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An den Märkten steht die Gezeitenwende bevor


20.10.17 11:15
Nordea Asset Management

Stockholm (www.anleihencheck.de) - Das Zurückfahren der quantitativen Lockerungsmaßnahmen durch die FED wird nach Einschätzung von Witold Bahrke, Senior-Stratege bei Nordea Asset Management, dazu beitragen, das globale Wachstum zu verlangsamen, und zu stärkerer Volatilität an den Finanzmärkten führen.

"Dass die FED ihre Geldpolitik strafft, nimmt immer mehr Gestalt an", sage Bahrke. "Sie will ihre auf 4,5 Billionen US-Dollar gewachsene Bilanz abbauen und das heißt: Die Liquiditätsschwemme, mit der die Märkte lange Zeit überflutet wurden, wird abebben." Die Drosselung durch die FED werde zunächst eher gemächlich verlaufen, dann aber an Fahrt gewinnen und auf dem Höhepunkt ein auf das Jahr gerechnetes Volumen von 600 Milliarden US-Dollar erreichen. "Das ist eine beträchtliche Größenordnung, entspricht es doch vom Umfang her dem zweiten geldpolitischen Maßnahmenpaket der FED - nur eben unter umgekehrten Vorzeichen", erläutere Bahrke die Konsequenzen.

"Wenn sich die Größenverhältnisse bei der Liquidität ändern, werden sich auch die Verhältnisse an den Märkten ändern", sei sich der Nordea-Experte sicher - zumal er nicht erkennen könne, wer die entstehende Liquiditätslücke füllen könnte: "Die Bank von Japan wird sicherlich weiter Geld in das System pumpen - schön und gut. Aber abgesehen davon werden sich die geldpolitischen Impulse der andere wichtigen Notenbanken, allen voran die der Europäischen Zentralbank und der chinesischen Notenbank, vielleicht nicht gerade umkehren, aber zumindest werden sie abflauen. Das wiederum spricht für ein schwaches Weltwirtschaftswachstum."

Für Bahrke gebe es daher keinen Grund für die Investoren wegen der auslaufenden geldpolitischen Lockerungsmaßnahmen gelassen zu bleiben. "Zumal die Tatsache, dass die US-Inflationsrate weiterhin unter der von der FED angepeilten Zielmarke von 2 Prozent liegt, die Sache nicht einfacher macht."

Daraus resultiere für den Nordea-Mann ein Unterschied zu vorangegangenen Phasen, in denen die FED die Zügel angezogen habe. "Es ist nicht die Inflation! Sondern die Sorge um die Stabilität des Finanzsystems ist der Hauptgrund dafür, dass die FED ihre Bilanz zurückfährt", sei Bahrke überzeugt. Denn die quantitative Lockerung habe die Vermögenspreise nach oben katapultiert. Darauf aber könne die US-Notenbank mit ihren herkömmlichen Instrumenten keinen direkten Einfluss nehmen. "Unter diesem Gesichtspunkt ist der Kurswechsel der FED sinnvoll. Weil sie damit die Risiken für die Finanzmärkte, die aus dem Anstieg der Vermögenspreise resultieren, eindämmt", erläutere Bahrke. "Aber aus der Sicht der Realwirtschaft bedeutet das: Die Abwärtsrisiken sind größer als in früheren Phasen einer straffen Geldpolitik."

Derzeit sehe der Experte die globale Wirtschaft im Großen und Ganzen eher in einer Art optimistischer Wartestellung verharren. "Es ist anders kaum möglich, die gestiegenen Risiken und Unsicherheiten für das Wirtschaftswachstum in Folge der schwindenden Liquidität in Einklang zu bringen mit Geschäftserwartungen, die auf einem Niveau von vor der Finanzkrise liegen." Eine mögliche Erklärung dafür seien Hoffnungen auf die fiskalpolitischen Impulse einer Steuerreform, die US-Präsident Donald Trump angekündigt habe. "Ich rechne dabei aber damit, dass wir in den kommenden Monaten irgendwann einen Ganz-oder-gar-nicht-Punkt erreichen werden."

