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Niedrigzins stützt Aktienbewertung
24.07.20 10:00
Weberbank
Berlin (www.anleihencheck.de) - Krise, welche Krise? Viele Aktienindices haben die Verluste seit Jahresbeginn komplett ausgeglichen und nehmen nun neue Höchststände ins Visier, so Daniel Schär, CFA bei der Weberbank.
Unterstützung für die Rally komme von den Staatschefs der Eurozone, die sich auf ein Aufbauprogramm von historischer Dimension geeinigt hätten. Zeitgleich würden jedoch die Infektionszahlen weltweit einen neuen Rekordwert erreichen. Wie passe das zusammen und wie würden die Analysten der Weberbank die Situation einschätzen?
Nach einem zähen Verhandlungsmarathon hätten sich die EU-Staatschefs im Kampf gegen die Corona-Krise auf das größte Finanzpaket in ihrer Geschichte geeinigt. Die erzielte Vereinbarung sehe vor, dass besonders hart von der Pandemie betroffenen EU-Staaten mit einem 750 Mrd. Euro schweren Aufbaufonds wieder auf die Beine geholfen werden solle. 390 Mrd. Euro davon würden als Zuschüsse gezahlt, 360 Mrd. Euro als Kredite. Zusätzlich habe man sich auf einen Haushaltsrahmen von 1.074 Mrd. Euro für die Jahre 2021 bis 2027 geeinigt. Mit den Mitteln sollten ebenso die Zukunftsthemen Digitalisierung und Klimaschutz gefördert werden. Um die historische Dimension dieser Einigung zu verdeutlichen, sei auf den Marshallplan verwiesen, der von den USA nach dem Zweiten Weltkrieg zum Wiederaufbau Europas initiiert worden sei. Er habe damals ein Volumen von ca. 13 Milliarden USD gehabt, was nach heutiger Rechnung einen Gegenwert von ca. 130 Milliarden USD ausmachen würde.
Unklar sei derweil noch die genaue Ausgestaltung der Finanzierung. Gemeinschaftliche Corona-Anleihen der europäischen Kommission, wie jetzt geplant, seien ein Schritt in Richtung Transfer- und Fiskalunion und in ein neues Regime. Bisher sei dieser Weg von den Nordländern der Eurozone ausgeschlossen worden. Auch EU-weite Steuern auf Plastik und CO2 sowie auf Digital- und Finanztransaktionen, wie sie jetzt zur Finanzierung erhoben werden sollten, seien Neuland. Bisher seien Steuern ausschließlich auf nationaler Ebene erhoben worden. Nachdem der Weg geebnet zu sein scheine, schlage der deutsche Verkehrsminister Andreas Scheuer auch gleich eine europaweite PKW-Maut vor. Die Politik scheine eine Richtungsentscheidung getroffen zu haben; es bleibe zu hoffen, dass es die Richtige gewesen sei. Dem Euro verhelfe die europäische Einigung zu neuer Stärke und er habe die technisch wichtige Marke von 1,15 gegenüber dem US-Dollar überwinden können. Der Risikoabschlag, der auf der Gemeinschaftswährung gelastet habe, scheine in der bisherigen Form nicht mehr gerechtfertigt. Die bessere Entwicklung könnte ausländische Anleger ermuntern, ihre Engagements in der zuletzt deutlich untergewichteten Eurozone aufzustocken.
Auch jenseits des Atlantiks werde um neue Milliardenhilfen gerungen. Zum Ende des Monats würden in den USA die Hilfsprogramme zur Aufstockung der Arbeitslosenhilfe auslaufen. Demokraten und Republikaner seien sich grundsätzlich einig, dass bei aktuell 17 Millionen Arbeitslosen weitere Hilfen notwendig seien. Die Frage werde sein, ob im startenden Wahlkampf, der mit einer zunehmenden Verhärtung der Fronten einhergehe, eine Einigung erzielt werden könne und wie hoch das neue Hilfspaket ausfallen werde. Die Schätzungen lägen zwischen einer und drei Billion Dollar. Das Haushaltsdefizit werde damit in diesem Jahr wahrscheinlich bei rekordverdächtigen 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegen und die Gesamtverschuldung der USA auf ca. 120 Prozent des BIP ansteigen. Die Staaten würden somit weiter neue Schuldenberge anhäufen, die dann von den Notenbanken aufgekauft würden. Der Spielraum für Zinsanstiege werde dadurch weltweit immer kleiner und der Anlagenotstand immer größer. Durch die Entwicklungen im Zusammenhang mit der COVID-19-Krise seien auch die Amerikaner endgültig im Niedrigzinsumfeld angekommen. Die Renditen 10-jähriger US-Staatsanleihen seien im letzten Jahr von ca. 2 Prozent auf aktuell nur noch 0,6 Prozent gefallen.
