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Nachholbedarf bei Anleihen aus Schwellenländern


06.06.24 09:00
Degroof Petercam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Hohe Renditen und Diversifizierungsvorteile sprechen für Schwellenländer-Anleihen, so Michaël Vander Elst, Fund Manager Fixed Income bei Degroof Petercam Asset Management (DPAM).

In den vergangenen zwei Jahrzehnten habe sich die Lage der Schwellenländer deutlich verbessert. Viele Länder hätten Strukturreformen durchgeführt und Regeln in der Verfassung verankert, die Defizite und Verschuldung begrenzen. Auch die Freigabe der Wechselkurse, eine größere Zentralbank-Autonomie und mehr Emissionen von Schuldtiteln in Landeswährung hätten die Anfälligkeit für externe Schocks verringert. Beispiel Asien: Dort hätten in der Krise 1997 hohe Fremdwährungsschulden in Kombination mit abrutschenden Währungen zu Zahlungsausfällen geführt. Heute laute der Großteil der begebenen Staatsanleihen auf Landeswährungen.

Die Schwellenländer würden inzwischen fast die Hälfte der Weltwirtschaft ausmachen. Auf Schwellenländeranleihen würden 27% des gesamten ausstehenden Anleihenbestandes entfallen. Aber nur ein paar Prozentpunkte in festverzinslichen Portfolios würden in diese Anleihen allokiert.

Die Unterschiede zwischen den einzelnen Schwellenländern seien jedoch oft größer als ihre Gemeinsamkeiten. Entsprechend breit würden die Renditen streuen. So habe eine Anlage in der Türkei 2023 zu einer Gesamtrendite von -70% geführt, eine Anlage in Kolumbien habe mehr als 40% erbracht. Daher komme es beim Aufbau eines Portfolios aus Schwellenländeranleihen auf ein aktives Management an, das auf Grundlage umfassender Recherchen zur gesamtwirtschaftlichen Lage, zu Solvenzrisiken, politischen Risiken und Bewertungen die einzelnen Papiere auswähle.

Auch die Diversifizierung der Portfolios spreche für aktives Management. Die Währungen der größeren Schwellenländer würden sehr stark korrelieren. Zudem seien Asiens große Volkswirtschaften in den Indices für lokale Währungen überrepräsentiert, was sich mit der Aufnahme Indiens weiter verschärfen werde.

Aktive Investments in Frontier-Länder, die nicht zu den bekannten Indices gehören würden, würden das Gesamtrisiko verringern. Diese Länder hätten in der Regel eine geringe oder sogar negative Korrelation mit den größeren Schwellenländern. Sehr oft hätten sie eine höhere Rendite, seien aber auch weniger liquide und mit zusätzlichem Risiko behaftet. Obergrenzen für ihre Beimischung seien daher sinnvoll.

Die Schwellenländer hätten derzeit Potenzial auf höhere Wachstumsraten als die entwickelten Märkte. Die Inflationserwartungen in vielen Ländern lägen wieder innerhalb des Zielbandes der Zentralbank. Auf den Inflationsschock nach Corona hätten die Zentralbanken der Schwellenländer viel schneller reagiert als die der Industriestaaten. Viele von ihnen stünden kurz vorm oder bereits am Ende ihrer Zinssenkungen, noch bevor die FED damit beginne. Die Gesamtinflation liege zum ersten Mal seit vielen Jahren unter den Inflationserwartungen für die nächsten zwölf Monate.

Die realen Leitzinsen (Leitzins der Zentralbank abzüglich Inflationserwartungen) der Schwellenländer lägen deutlich über denen der Industrieländer. Das bedeute normalerweise, dass die Währungen gut gestützt seien und sich Wechselkursabsicherungen kaum lohnen würden. Die realen Zinspuffer seien außerdem hoch genug, um eine Verzögerung der Zinssenkungen durch die FED zu verkraften.

Ein plötzlicher, aggressiver Anstieg der US-Renditen hätte natürlich Auswirkungen auf die Schwellenländer, aber längerfristig seien diese gedämpft. Allerdings schade ein starker US-Dollar der Performance der Schwellenländer, da deren Zentralbanken keine Inflation importieren möchten.

Währungsschwankungen seien im aktuellen Umfeld und den derzeitigen Erwartungen für Euro-Anleger in dieser Anlageklasse eher gedämpft. Es gelte als sicher, dass die EZB im Juni handeln und nicht auf die FED warten werde. Ein starker US-Dollar werde sich auch auf den Euro auswirken und damit eine mögliche Abschwächung der Schwellenländerwährungen abmildern. Die globale Risikostreuung, die Schwellenländeranleihen böten, schütze Anleger außerdem vor hohen Rückschlägen. Beispiel 2022: In einem sehr schlechten Jahr für Renten- UND Aktienmärkte seien Schwellenländeranleihen die Anlageklasse mit einer der geringsten Kurseinbußen gewesen.

Hohe US-Zinsen würden sich stärker auf die Performance von Hartwährungsanleihen aus als auf die von Anleihen in Lokalwährungen wirken, während letztere einem starken Dollar weniger ausgesetzt seien. Welche der beiden seien derzeit zu bevorzugen?

Die zuletzt starke Performance der Hartwährungsanleihen habe vor allem im unteren Teils Ratingspektrums stattgefunden, also bei HY- und Single B-Anleihen. Der Grund: Corona und Ukraine-Krieg hätten diesen Anleihen besonders zugesetzt; einige von ihnen (z.B. Ägypten und Ghana) hätten vor Schwierigkeiten gestanden. Einige Titel seien jedoch auch zu "notleidenden" Kursen gehandelt worden, ohne dass ein unmittelbares Risiko für den Schuldendienst bestanden habe.

Heute seien die Renditeaufschläge für diesen Teil des Indexes wieder recht eng. Deshalb würden die Experten Anleihen in lokalen Währungen gegenüber Hartwährungsanleihen bevorzugen. Angesichts des immer noch attraktiven absoluten Renditeniveaus seien sie jedoch auch gegenüber Hartwährungsanleihen nicht negativ eingestellt. (06.06.2024/alc/a/a)