Die Skepsis gegenüber der von Trump verfolgten Wirtschaftspolitik habe sich aus Sicht des Nordea-Experten bislang jedenfalls als berechtigt erwiesen. Vor dem Hintergrund des bisherigen Verlaufs der Amtszeit von Trump sollten Investoren davor gewarnt sein, ihre Marktsicht allein auf politische Einflussfaktoren zu begründen. "Allein unter dieser Perspektive dürfte sich das Wachstum der US-Wirtschaft in den kommenden Quartalen eher verlangsamen, gleichwohl ist derzeit nicht erkennbar, dass es deutlich einbricht", so Bahrke. "Widersprüchlich dazu gibt es derzeit eine wachsende Zahl von Stimmen, die eine anhaltende Erholung der Weltkonjunktur erwarten. Wir dagegen bleiben vorsichtig und werden beobachten, wie sich die makroökonomischen Rahmendaten infolge der sich verknappenden Liquidität entwickeln."

Und wie würden die Märkte auf diese Entwicklung reagieren? Nach Einschätzung des Nordea-Strategen werde mit dem geldpolitischen Schwenk der FED nicht nur die Quantität, sondern auch der Preis von Geld angepasst werden. "In dem Maße, wie sich die Investoren nicht mehr durch das billige Geld der Notenbanken absichern können, werden sie wankelmütig bei ihren Entscheidungen und die Volatilität wird als Folge davon steigen", prognostiziere Bahrke. "Dies zeigt sich bereits in der Entwicklung der Devisenmärkte, die die Notenbanken mit ihrer Politik zum jetzigen Zeitpunkt weniger beeinflussen als beispielsweise die Aktienmärkte. Dort haben die Schwankungen in den vergangenen Monaten bereits erkennbar zugenommen." Er empfehle daher Investoren auf diejenigen Marktsegmente zu achten, die in der Vergangenheit besonders von der expansiven Geldpolitik der FED profitiert hätten. Dazu würden zum Beispiel Hochzinsanleihen zählen.

Grundsätzlich sei jedoch kein Ausverkauf an den Anleihemärkten zu erwarten, obwohl dort zum Teil gegenläufige Kräfte wirken würden. "Kurzfristig könnten die Zinsen durchaus steigen. Denn auf der einen Seite bedeutet ein Auslaufen der Anleiheankaufprogramme eine sinkende Nachfrage nach Zinspapieren", führe Bahrke aus. "Aber die Investoren sollten bedenken, dass eine geldpolitische Straffung - vor allem, wenn Sie aus Stabilitätserwägungen und nicht wegen eines überbordenden Wachstums oder steigender Inflationsraten erfolgt - deflationär wirkt. Das spricht mittelfristig eher für niedrigere Sätze und daher positive Entwicklungen für die Staatsanleihen von Kernländern - vor allem, wenn man nachhaltig wirkende strukturelle Faktoren wie eine überalterte Weltbevölkerung und eine hohe Verschuldung mit berücksichtigt."

Die Ausgangslage bei Aktien sei dagegen eine andere. "Nachdem Aktien in den vergangenen Jahren mit dem Rückenwind einer expansiven Geldpolitik Anleihen outperformt haben, bedeutet umgekehrt eine Rückführung der Notenbankbilanz Gegenwind für Dividendentitel - vor allem für Titel aus Branchen und Regionen, die von der Liquiditätsschwemme in den vergangenen Jahren besonders profitiert haben", erläutere der Nordea-Experte seine Marktsicht. Er erwarte daher für Aktien in den kommenden Monaten einen eher holprigen Kursverlauf und niedrigere Erträge. Dennoch sehe er keinen Grund für einen übereilten Ausstieg: "Nach wie vor bleiben Aktien attraktiv gegenüber Anleihen. Allerdings drohen die absolut betrachtet hohen Bewertungen zum Problem zu werden, wenn sich die Auswirkungen einer knapper werdenden Liquidität an den Märkten bemerkbar machen." (20.10.2017/alc/a/a)