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Mittelstandsanleihen: Methodik und Menschen
19.12.16 11:45
Wolfgang Steubing AG
Frankfurt am Main (www.anleihencheck.de) - Konsequenzen müssen her: Die unterjährige Pleitewelle bei Mittelstandsanleihen ruft fast alle Beteiligten auf den Plan, so das Team des Steubing German Mittelstand Fund I (SGMF), das sich im "Standpunkt German Mittelstand" regelmäßig zum Markt für Mittelstands- und Hochzinsanleihen äußert.
Selbst auf dem politischen Parkett in Berlin sei die Thematik mittlerweile angekommen. Die hohen Ausfallraten bei den Minibonds würden zeigen, dass etwas in dem Segment grundsätzlich falsch laufe. Aus diesem Grund hätten die Grünen die Bundesregierung zum Handeln aufgefordert. "Dagegen sieht die Bundesregierung keinen Anlass für neue Regularien. Es liege in der Verantwortung der Anleger, Wertpapierprospekte und andere Informationsquellen auszuwerten sowie sich gegebenenfalls beraten zu lassen. Die bestehenden Standards für Emittenten seien keine Ursache für die hohen Ausfallquoten, heißt es in einer Stellungnahme der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen." ("Finanztrends" Newsletter)
Die Deutsche Börse sehe dies anders und wolle eine radikale Veränderung ab März 2017. Dann werde der Entry Standard zu Grabe getragen. Aus Sicht der Börse habe er sich nicht als Qualitätssegment durchgesetzt. Das Nachfolgesegment (Namensfindung noch nicht abgeschlossen) solle noch stärker reguliert werden:
"Zunächst einmal verschärft die Börse ihren Zugriff auf die Emittenten und deren Dienstleister. Zum einen definiert sie klare Kriterien, die ein Unternehmen erfüllen muss, um mit seiner Aktie oder neuen Anleihen überhaupt an den Markt kommen zu dürfen. Drei von diesen folgenden fünf Kriterien müssen erfüllt sein: Ein Mindestumsatz von 10 Millionen Euro, ein positiver Jahresüberschuss, mindestens 20 Mitarbeiter, ein positives bilanzielles Eigenkapital sowie eine Mindestsumme von 5 Millionen Euro an Eigenkapital, die der Emittent im Vorfeld seines Börsengangs oder seiner Bondemission bereits bei externen Investoren eingeworben haben muss. Ganz generell dürften es Unternehmen mit einem Börsenwert von unter 30 Millionen Euro schwer haben, in das neue Segment hinein zu kommen." ("Finance Magazin")
Grundsätzlich begrüßen die Analysten der Wolfgang Steubing AG die Schaffung neuer Regularien, geben aber zu bedenken: Wenn alle Beteiligten die Regularien des Entry Standards eingehalten hätten (Banken, Rechtsberatungen, Kommunikationsagenturen und die Emittenten), dann wäre es aus Sicht der Analysten nicht zu so vielen Pleiten in diesem Segment gekommen. Das Motto sei gewesen: Möglichst schnell und viel. Die Emissionsbegleiter seien eben auch ihrer eigenen P&L verpflichtet.
Nur wenige IBO's seien deswegen von den Beratern abgelehnt worden oder seien gar gefloppt. Ein Beispiel: APASSIONATA im April letzten Jahres. "Die geplante Anleiheemission der APASSIONATA Entertainment GmbH im avisierten Zielvolumen von bis zu 30 Mio. EUR wurde (...) abgesagt. Ursächlich für die Absage war laut APASSIONATA die "zu geringe Nachfrage von institutionellen Anlegern, die den Großteil der Emission übernehmen sollten" (BondGuide). Was lerne man daraus? Bringe die Einführung eines neuen Segmentes durch die Deutsche Börse was? Denn nur die eine Seite der Medaille betreffe die Börsen und die Berater. Die andere Seite - aus Sicht der Analysten - die (europäische) Politik und die emittierenden Unternehmen.
