Niedrige Inflation ist logisch und positiv


07.11.14 12:21
GECAM

Wangen (www.anleihencheck.de) - In diesen Tagen beschweren sich wieder Vertreter der Politik und der Notenbanken über die aus ihrer Sicht zu geringe Inflation, so die Experten von GECAM.

Inflation bedeute Kaufkraftverlust des Geldes. Aktuell heiße das für einen Bürger im Euro-Währungsraum, der exakt den Warenkorb der Statistiker verbrauche, einen Kaufkraftverlust von 0,4 Prozent. In Deutschland verliere das Geld aktuell 0,8 Prozent, in den USA 1,6 Prozent und in China rund 1,8 Prozent an Wert. Würden Sie nun sagen, dass Ihr Geld zu wenig an Kaufkraft verliere, oder dass Sie zu langsam verarmen würden? Wohl eher nicht. Dies würden nur Vertreter der politischen Klasse und der Notenbanken tun. Doch bevor man auf diese Gründe näher eingehe, lohne sich ein Blick auf die Ursachen der relativ niedrigen Inflationsraten. Man unterscheide neben den direkten und für jedermann ersichtlichen Gründen auch die indirekten, oftmals nicht ersichtlichen und vielleicht auch nicht messbaren Gründe. Diese seien jedoch mindestens gleich bedeutend, in ihrer Wirkung vielleicht sogar noch stärker.

Die wichtigste Komponente der Inflation - zumindest in mittelfristiger Sicht - sei die Veränderung der Rohstoff- und insbesondere der Energiepreise. Entgegen vieler Erwartungen und geopolitischer Risiken in öl- und gasproduzierenden Ländern sei der Öl- und Gaspreis in diesem Jahr auf ein Vier-Jahres-Tief gesunken. Im Vergleich zum Jahreshoch von 115,70 US-Dollar für ein Barrel der Nordsee-Sorte Brent stehe der aktuelle Kurs bei knapp 82 US-Dollar pro Barrel. Dies entspreche einem Minus von 30 Prozent.

Nicht nur für die energieintensiven Unternehmen (Metall- und Elektroindustrie, Verarbeitendes Gewerbe) sei das eine positive Entwicklung. Auch Autofahrer und Käufer für Öl- und Gasheizungen könnten sich freuen. Hätten 100 Liter Heizöl 2012 im Schnitt noch 95 Euro gekostet, so sei die Tankffüllung aktuell bereits für rund 70 Euro zu haben. Der Grund für die niedrigen Energiepreise sei nicht in erster Linie eine schwache Konjunktur (also die Nachfrageseite), sondern vor allem das weltweite Überangebot, Allen voran die starke Produktionsausweitung in den USA (Fracking), die vom Netto-Öl-Importeur zum Exporteur geworden seien.

Nach wie vor würden die Konsolidierungs- und Sparbemühungen in den Peripherie-Staaten der Eurozone auf die Preise wirken. Dieser notwendige Prozess zur Anpassung der Wettbewerbsfähigkeit, von dem Löhne, Renten und öffentliche Ausgaben betroffen seien, wirke nun Mal tendenziell deflationär. Aber auch diese Entwicklung sei positiv zu betrachten, bereite sie doch den Boden für zukünftige wirtschaftliche Prosperität.

Nicht, oder nicht in ausreichendem Maße stattfindende Strukturreformen auf den Arbeits-, Dienstleistungs- und Warenmärkten in Europa sowie die zum Teil überdimensionierten Staatsquoten (Frankreich) würden das Wirtschaftswachstum hemmen. Ohne Wachstum entstünden keine inflationären Kräfte. Diese Probleme seien zum großen Teil hausgemacht und nicht von externer Seite (Zentralbanken, andere Länder) zu lösen. Auch in Deutschland würden die von der großen Koalition verabschiedeten Gesetze bezüglich der Erhöhung der Rentenversicherungsausgaben sowie die massive Regulierung der Arbeitsmärkte (Mindestlohn, Frauenquote, Zeitarbeit, Werkverträge, etc.) nicht gerade zur Investitionsfreude der Unternehmen beitragen.

Hauptverantwortlich für nahezu inflationsfreies Wachstum in der westlichen Welt der letzten zwei Jahrzehnte sei die Globalisierung gewesen. Verschwindend geringe Transportkosten im Warenverkehr würden sehr effiziente Nutzung günstiger Produktionskapazitäten rund um den Globus ermöglichen. Die Effekte daraus seien zwar nicht mehr ganz so attraktiv, da auch die Kosten (Löhne, Mieten) in den Schellenländern gestiegen seien. Die internationale Arbeitsteilung zahle sich aber nach wie vor aus.

