Erweiterte Funktionen

Niedrige Staatsanleiherenditen als Ausdruck der Unsicherheit


06.08.21 08:45
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Der Weltwirtschaft geht es auf den ersten Blick gut bis sehr gut, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Schaue man genauer hin, werde klar, dass es nicht so rund laufe, wie man denke.

Stellen Sie sich vor, Sie sind auf See und im Maschinenraum eines Schiffes, die Motoren brummen und Sie denken, wunderbar, wir fahren mit hohem Tempo und können die massive Verspätung einholen, die sich durch unglückliche Umstände ergeben hat; dann gehen Sie auf Deck und stellen fest, Sie fahren auf eine Nebelwand zu, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank.

So ähnlich sehe es derzeit mit der Weltwirtschaft aus. Die bloßen Zahlen würden suggerieren, dass alles blendend laufe. Das globale Wachstum werde in diesem Jahr voraussichtlich bei 5,8% liegen, der höchste Wert, den die 1980 startende Datenbank vom Internationalen Währungsfonds dokumentiere. Die PMI-Geschäftsklimaindices lägen in den USA und der Eurozone bei rund 60 Punkten, was generell eine boomende Wirtschaft suggeriere. Und die Aktienmärkte würden von einem Rekordhoch zum nächsten eilen. Dem stehe jedoch eine große Unsicherheit gegenüber, die mit Covid-19 und der Tatsache zu tun habe, dass es kaum historische Referenzen gebe, um abzuleiten, welche langfristigen Narben die Pandemie hinterlassen könnte.

An den Finanzmärkten äußere sich diese Unsicherheit am deutlichsten durch die extrem niedrigen Staatsanleiherenditen. Die Renditen der zehnjährigen US-T-Notes seien in den vergangenen zwei Monaten ohne konkreten Anlass um rund 50 Basispunkte auf unter 1,20% gefallen, die entsprechenden Bunds seien gefolgt und würden jetzt bei knapp -50 Basispunkten rentieren. Üblicherweise würden Anleger mit einer erhöhten Nachfrage nach diesen Staatsanleihen reagieren, wenn sie unsicher seien und sie Furcht hätten, dass eine Geldanlage in anderen Märkten mit Verlusten verbunden sein werde.

Wenn man genauer hinschaut, dann gibt es in unserer unvollkommenen Welt natürlich einigen Anlass, mit Unruhe in die Zukunft zu schauen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. Das alles umgreifende Thema bleibe die Pandemie. Die meisten Investoren hätten in Bezug auf die USA und die Eurozone darauf gesetzt, dass im Laufe des Sommers die Herdenimmunität erreicht sei und ein befreites Aufatmen stattfinden könne. Stattdessen habe die Bundesregierung Spanien, Portugal und die Niederlande zu Hochinzidenzländern erklärt, was für Ungeimpfte bei Rückkehr eine Quarantäne erfordere.

Das Robert Koch-Institut definiere insgesamt 43 Länder als Hochrisikogebiete. In Florida, USA, sei die Belegung der Krankenhausintensivbetten auf dem höchsten Stand während der Pandemie. In Malaysia seien erneut nicht essenzielle Unternehmen in den Lockdown geschickt worden und würden auf diese Weise Wertschöpfungsketten beeinträchtigen, etwa im Mikrochip-Sektor. Chinas Führung hyperventiliere angesichts neuer Ausbrüche und bremse auf regionaler Ebene mit Reiseverboten, Beschränkungen beim Einkauf und Homeofficepflicht das Wachstum, das sich in der Tat zuletzt abgeschwächt habe. Hierzulande wird von der vierten Welle im Herbst gesprochen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. Zwar sei nicht annähernd mit einer Wiederholung des Stillstands zu rechnen, den die Welt im Frühjahr letzten Jahres erfasst habe. Aber die ersehnte Rückkehr zur Normalität müsse verschoben werden.

Dazu komme, dass die schönen Zahlen über das globale Wachstum bei differenzierter Betrachtung einer gewissen Ernüchterung weichen müssten. Die PMI-Einkaufsmanagerindices in den Emerging Markets, die sich in der Vergangenheit wie selbstverständlich wesentlich dynamischer entwickelt hätten als die gesättigten Industrieländer, lägen ganze zehn Punkte unter den PMI-Indices der entwickelten Volkswirtschaften. Die Erholung verlaufe fast so schleppend wie der Impfprozess in diesen Ländern. Letztlich sei es die mangelnde Impfstoffverfügbarkeit, die das niedrige Wachstum verantworte. Übersetze man diese schwache Dynamik in die Realität, bedeute dies, dass die Arbeitslosigkeit hoch bleibe und die Gefahr von sozialen Unruhen wachse. In einigen Ländern wie Südafrika, Kolumbien und Tunesien sei dies bereits zu beobachten. Die hohe Auslandsverschuldung in einer Reihe von Emerging Markets könne zudem zu makroökonomischen Verwerfungen führen.

In den meisten entwickelten Volkswirtschaften sei die Krise durch großzügige Staatshilfen und Insolvenzmoratorien sowie Verbote von Zwangsräumungen bei säumigen Mietern abgefedert und dadurch auch kaschiert worden. Diese Maßnahmen würden nach und nach auslaufen. Es gelte das leicht abgewandelte Sprichwort von Investor Warren Buffet: Wenn die Flut weiche, werde man sehen, wer anständige Badekleidung angehabt habe.

Und dann sei da noch die Furcht vor der Stagflation, also einer Kombination von steigenden Preisen und einer stagnierenden Wirtschaft. Diese Erfahrung habe die Welt während der 1970er Jahre durch die beiden Ölkrisen gemacht und heute würden einige Beobachter dies angesichts massiv steigender Rohstoffpreise und gleichzeitiger Angebotsengpässe im Welthandel erneut für möglich halten. Unser Basisszenario ist es nicht, aber Stagflation ist vermutlich das schwierigste Umfeld, in dem sich Investoren und Zentralbanker bewegen können, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. Während eine hohe Inflation den Aktienkursen helfen könne, würden Unternehmensgewinne üblicherweise unter Nullwachstum leiden. Umgekehrt würden sich auch Bonds nicht als Investment anbieten, weil die steigende Inflation mit höheren Zinsen einhergehen sollte, die Kurse also unter Druck geraten würden. Und was solle die Geldpolitik machen? Die Zinsen erhöhen, um die Inflation in Schach zu halten? Das wäre grundsätzlich der richtige Weg, aber würde vonseiten der Politik auf massiven Widerstand stoßen, weil die höheren Zinsen kurzfristig der Wirtschaft zusätzlich einen Stoß Richtung Abgrund geben würden.

Bis sich der Nebel lichte, werde es vermutlich noch ein paar Monate dauern. Und das werde sicherlich nicht von einem Tag auf den nächsten passieren, sondern nach und nach dürfte man klarer sehen. Insgesamt würden die Analysten der Hamburg Commercial Bank es für wahrscheinlich halten, dass in der Nebelwand kein fataler Eisberg lauere. Unser Schiff Weltwirtschaft dürfte aber dennoch zu einem langsameren Tempo gezwungen werden, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. (Ausgabe vom 05.08.2021) (06.08.2021/alc/a/a)