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Neutraler Zinssatz: Warum die EZB ihre Ziele neu denken sollte


11.12.24 09:51
Degroof Petercam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Die EZB senkte ihren Leitzins bisher nur zögerlich; EZB-Präsidentin Lagarde spricht von Kalibrierung, so Lowie Debou, Fixed Income Fund Manager bei Petercam Asset Management (DPAM).

Immerhin verstünden die Notenbanker, dass Europa strukturelle Probleme habe, die sich auf das potenzielle Wachstum und damit auf die Inflation auswirken würden.

Die EZB habe den Auftrag, die Inflation auf ihr Ziel zurückzubringen. Sie müsse aber auch das Wachstumsumfeld berücksichtigen. Wenn das strukturelle Wachstum niedrig sei, müsse sie die Geldpolitik an dieses niedrigere Niveau anpassen. Solange der analytische Rahmen der EZB nicht zu einer Neukalibrierung führe, werde die Stagnation in Europa anhalten.

Die meisten Mitglieder des EZB-Rates würden davon ausgehen, dass der neutrale Zinssatz (bei dem die Inflation das Ziel und das Wachstum sein Potenzial erreiche) zwischen 2% und 3% liegen werde. Diese Werte habe der Leitzins seit der Gründung des Euroraums im Jahr 2000 nur sporadisch erreicht. Das Holston-Laubach-Williams-Modell schätze den inflationsbereinigten neutralen Zinssatz dagegen auf etwa -0,70% - ein neues Allzeittief. Die Realität werde irgendwo in der Mitte liegen. Die Experten von DPAM würden das Zinsziel der EZB daher immer noch für zu hoch halten.

Die EZB sollte daher schneller reagieren oder neu kalibrieren, um auf ein makroökonomisches Umfeld in Europa zu reagieren, das Anzeichen für eine Verbesserung nicht erkennen lasse. Vor kurzem habe der Chefökonom der EZB, Philip Lane, erklärt, dass die EZB früher und energischer auf den anhaltenden Anstieg sowohl der Inflation als auch der Inflationserwartungen in Europa seit 2021 hätte reagieren sollten. Sehr wahrscheinlich werde sie in den kommenden Jahren zu einer ähnlichen Analyse kommen - dass ihre Lockerung im laufenden Zyklus im Nachhinein betrachtet zu spät und zu langsam gewesen sei. Noch könnte die EZB eine solche "Rückschau" vermeiden. Dazu müsste sie aber mit der Neukalibrierung beginnen.

Die EZB habe die strukturelle Verschlechterung der europäischen Wirtschaft nicht zu verantworten. Die Gefahr bestehe jedoch, dass sie aus Angst, durch zu schnelle Zinssenkungen einen Fehler zu begehen und damit die Inflation wieder anzuheizen, einen Fehler begehe. (11.12.2024/alc/a/a)