Die Einführung des ESUG habe vielen Unternehmen eine neue (und einfache) "Lösung der Schuldenproblematik" aufgezeigt. Man flüchte sich unter einen Schutzschirm und strebe eine Insolvenz in Eigenverwaltung an. Im Rahmen eines Sanierungsplans komme es zu einem Hair-Cut für die Anleihegläubiger, der schnell mal bis zu 90% des Anleihevolumens bedeuten könne (Grundvoraussetzung: Das Unternehmen müsse keine Insolvenz mangels Masse anmelden. Dann sei natürlich alles weg).
Die Analysten der Wolfgang Steubing AG haben schon häufiger beschrieben, dass das ESUG dazu führt, dass Fremdkapitalgeber am Kapitalmarkt nicht mehr teilnehmen wollen. Nun plane die EU noch eine (leichte) Erweiterung des ESUG: "Unternehmen, die im Kern gesund sind, aber unter einer hohen Schuldenlast ächzen, können auf Erleichterung hoffen: Die EU-Kommission hat einen Richtlinienentwurf vorgelegt, der den Unternehmen eine frühzeitige Restrukturierung der Finanzschulden ermöglichen soll. So will die EU verhindern, dass Unternehmen in die Pleite schlittern und Arbeitsplätze verloren gehen." ("Finance Magazin")
Der Markt für Mittelstandsanleihen habe insbesondere in den letzten zwölf Monaten gezeigt, dass dies der falsche Weg sei. Welche Investoren würden sich unter diesen Voraussetzungen noch bereit erklären, Fremdkapital über den Kapitalmarkt bereit zu stellen? Da nutze es nichts, dass die Deutsche Börse den Entry Standard abschaffe und härtere Kontrollen für den Eintritt in das neue Segment schaffen wolle, wenn hier auf der anderen Seite Möglichkeiten geschaffen würden, sich von seiner Schuldenlast legal und einfach zu befreien.
Man könne die Methodik scheinbar verbessern oder verschlechtern. Der handelnde Mensch müsse sich verändern. Der Entry Standard habe gezeigt, was passieren könne, wenn sich die teilnehmenden Institutionen/Personen teilweise wie Raubritter verhalten würden. Wirtschaftsethische Grundsätze müssten wieder Einzug halten. Und hoffentlich nicht nur ein vorweihnachtlicher Wunsch: Manchmal sei das Primat des Vertrauens besser als (nicht funktionierende) Kontrolle. (19.12.2016/alc/a/a)
Selbst auf dem politischen Parkett in Berlin sei die Thematik mittlerweile angekommen. Die hohen Ausfallraten bei den Minibonds würden zeigen, dass etwas in dem Segment grundsätzlich falsch laufe. Aus diesem Grund hätten die Grünen die Bundesregierung zum Handeln aufgefordert. "Dagegen sieht die Bundesregierung keinen Anlass für neue Regularien. Es liege in der Verantwortung der Anleger, Wertpapierprospekte und andere Informationsquellen auszuwerten sowie sich gegebenenfalls beraten zu lassen. Die bestehenden Standards für Emittenten seien keine Ursache für die hohen Ausfallquoten, heißt es in einer Stellungnahme der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen." ("Finanztrends" Newsletter)
Die Deutsche Börse sehe dies anders und wolle eine radikale Veränderung ab März 2017. Dann werde der Entry Standard zu Grabe getragen. Aus Sicht der Börse habe er sich nicht als Qualitätssegment durchgesetzt. Das Nachfolgesegment (Namensfindung noch nicht abgeschlossen) solle noch stärker reguliert werden:
