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Negativzinsen: Segen und Fluch zugleich
04.05.16 11:22
Vontobel Asset Management
Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Seit Beginn der Finanzkrise im Jahr 2008 befinden sich die Zentralbanken im Ausnahmezustand, so Christophe Bernard, Vontobel-Chefstratege.
Zuerst hätten sie die Zinsen auf null gesenkt. Danach hätten sie die Finanzmärkte mit Liquidität geflutet. Und schließlich hätten einige von ihnen kürzlich Negativzinsen eingeführt. Wahrscheinlich hätten diese Maßnahmen die Wirtschaft und die Finanzmärkte gestützt. Gleichzeitig hätten sie jedoch für die Anleger enorme Herausforderungen geschaffen.
Die Währungshüter der Eurozone, Japans, der Schweiz, Schwedens und Dänemarks würden für Bankeinlagen derzeit - in unterschiedlichem Ausmaß - negative Zinsen verlangen. Hinzu komme, dass zahlreiche Staatsanleihen weltweit führender Industrieländer mit negativen Renditen auf Verfall gehandelt würden. Diese noch nie da gewesene Situation führe dazu, dass althergebrachte Annahmen zur Funktionsweise des Finanzsystems hinterfragt würden.
Gemäß der Finanztheorie wollten Menschen etwas lieber heute als morgen besitzen: Ein Euro sei in der Zukunft weniger wert als zum jetzigen Zeitpunkt. Wenn die Zinsen negativ seien, sehe das anders aus: Sparer müssten heute dafür bezahlen, dass sie Geld ausleihen dürften. Implizit würden sie davon ausgehen, dass die Deflation die reale Kaufkraft ihrer Ersparnisse trotz der Negativzinsen steigern werde. Ein Zyniker würde argumentieren, negative Zinsen seien der Beweis dafür, dass die Zentralbanken ihr Ziel, die Inflation wieder anzufachen, verfehlt hätten.
Das Phänomen der globalen Disinflation sei nichts Neues: Seit Jahrzehnten würden die Globalisierung und das Internet die Preise sinken lassen. Überdies würden rückläufige Produktivitätsgewinne und demografische Trends in wichtigen Staaten das weltweite Wirtschaftswachstum dämpfen.
Und schließlich sei im Verlauf verschiedener Krisen ein Schuldenberg angehäuft worden: 2000 sei die Internetblase geplatzt, 2008 sei der Markt für amerikanische "Subprime"-Immobilien implodiert, und seit 2011 würden sich die Rohstoffpreise im Sinkflug befinden. Diese Faktoren würden das Wachstum belasten. Um eine wirtschaftliche Depression abzuwenden, hätten die Zentralbanken die Zinsen auf null gesenkt und ihre Bilanzen massiv ausgeweitet, indem sie riesige Mengen von Staatsanleihen aufgekauft hätten. Als auch diese Maßnahmen nicht den gewünschten Erfolg erzielt hätten, hätten einige Notenbanken zum Mittel von Minuszinsen gegriffen.
Noch sei ungewiss, ob die Zentralbanken ihre Ziele auf diese Weise erreichen würden. Klare Verlierer der Negativzinsen seien aber die Sparer, während die Kreditnehmer davon profitieren würden. Insbesondere den verschuldeten Regierungen komme zugute, dass sie für ihren Schuldendienst deutlich weniger aufwenden müssten. Dies könne von Vorteil sein, wenn die politischen Entscheidungsträger dieses monetäre Geschenk nutzen würden, um strukturelle Reformen umzusetzen und das Trendwachstum anzukurbeln.
Leider zeige die Erfahrung, dass Regierungen in Versuchung geraten würden, unpopuläre Reformen auf die lange Bank zu schieben, um bei den Wahlen nicht abgestraft zu werden. Zu den offensichtlichsten "Opfern" negativer Zinsen würden Finanzunternehmen und -institute gehören: Während die Nettozinsmarge der Banken schrumpfe, würden die Geschäftsmodelle der Versicherer unter Druck geraten. Pensionskassen falle es zunehmend schwer, ihren Verpflichtungen nachzukommen.
Die extrem niedrigen Zinsen würden zwar den Vermögenspreisen zu Höhenflügen verhelfen und die Kreditqualität stützen, was für etwas Entspannung sorge. Aufgrund der sinkenden Profitabilität könnten die Geschäftsbanken jedoch ihre Kreditvergabe zurückfahren - was genau das Gegenteil dessen wäre, was Minuszinsen eigentlich bezwecken sollten. Deshalb habe die Europäische Zentralbank (EZB) kürzlich ein System eingeführt, wonach Banken, die bestimmte Kredit-Benchmarks erfüllen würden, Zuschüsse von bis zu 40 Basispunkten erhalten würden.
