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Mittelstandsanleihen: Stürmisches Frühjahr - Heißer Spätsommer - Fallen im Herbst die nächsten Unternehmen?


19.09.16 12:34
Wolfgang Steubing AG

Frankfurt am Main (www.anleihencheck.de) - Wir haben gelernt: Das stürmische Frühjahr kommt durch die Klimaveränderung zustande - konkret durch die viel zu warmen Winter, so das Team des Steubing German Mittelstand Fund I (SGMF), das sich im "Standpunkt German Mittelstand" regelmäßig zum Markt für Mittelstands- und Hochzinsanleihen äußert.

Das sei letztlich auch die Argumentation des Modekonzerns Steilmann für seine Insolvenz gewesen. So wie alle jedes Jahr am 24.12. von Heiligabend überrascht würden, so sei es völlig unüblich, dass man keine arktischen Winter in Deutschland habe.

Der Schrottrecycler Scholz habe im Frühjahr für eine Finanzrestrukturierung seinen Firmensitz nach London gelegt. Die Folge: Die Anleihegläubiger bekämen nun nur noch 7,7% (maximal knappe 11%) ihres eingesetzten Kapitals zurück. Leider habe die Familie Scholz ihr Unternehmen jetzt doch noch für einen symbolischen Euro an das chinesische Unternehmen Chiho-Tiande verkaufen müssen. Zum Glück dürfe aber Oliver Scholz CEO bleiben.

Bei German Pellets sei es zu einer massiven Verpuffung gekommen, an deren Ende die unvermeidliche Insolvenz gestanden habe. 270 Mio. EUR Anleihegelder seien hier verbrannt worden und hätten nicht zur Wärmung der Investoren beigetragen. Die Analysten der Wolfgang Steubing AG behaupten, alle drei Insolvenzen wären mit einem stärkeren Controlling von außen nach dem Begeben der Anleihen früher zu erkennen und vielleicht sogar zu verhindern gewesen.

Die Pleite von KTG Agrar Ende Juni habe am Markt für Mittelstandsanleihen noch tiefere Spuren hinterlassen. Mehr als 394 Mio. EUR seien hier verbrannt worden - davon wohl fast 350 Mio. EUR der Anleihegläubiger. Der CEO Siegfried Hofreiter habe ein undurchsichtiges Firmengeflecht aufgebaut und wohl spätestens 2013 damit begonnen, Produkte zu überhöhten Preisen unter den einzelnen Unternehmen hin und her zu schieben, um Buchgewinne zu suggerieren. Vor ein paar Tagen nach dem Bericht der Insolvenzverwaltung habe auch der Wirtschaftsprüfer sein Testat für das Jahr 2015 einkassiert. Auch hier stelle man erneut die Frage "warum erst jetzt"?

Jeder der über die Felder gefahren sei, müsse gesehen haben, dass KTG Agrar weder Dünger noch Unkrautvernichter habe kaufen und verwenden können. Im Maschinenpark sei das Prinzip Bundeswehr umgesetzt worden. Die älteren Maschinen hätten als Ersatzteillager für die neueren gedient. Deswegen habe versucht werden müssen, Maschinenzeiten von anderen Großbauern dazuzukaufen.

Last but not least: Für hunderte Mio. EUR sei Land verkauft worden. Alles wurde im letzten Jahr zu Geld gemacht, was nur einigermaßen werthaltig erschien, so die Analysten der Wolfgang Steubing AG. Und niemand habe etwas mitbekommen? Weder die Bank, die noch im letzten Jahr Kapitalmarktgeschäfte im Wert von mehr als 100 Mio. EUR abgewickelt habe, noch der Wirtschaftsprüfer, der ein Testat ausgestellt habe? Der Bericht der Insolvenzverwaltung wird uns wahrscheinlich auch noch in diesen Herbst verfolgen, so die Analysten der Wolfgang Steubing AG. Denn gewisse Aussagen bezüglich der Ernte von KTG Agrar würden wohl auch Auswirkungen auf KTG Energie haben - einem Tochterunternehmen.

KTG Energie habe Kredite von seinem Mutterunternehmen KTG Agrar bekommen sowie sich am Markt für Mittelstandsanleihen refinanziert. Inwieweit die Insolvenzverwaltung von KTG Agrar die Kredite für KTG Ernergie fällig stellen könne oder wolle, sei letztlich nicht geklärt. Aber eindeutig geklärt sei, dass KTG Energie ein Glaubwürdigkeitsproblem habe und in den letzten Monaten ein Drittel weniger Auslastung ihrer Biogasanlagen gehabt habe. Dies habe der Alleinvorstand Christian Heck erst nach massivem öffentlichem Druck zugegeben.

Jetzt kämen noch die Ernteausfälle von KTG Agrar dazu. "Die Ernteausfälle werden auch die Biogastochter KTG Energie treffen, die ebenfalls um ihr Überleben kämpft. Die KTG-Agrar-Betriebe sind die wichtigsten Substratlieferanten von KTG Energie. Das Unternehmen hat große Hoffnungen darin gesetzt, dass die Maisernte die weitgehend leeren Silos bald wieder füllt. KTG Energie drohen jetzt neue Probleme" ("Finance Magazin" online vom 01.09.2016).

Kalt erwischt worden seien auch die Anleihegläubiger der Wöhrl AG, die sich Anfang September in ein Schutzschirmverfahren geflüchtet habe. "Auch die Modekette Sinn Leffers hat mittlerweile einen Insolvenzantrag gestellt. Für manchen Anleihegläubiger dürfte dabei eine Überraschung sein, dass diese nicht der Rudolf Wöhrl AG gehört, sondern der Familie Gerhard Wöhrl. Denn im Prospekt zur Anleihe hatte Wöhrl die Übernahme noch als einen Verwendungszweck für die Erlöse genannt" ("FAZ" vom 13.09.2016). Ob die Mittelverwendung rechtlich bindend gewesen sei, darüber würden sich die Gelehrten streiten. Definitiv sei die Nicht-Kommunikation zu den Anleihegläubigern ein weiterer Tropfen Vertrauensverlust für das gesamte Segment. Sanierungsexperten würden davon ausgehen, dass Anleiheinvestoren der Wöhrl AG mit höchstens 20% Quote rechnen könnten.

Zusammenfassend sei das Jahr 2016 für das Segment betrüblich - nicht nur wegen der Ausfälle, sondern auch wegen dem beträchtlichen Imageschaden. Bei allen hier aufgeführten Insolvenzen habe man es nicht nur mit Missmanagement zu tun, sondern auch mit einer nachhaltigen Kommunikationsverweigerung seitens der Unternehmen. Man könne schon fast von Selbstherrlichkeit der Unternehmer sprechen, wenn man beschreiben möchte, wie intransparent gegenüber den Investoren und der Öffentlichkeit gehandelt werde. Dies sei insbesondere schade, weil mittelständische Unternehmen zukünftig noch vermehrt den Zugang zum Kapitalmarkt benötigen würden, denn Banken würden sich aufgrund der immer härteren Eigenkapitalvorschriften aus diesem kleinteiligen Markt zurückziehen. Insofern habe das Segment für "Mittelstandsanleihen" eine volkswirtschaftliche Bedeutung. (19.09.2016/alc/a/a)