Das treibe die Anleger weltweit in Sachanlagen wie Immobilien, Aktien, aber auch Gold (ISIN XC0009655157/ WKN 965515). Das Edelmetall verzeichne eine Rekordnachfrage von Finanzinvestoren und notiere nahe der Höchststände. Gold generiere zwar keine laufenden Erträge, es könne aber im Gegensatz zum Papiergeld nicht unbegrenzt geschaffen werden. Das Marktumfeld sollte mittelfristig weiteres Potenzial ermöglichen.
Die weltweiten COVID-19-Infektionszahlen würden einen neuen Höchststand erreichen und sowohl deutsche als auch amerikanische Aktien würden seit Jahresbeginn im Plus bzw. nur wenige Prozentpunkte unter ihren Allzeithochs notieren. Das habe vor wenigen Monaten noch paradox geklungen, sei jedoch aktuell bei detaillierter Betrachtung nicht so abwegig.
Erstens hätten die Regierungen und Zentralbanken mit ihren Maßnahmen ein beispielloses Sicherheitsnetz geknüpft, das die Wirtschaft stabilisiere. Zweitens seien wesentliche Fortschritte im Umgang mit der Pandemie erzielt worden. Alle seien nun aufmerksam und gedanklich auf den Ernstfall vorbereitet. Infektionen würden durch systematisches Testen früher erkannt und könnten somit regional eingedämmt werden. Drittens seien wesentliche Fortschritte in der Erforschung von Medikamenten und Impfstoffen gemacht worden. Viertens deute sich in vielen Ländern eine wirtschaftliche Erholung an, in China sogar dynamischer als erwartet. Fünftens und zu guter Letzt gebe es kaum noch sinnvolle Alternativen zur Anlage in Aktien.
Kritisch könne man sicherlich auf die Bewertung der Aktienmärkte schauen, die durch die fulminante Rally der letzten Monate, bei zeitgleich einbrechenden Unternehmensgewinnen, in neue Sphären entrückt sei. So liege das Kurs-Gewinn-Verhältnis internationaler Aktien mit 21 auf einem Niveau, das man zuletzt vor 20 Jahren zu Hochzeiten der Technologieblase gesehen habe. Historisch sei nach Rezessionsphasen ein Anstieg der Bewertungen durchaus üblich, da die Aktien die Erholung der Wirtschaft im Vorfeld antizipieren würden. Wir haben diesmal nur zusätzlich eine Niveauverschiebung aufgrund des Niedrigzinsumfeldes, so die Analysten der Weberbank. Aktienkurse würden die diskontierten Unternehmensgewinne der Zukunft widerspiegeln. Sinke der Zins dauerhaft, sollten die Kurse der Aktien und damit die Bewertungen ansteigen. Die kommenden Monate würden deshalb aber sicher nicht zu einer Kurseinbahnstraße werden. Der US-Wahlkampf, der wieder aufflammende Konflikt zwischen den USA und China, der zum Jahresende anstehende Brexit und die Gefahr einer zweiten großen Infektionswelle würden jede Menge Unwägbarkeiten bergen. (24.07.2020/alc/a/a)
Unterstützung für die Rally komme von den Staatschefs der Eurozone, die sich auf ein Aufbauprogramm von historischer Dimension geeinigt hätten. Zeitgleich würden jedoch die Infektionszahlen weltweit einen neuen Rekordwert erreichen. Wie passe das zusammen und wie würden die Analysten der Weberbank die Situation einschätzen?
Nach einem zähen Verhandlungsmarathon hätten sich die EU-Staatschefs im Kampf gegen die Corona-Krise auf das größte Finanzpaket in ihrer Geschichte geeinigt. Die erzielte Vereinbarung sehe vor, dass besonders hart von der Pandemie betroffenen EU-Staaten mit einem 750 Mrd. Euro schweren Aufbaufonds wieder auf die Beine geholfen werden solle. 390 Mrd. Euro davon würden als Zuschüsse gezahlt, 360 Mrd. Euro als Kredite. Zusätzlich habe man sich auf einen Haushaltsrahmen von 1.074 Mrd. Euro für die Jahre 2021 bis 2027 geeinigt. Mit den Mitteln sollten ebenso die Zukunftsthemen Digitalisierung und Klimaschutz gefördert werden. Um die historische Dimension dieser Einigung zu verdeutlichen, sei auf den Marshallplan verwiesen, der von den USA nach dem Zweiten Weltkrieg zum Wiederaufbau Europas initiiert worden sei. Er habe damals ein Volumen von ca. 13 Milliarden USD gehabt, was nach heutiger Rechnung einen Gegenwert von ca. 130 Milliarden USD ausmachen würde.