Um die Zentralbanken zu einer Kursänderung zu bewegen, müsste die Teuerung auf gegen 2 Prozent ansteigen und die Wirtschaft ein reales Wachstum in der Nähe ihres Potenzials vorlegen. Da sich die Rohstoffpreise stabilisiert hätten, sei damit zu rechnen, dass die US-Inflation in den kommenden zwölf bis 18 Monaten die 2-Prozent-Grenze erreichen oder überschreiten werde. Zudem gebe es in bestimmten Sektoren aufgrund der angespannten Lage am Arbeitsmarkt vereinzelt Hinweise für einen Aufwärtsdruck auf die Löhne.
Die Weltwirtschaft wachse indes weiterhin nur verhalten. Zudem mangele es an globaler fiskalpolitischer Koordination, um das Wachstum zu beleben. Schließlich seien Negativzinsen nur dann zielführend, wenn die Regierungen mehr für die Infrastruktur ausgeben und die langfristigen Wachstumsaussichten verbessern würden. Dies eröffne Chancen für Unternehmensinvestitionen. Negative Zinsen ohne wachstumsfördernde Maßnahmen hingegen seien unter Umständen nur ein Zeichen dafür, dass es um die Wirtschaft schlecht bestellt sei. Letztlich würde dadurch die Angst vor einer Deflation zusätzlich angeheizt.
Der Portfolioaufbau sei eine echte Herausforderung. Denn viele sogenannte risikofreie Vermögenswerte würden eine Rendite von null oder darunter aufweisen. Dies erschwere eine wirksame Diversifikation ausgewogener Portfolios. Auf ihrer Suche nach Rendite würden die Anleger bei einem nachteiligen Szenario möglicherweise übermäßige Risiken eingehen. Um im aktuellen Umfeld erfolgreich zu sein, müsse sorgfältig evaluiert werden, welche Wertpapiere eine echte Portfoliodiversifikation ermöglichen würden.
Angesichts des schwachen Anstiegs der Unternehmensgewinne und der geringen Rezessionsgefahr würden nach Erachten der Experten die Kreditmärkte das beste Risiko-Rendite-Profil bieten. Die Experten würden in riskanten Vermögenswerten "übergewichtet" bleiben, wobei sie Kreditmärkte bevorzugen würden.
In japanischen Aktien hätten die Experten ihr Engagement auf neutral verringert, womit sie ihre dreieinhalb Jahre andauernde "Übergewichtung" dieser Titel beendet hätten. Die jüngste Marktstärke und die sinkende Volatilität hätten die Experten zudem genutzt, um sich zu einem vorteilhaften Preis (teilweise) gegen das Abwärtsrisiko an den Aktienmärkten abzusichern. Generell könne nicht ausgeschlossen werden, dass Großbritannien nach dem Referendum vom 23. Juni aus der Europäischen Union ausscheide. Dies hätte unter Umständen nachteilige Auswirkungen auf die Finanzmärkte zur Folge. (Ausgabe vom 03.05.2016) (04.05.2016/alc/a/a)
Zuerst hätten sie die Zinsen auf null gesenkt. Danach hätten sie die Finanzmärkte mit Liquidität geflutet. Und schließlich hätten einige von ihnen kürzlich Negativzinsen eingeführt. Wahrscheinlich hätten diese Maßnahmen die Wirtschaft und die Finanzmärkte gestützt. Gleichzeitig hätten sie jedoch für die Anleger enorme Herausforderungen geschaffen.
Die Währungshüter der Eurozone, Japans, der Schweiz, Schwedens und Dänemarks würden für Bankeinlagen derzeit - in unterschiedlichem Ausmaß - negative Zinsen verlangen. Hinzu komme, dass zahlreiche Staatsanleihen weltweit führender Industrieländer mit negativen Renditen auf Verfall gehandelt würden. Diese noch nie da gewesene Situation führe dazu, dass althergebrachte Annahmen zur Funktionsweise des Finanzsystems hinterfragt würden.
Gemäß der Finanztheorie wollten Menschen etwas lieber heute als morgen besitzen: Ein Euro sei in der Zukunft weniger wert als zum jetzigen Zeitpunkt. Wenn die Zinsen negativ seien, sehe das anders aus: Sparer müssten heute dafür bezahlen, dass sie Geld ausleihen dürften. Implizit würden sie davon ausgehen, dass die Deflation die reale Kaufkraft ihrer Ersparnisse trotz der Negativzinsen steigern werde. Ein Zyniker würde argumentieren, negative Zinsen seien der Beweis dafür, dass die Zentralbanken ihr Ziel, die Inflation wieder anzufachen, verfehlt hätten.
Das Phänomen der globalen Disinflation sei nichts Neues: Seit Jahrzehnten würden die Globalisierung und das Internet die Preise sinken lassen. Überdies würden rückläufige Produktivitätsgewinne und demografische Trends in wichtigen Staaten das weltweite Wirtschaftswachstum dämpfen.
