ausgedehnt werden könnte. Von einer Zinssenkung sei erneut abgelassen worden, ausgeschlossen sei sie aber für die Zukunft nicht.

Die Äußerungen Draghis seien positiv angekommen. Zumindest an den Aktien- und Rentenmärkten, die kräftig hätten zulegen können. Für den Euro seien die EZB-Äußerungen hingegen schädlich gewesen. Die Gemeinschaftswährung sei prompt zum US-Dollar um zwei Cent auf rund 1,11 USD/Euro abgesackt. Auf der Seite der verzinslichen Wertpapiere hätten vor allem Staatsanleihen und Pfandbriefe zugelegt. Aber auch Unternehmensanleihen seien gefragt gewesen.

Die Erwartung, dass die EZB das Anleihen-Kaufprogramm ausweite, zeige sich in steigenden Kursen und fallenden Renditen. Unternehmensanleihen seien im Hinblick auf die solide fundamentale Lage der Firmen und die verhältnismäßig hohen Risikoaufschläge attraktiv und könnten noch viel stärker profitieren, sollte die EZB diese im breiten Umfang kaufen. Bisher stünden nur einige ausgewählte Unternehmensanleihen, an denen der Staat einen gewissen Anteil halte, auf dem Einkaufszettel der Währungshüter.

Für die Aktienmärkte könnte der Startschuss für eine vorgezogene Jahresendrally nun gefallen sein. In einem unsicheren Konjunkturumfeld seien die Gewinnerwartungen vieler Unternehmen unter Druck geraten. Sorgen um die Weltwirtschaft im Allgemeinen und um China im Besonderen hätten die Analysten veranlasst, ihre Erwartungen herunterzuschrauben. Auch die Diesel-Abgasaffäre habe belastet. Die Kurse seien über Wochen hinweg gefallen. Dennoch würden die Kurse der Dividendenpapiere nun wieder steigen. Wie könne das sein?

Maßgeblich seien die Liquiditätsversorgung der EZB und anderer wichtiger Notenbanken, zum Beispiel auch in China, sowie der Mangel an Anlagealternativen. Da auch die Fundamentaldaten vieler Unternehmen stimmig seien, habe für eine Erholungsbewegung nur der passende Impuls gefehlt. Den könnten Draghi und der chinesische Notenbankchef Zhou nun geliefert haben. (Ausgabe vom 26.10.2015) (27.10.2015/alc/a/a)