Unklar sei derweil noch die genaue Ausgestaltung der Finanzierung. Gemeinschaftliche Corona-Anleihen der europäischen Kommission, wie jetzt geplant, seien ein Schritt in Richtung Transfer- und Fiskalunion und in ein neues Regime. Bisher sei dieser Weg von den Nordländern der Eurozone ausgeschlossen worden. Auch EU-weite Steuern auf Plastik und CO2 sowie auf Digital- und Finanztransaktionen, wie sie jetzt zur Finanzierung erhoben werden sollten, seien Neuland. Bisher seien Steuern ausschließlich auf nationaler Ebene erhoben worden. Nachdem der Weg geebnet zu sein scheine, schlage der deutsche Verkehrsminister Andreas Scheuer auch gleich eine europaweite PKW-Maut vor. Die Politik scheine eine Richtungsentscheidung getroffen zu haben; es bleibe zu hoffen, dass es die Richtige gewesen sei. Dem Euro verhelfe die europäische Einigung zu neuer Stärke und er habe die technisch wichtige Marke von 1,15 gegenüber dem US-Dollar überwinden können. Der Risikoabschlag, der auf der Gemeinschaftswährung gelastet habe, scheine in der bisherigen Form nicht mehr gerechtfertigt. Die bessere Entwicklung könnte ausländische Anleger ermuntern, ihre Engagements in der zuletzt deutlich untergewichteten Eurozone aufzustocken.
Das treibe die Anleger weltweit in Sachanlagen wie Immobilien, Aktien, aber auch Gold (ISIN XC0009655157/ WKN 965515). Das Edelmetall verzeichne eine Rekordnachfrage von Finanzinvestoren und notiere nahe der Höchststände. Gold generiere zwar keine laufenden Erträge, es könne aber im Gegensatz zum Papiergeld nicht unbegrenzt geschaffen werden. Das Marktumfeld sollte mittelfristig weiteres Potenzial ermöglichen.
Die weltweiten COVID-19-Infektionszahlen würden einen neuen Höchststand erreichen und sowohl deutsche als auch amerikanische Aktien würden seit Jahresbeginn im Plus bzw. nur wenige Prozentpunkte unter ihren Allzeithochs notieren. Das habe vor wenigen Monaten noch paradox geklungen, sei jedoch aktuell bei detaillierter Betrachtung nicht so abwegig.
Erstens hätten die Regierungen und Zentralbanken mit ihren Maßnahmen ein beispielloses Sicherheitsnetz geknüpft, das die Wirtschaft stabilisiere. Zweitens seien wesentliche Fortschritte im Umgang mit der Pandemie erzielt worden. Alle seien nun aufmerksam und gedanklich auf den Ernstfall vorbereitet. Infektionen würden durch systematisches Testen früher erkannt und könnten somit regional eingedämmt werden. Drittens seien wesentliche Fortschritte in der Erforschung von Medikamenten und Impfstoffen gemacht worden. Viertens deute sich in vielen Ländern eine wirtschaftliche Erholung an, in China sogar dynamischer als erwartet. Fünftens und zu guter Letzt gebe es kaum noch sinnvolle Alternativen zur Anlage in Aktien.
Kritisch könne man sicherlich auf die Bewertung der Aktienmärkte schauen, die durch die fulminante Rally der letzten Monate, bei zeitgleich einbrechenden Unternehmensgewinnen, in neue Sphären entrückt sei. So liege das Kurs-Gewinn-Verhältnis internationaler Aktien mit 21 auf einem Niveau, das man zuletzt vor 20 Jahren zu Hochzeiten der Technologieblase gesehen habe. Historisch sei nach Rezessionsphasen ein Anstieg der Bewertungen durchaus üblich, da die Aktien die Erholung der Wirtschaft im Vorfeld antizipieren würden. Wir haben diesmal nur zusätzlich eine Niveauverschiebung aufgrund des Niedrigzinsumfeldes, so die Analysten der Weberbank. Aktienkurse würden die diskontierten Unternehmensgewinne der Zukunft widerspiegeln. Sinke der Zins dauerhaft, sollten die Kurse der Aktien und damit die Bewertungen ansteigen. Die kommenden Monate würden deshalb aber sicher nicht zu einer Kurseinbahnstraße werden. Der US-Wahlkampf, der wieder aufflammende Konflikt zwischen den USA und China, der zum Jahresende anstehende Brexit und die Gefahr einer zweiten großen Infektionswelle würden jede Menge Unwägbarkeiten bergen. (24.07.2020/alc/a/a)
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| Kurs | Vortag | Veränderung | Datum/Zeit | |
| 4.707,86 $ | 4.692,89 $ | 14,97 $ | +0,32% | 24.04./22:44 |
| ISIN | WKN | Jahreshoch | Jahrestief | |
| XC0009655157 | 965515 | 5.594 $ | 3.124 $ | |