Geldpolitik wirke nicht wie in der Realwirtschaft - günstige Preise würden mehr Nachfrage schaffen. Im Gegenteil, extrem expansive Geldpolitik schüre Verunsicherung und Zukunftsangst. Dies führe zu einer abwartenden Haltung von Unternehmen und Konsumenten. Das bedeute: Es werde weniger gekauft bzw. investiert. Auch für Sparer würden Nullzinsen bedeuten, dass zum Erreichen bestimmter Sparziele, oder in Bezug auf die Altersvorsorge aufgrund der geringen Rendite, mehr gespart werden müsse. Im Umkehrschluss stehe somit weniger Geld für Ausgaben zur Verfügung. Ein eindeutig deflationärer Prozess.

Aufgrund der extremen finanzpolitischen und geldpolitischen Ereignisse der letzten Jahre seien Unternehmen und Verbraucher verunsichert, von den geopolitischen Ereignissen ganz zu schweigen. Die Unsicherheit führe seit 2009 weltweit zu einem Rückgang der privaten Verschuldung von rund 20 Prozent.

Nicht nur Privathaushalte hätten sich entschuldet. Auch die Bankhäuser weltweit hätten ihre Bilanzsummen seit 2008 erheblich geschrumpft (Deleveraging). Rund 25 Prozent geringere Bilanzsummen würden auch 25 Prozent weniger Risikokapital an den Märkten in Form von Liquidität, Geldmenge, Kredite, reale Vermögenswerte sowie Wertpapiere bedeuten.

Über ein Jahr lang seien die Banken in der Eurozone mit dem bevorstehenden Stresstest konfrontiert worden, dessen Parameter lange Zeit nicht festgestanden hätten. Keinem Bankvortand könne man es verdenken vor einem solchen Ereignis, das seinen Job kosten könne und das Weiterbestehen des eigenen Bankhauses gefährde, wenn er die Risikoauslastung der Bank begrenze und die Kreditvergabe restriktiv handhabe. Aus Sicht der EZB sei dies ein ganz wichtiger Parameter zur wirtschaftlichen Erholung in der Eurozone.

Nullzinsen am kurzen Ende und ein gedrücktes Zinsniveau am langen Ende der Zinsstrukturkurve würden zu geringeren Zinsmargen der Banken - der Hauptertragsquelle dieser Institutionen - führen. Wie jedes andere Unternehmen würden auch Banken lieber Geschäfte machen, wenn es hohe Margen einbringe. Eine Einstellung der Anleihenkäufe in den USA könnte durch höhere Renditen für längere Laufzeiten deshalb eine Renditeausweitung für Banken bedeuten, was das Kreditgeschäft beflügeln würde. Die bisher deflationär wirkende Maßnahme könnte sich nun also ins Gegenteil verwandeln.

Wenn über 6.000 Unternehmen in Deutschland ihr Russland-Geschäft gefährdet sehen würden, ja sogar Abschreibungen auf dort getätigte Investitionen vornehmen müssten, wirke dies bremsend auf das Wirtschaftswachstum und die Inflation. Wenn auch vordergründig nur 3 Prozent des deutschen Exportes nach Russland gehen würden, so seien dies jedoch mittelbar über Vorleistungsgüter für österreichische, polnische, tschechische und slowenische Unternehmen bedeutend mehr. Von der dadurch gesteigerten Unsicherheit ganz zu schweigen. Ein Prozess, dessen negative Wirkung aus Sicht der Experten von GECAM massiv unterschätzt wird.

Darüber hinaus gebe es natürlich weitere wichtige Aspekte, die tendenziell deflationär wirken würden, wie die demographische Entwicklung in Europa oder Japan. Aber auch wechselkursbedinge Effekte, wie die aktuell in Amerika deflationär wirkende Aufwertung des US-Dollar.

Die Ursachen fallender Inflationsraten seien nachvollziehbar und zum Teil von der Politik und auch den Notenbanken selbst verschuldet. Ursächliche Parameter wie die hohe Unsicherheit aufgrund hoher Staatsverschuldung und Reformverweigerung mit der Ausweitung ebenjener (noch mehr Geld durch die EZB, kreditfinanzierte Konjunkturprogramme der Staaten) bekämpfen zu wollen, führen aus Sicht der Experten von GECAM ins Leere.

Es würden jedoch auch entsprechende Fehler und Entwicklungen erkannt und benannt - leider nur viel zu langsam. Währenddessen bleibe dem Anleger nichts anderes übrig, als auf der Liquiditäts-Welle der Notenbanken mitzuschwimmen, die tendenziell alle Vermögenspreise weiter anheben werde. Sachwerte mit Renditeperspektive (Aktien, bestimmte Immobilien) seien Schuldtiteln mit geringer Verzinsung (Anleihen) dabei vorzuziehen.

Grundsätzlich seien Zeiten niedriger Inflation in der Historie eigentlich gute und stabile Wachstumsphasen für die Wirtschaft gewesen. Unternehmen und Verbraucher könnten sich über günstige Preise freuen. Nur die überschuldeten Staaten hätten ein Interesse an hoher Inflation, die die Schuldenquoten real reduzieren würde. (07.11.2014/alc/a/a)