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Negative Renditen von DM-Staatsanleihen als neue Realität akzeptiert?


19.07.16 11:58
NN Investment Partners

Den Haag (www.anleihencheck.de) - Eine weitere bemerkenswerte Woche für die Märkte ist verstrichen, so Valentjin van Nieuwenhuijzen, Head of Strategy bei NN Investment Partners, Den Haag.

Die Brexit-Ängste hätten abgeklungen und riskante Vermögenswerte hätten sich gut entwickelt, wohingegen die Renditen von Staatsanleihen auffallend niedrig geblieben seien. Alle wichtigen Assetklassen hätten damit seit Anfang Juni bzw. seit dem Tag vor dem Brexit-Referendum eine positive Gesamtrendite erzielt, und globale Immobilien hätten sogar ein beeindruckendes Plus von über 7% verzeichnet.

Derzeit erreiche eine Liquiditätsflut die globalen Märkte. Dies sei wiederum auf zwei Hauptursachen zurückzuführen: Die Anleger würden über reichlich Liquidität verfügen, und die Zentralbanken würden ihre Politik lockern bzw. es werde mit derartigen Schritten gerechnet. Die Anleger scheinen derzeit ihre aufgestaute Nachfrage nach einem höheren Engagement an den Kapitalmärkten zu befriedigen, zumal sie im Vorfeld des Brexit-Referendums vorsichtig waren und außerordentlich hohe Barbestände hielten, so Valentjin van Nieuwenhuijzen. Gleichzeitig habe die EZB ihr QE ausgeweitet und erwerbe seit Juni auch Unternehmensanleihen, und es werde damit gerechnet, dass die FED-Zinsanhebungen deutlich geringer ausfallen würden(sofern sie überhaupt stattfinden würden) und andere wichtige Zentralbanken ihre Politik in den kommenden 18 Monaten weiter lockern würden.

Die politische Krise, die in Großbritannien nach dem Brexit-Votum ausgebrochen sei, habe weltweit bisher nur in begrenztem Maße zu Ansteckungseffekten in der Politik oder an den Finanzmärkten geführt. Da gleichzeitig Anzeichen für eine Lockerung der Politik zu erkennen seien, sei es nur zu verständlich, dass einige Anleger ihr Geld (bzw. das ihrer Kunden) wieder arbeiten lassen würden.

Dies werde noch deutlicher, wenn man sich klar mache, dass die Risikoprämien außerhalb des Staatsanleihensegments weiterhin relativ hoch seien. Seit Beginn des Jahrhunderts habe der Index für die Risikoaversion, der eine breite Palette von Risikoprämien in allen Marktsegmenten weltweit umfasse, nur während der Lehman-Krise und auf dem Höhepunkt der Euro-Krise auf einem höheren Stand als jetzt notiert. Wenn die Renditen von Bargeld und Anleihen negativ seien, könnten die Anleger derartig hohen Prämien nicht allzu lange widerstehen.

Und da die politische Unsicherheit in Großbritannien im Laufe der Woche etwas abgeklungen habe - Theresa May sei sehr viel schneller als erwartet zur neuen Premierministerin berufen worden - und sich die Wirtschaftsdaten zuletzt verbessert hätten, scheinen einige Vermögensverwalter wieder in Aktien, Unternehmensanleihen und (börsennotierte) Immobilien zu investieren.

All dies werfe die Frage auf, was ungewöhnlicher sei: der rasche und deutliche Anstieg der Risikobereitschaft nach dem unerwarteten Brexit-Ergebnis oder die gleichzeitig erfolgende Erwartungsänderung in Bezug auf die globale Geldpolitik. Immer mehr Anleger würden Sorge wegen der zunehmenden politischen Unsicherheit hegen, die potenziell zu Gegenwind für riskante Vermögenswerte führen könne, und scheinen negative Renditen von Staatsanleihen aus Industrieländern als neue Realität zu akzeptieren.

Letzteres sei in gewissem Umfang sicherlich zutreffend, aber die weitreichenden Änderungen bei der Einschätzung der Zinspolitik der Zentralbanken (weitere Lockerungen seitens der EZB, der BoE und der BoJ, geringere Straffungen seitens der FED) in den vergangenen drei Wochen scheinen übertrieben, so Valentjin van Nieuwenhuijzen. Schließlich seien keine deutlich ungünstigeren Wechselwirkungen über politische Kanäle oder den Markt und keine klaren Hinweise auf eine schwächere Wachstumsdynamik zu erkennen.

Eher sei das Gegenteil eingetreten: In Europa seien in Umfragen Anzeichen dafür zu erkennen, dass die EU populärer geworden sei, die Finanzmarktbedingungen hätten sich weltweit verbessert, und die Wirtschaftsdaten seien günstiger ausgefallen. Daher würden sich die Experten weiterhin nur in geringem Umfang in Staatsanleihen und stärker in riskanteren, qualitativ hochwertigen Vermögenswerten wie Aktien und Fixed-Income-Spreadprodukten engagieren. (19.07.2016/alc/a/a)