Und schließlich sei im Verlauf verschiedener Krisen ein Schuldenberg angehäuft worden: 2000 sei die Internetblase geplatzt, 2008 sei der Markt für amerikanische "Subprime"-Immobilien implodiert, und seit 2011 würden sich die Rohstoffpreise im Sinkflug befinden. Diese Faktoren würden das Wachstum belasten. Um eine wirtschaftliche Depression abzuwenden, hätten die Zentralbanken die Zinsen auf null gesenkt und ihre Bilanzen massiv ausgeweitet, indem sie riesige Mengen von Staatsanleihen aufgekauft hätten. Als auch diese Maßnahmen nicht den gewünschten Erfolg erzielt hätten, hätten einige Notenbanken zum Mittel von Minuszinsen gegriffen.
Leider zeige die Erfahrung, dass Regierungen in Versuchung geraten würden, unpopuläre Reformen auf die lange Bank zu schieben, um bei den Wahlen nicht abgestraft zu werden. Zu den offensichtlichsten "Opfern" negativer Zinsen würden Finanzunternehmen und -institute gehören: Während die Nettozinsmarge der Banken schrumpfe, würden die Geschäftsmodelle der Versicherer unter Druck geraten. Pensionskassen falle es zunehmend schwer, ihren Verpflichtungen nachzukommen.
Die extrem niedrigen Zinsen würden zwar den Vermögenspreisen zu Höhenflügen verhelfen und die Kreditqualität stützen, was für etwas Entspannung sorge. Aufgrund der sinkenden Profitabilität könnten die Geschäftsbanken jedoch ihre Kreditvergabe zurückfahren - was genau das Gegenteil dessen wäre, was Minuszinsen eigentlich bezwecken sollten. Deshalb habe die Europäische Zentralbank (EZB) kürzlich ein System eingeführt, wonach Banken, die bestimmte Kredit-Benchmarks erfüllen würden, Zuschüsse von bis zu 40 Basispunkten erhalten würden.
Um die Zentralbanken zu einer Kursänderung zu bewegen, müsste die Teuerung auf gegen 2 Prozent ansteigen und die Wirtschaft ein reales Wachstum in der Nähe ihres Potenzials vorlegen. Da sich die Rohstoffpreise stabilisiert hätten, sei damit zu rechnen, dass die US-Inflation in den kommenden zwölf bis 18 Monaten die 2-Prozent-Grenze erreichen oder überschreiten werde. Zudem gebe es in bestimmten Sektoren aufgrund der angespannten Lage am Arbeitsmarkt vereinzelt Hinweise für einen Aufwärtsdruck auf die Löhne.
Die Weltwirtschaft wachse indes weiterhin nur verhalten. Zudem mangele es an globaler fiskalpolitischer Koordination, um das Wachstum zu beleben. Schließlich seien Negativzinsen nur dann zielführend, wenn die Regierungen mehr für die Infrastruktur ausgeben und die langfristigen Wachstumsaussichten verbessern würden. Dies eröffne Chancen für Unternehmensinvestitionen. Negative Zinsen ohne wachstumsfördernde Maßnahmen hingegen seien unter Umständen nur ein Zeichen dafür, dass es um die Wirtschaft schlecht bestellt sei. Letztlich würde dadurch die Angst vor einer Deflation zusätzlich angeheizt.
Der Portfolioaufbau sei eine echte Herausforderung. Denn viele sogenannte risikofreie Vermögenswerte würden eine Rendite von null oder darunter aufweisen. Dies erschwere eine wirksame Diversifikation ausgewogener Portfolios. Auf ihrer Suche nach Rendite würden die Anleger bei einem nachteiligen Szenario möglicherweise übermäßige Risiken eingehen. Um im aktuellen Umfeld erfolgreich zu sein, müsse sorgfältig evaluiert werden, welche Wertpapiere eine echte Portfoliodiversifikation ermöglichen würden.
Angesichts des schwachen Anstiegs der Unternehmensgewinne und der geringen Rezessionsgefahr würden nach Erachten der Experten die Kreditmärkte das beste Risiko-Rendite-Profil bieten. Die Experten würden in riskanten Vermögenswerten "übergewichtet" bleiben, wobei sie Kreditmärkte bevorzugen würden.
In japanischen Aktien hätten die Experten ihr Engagement auf neutral verringert, womit sie ihre dreieinhalb Jahre andauernde "Übergewichtung" dieser Titel beendet hätten. Die jüngste Marktstärke und die sinkende Volatilität hätten die Experten zudem genutzt, um sich zu einem vorteilhaften Preis (teilweise) gegen das Abwärtsrisiko an den Aktienmärkten abzusichern. Generell könne nicht ausgeschlossen werden, dass Großbritannien nach dem Referendum vom 23. Juni aus der Europäischen Union ausscheide. Dies hätte unter Umständen nachteilige Auswirkungen auf die Finanzmärkte zur Folge. (Ausgabe vom 03.05.2016) (04.05.2016/alc/a/a)