"Zunächst einmal verschärft die Börse ihren Zugriff auf die Emittenten und deren Dienstleister. Zum einen definiert sie klare Kriterien, die ein Unternehmen erfüllen muss, um mit seiner Aktie oder neuen Anleihen überhaupt an den Markt kommen zu dürfen. Drei von diesen folgenden fünf Kriterien müssen erfüllt sein: Ein Mindestumsatz von 10 Millionen Euro, ein positiver Jahresüberschuss, mindestens 20 Mitarbeiter, ein positives bilanzielles Eigenkapital sowie eine Mindestsumme von 5 Millionen Euro an Eigenkapital, die der Emittent im Vorfeld seines Börsengangs oder seiner Bondemission bereits bei externen Investoren eingeworben haben muss. Ganz generell dürften es Unternehmen mit einem Börsenwert von unter 30 Millionen Euro schwer haben, in das neue Segment hinein zu kommen." ("Finance Magazin")
Nur wenige IBO's seien deswegen von den Beratern abgelehnt worden oder seien gar gefloppt. Ein Beispiel: APASSIONATA im April letzten Jahres. "Die geplante Anleiheemission der APASSIONATA Entertainment GmbH im avisierten Zielvolumen von bis zu 30 Mio. EUR wurde (...) abgesagt. Ursächlich für die Absage war laut APASSIONATA die "zu geringe Nachfrage von institutionellen Anlegern, die den Großteil der Emission übernehmen sollten" (BondGuide). Was lerne man daraus? Bringe die Einführung eines neuen Segmentes durch die Deutsche Börse was? Denn nur die eine Seite der Medaille betreffe die Börsen und die Berater. Die andere Seite - aus Sicht der Analysten - die (europäische) Politik und die emittierenden Unternehmen.
Die Einführung des ESUG habe vielen Unternehmen eine neue (und einfache) "Lösung der Schuldenproblematik" aufgezeigt. Man flüchte sich unter einen Schutzschirm und strebe eine Insolvenz in Eigenverwaltung an. Im Rahmen eines Sanierungsplans komme es zu einem Hair-Cut für die Anleihegläubiger, der schnell mal bis zu 90% des Anleihevolumens bedeuten könne (Grundvoraussetzung: Das Unternehmen müsse keine Insolvenz mangels Masse anmelden. Dann sei natürlich alles weg).
Die Analysten der Wolfgang Steubing AG haben schon häufiger beschrieben, dass das ESUG dazu führt, dass Fremdkapitalgeber am Kapitalmarkt nicht mehr teilnehmen wollen. Nun plane die EU noch eine (leichte) Erweiterung des ESUG: "Unternehmen, die im Kern gesund sind, aber unter einer hohen Schuldenlast ächzen, können auf Erleichterung hoffen: Die EU-Kommission hat einen Richtlinienentwurf vorgelegt, der den Unternehmen eine frühzeitige Restrukturierung der Finanzschulden ermöglichen soll. So will die EU verhindern, dass Unternehmen in die Pleite schlittern und Arbeitsplätze verloren gehen." ("Finance Magazin")
Der Markt für Mittelstandsanleihen habe insbesondere in den letzten zwölf Monaten gezeigt, dass dies der falsche Weg sei. Welche Investoren würden sich unter diesen Voraussetzungen noch bereit erklären, Fremdkapital über den Kapitalmarkt bereit zu stellen? Da nutze es nichts, dass die Deutsche Börse den Entry Standard abschaffe und härtere Kontrollen für den Eintritt in das neue Segment schaffen wolle, wenn hier auf der anderen Seite Möglichkeiten geschaffen würden, sich von seiner Schuldenlast legal und einfach zu befreien.
Man könne die Methodik scheinbar verbessern oder verschlechtern. Der handelnde Mensch müsse sich verändern. Der Entry Standard habe gezeigt, was passieren könne, wenn sich die teilnehmenden Institutionen/Personen teilweise wie Raubritter verhalten würden. Wirtschaftsethische Grundsätze müssten wieder Einzug halten. Und hoffentlich nicht nur ein vorweihnachtlicher Wunsch: Manchmal sei das Primat des Vertrauens besser als (nicht funktionierende) Kontrolle. (19.12.2016/alc/a/a)


