Leitzinswende in Nordamerika rückt näher


02.02.22 12:41
Swisscanto Invest

Zürich (www.anleihencheck.de) - Wegen der hochansteckenden Virusvariante Omikron wird sich das Wachstum der Weltwirtschaft in diesem Quartal deutlich abschwächen, so die Experten von Swisscanto Invest.

Die Eintrübung treffe vor allem den Dienstleistungssektor, dagegen könne sich der Verarbeitende Sektor weiterhin gut behaupten. Indes würden die zugrunde liegenden Wachstumskräfte insgesamt weitgehend intakt bleiben und würden auch 2022 für ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum sorgen. Die Kehrseite der wirtschaftlichen Erholung sei der kräftige Anstieg der Inflation, die in den meisten Industrie- und Schwellenländern nun weit über den Teuerungszielen der Notenbanken liege. Die Lieferengpässe würden sich in den kommenden Monaten entschärfen. Der Teuerungsdruck werde schrittweise nachlassen. Allerdings steige der Lohndruck in einigen wichtigen Volkswirtschaften, da die Erholung am Arbeitsmarkt weit fortgeschritten sei.

An den Finanzmärkten hätten das nahende Ende der ultralockeren Geldpolitik, die Ängste vor einer anhaltend hohen Inflation und die geopolitischen Spannungen zu starken Verwerfungen geführt. Während die Experten davon ausgehen würden, dass sich der Renditenanstieg fortsetzen werde - allerdings in gemächlicherem Tempo -, würden sie die Kurskorrekturen an den Aktienmärkten als temporär erachten. Der Blick in die Vergangenheit zeige nämlich, dass die Aktienmärkte mit Zinserhöhungen und Inflation ganz gut zurechtgekommen seien, solange sie von Wachstum begleitet gewesen seien. Kritischer für Aktien sei es immer dann geworden, wenn die Notenbanken ihre Zinserhöhungen eingestellt oder sogar die Zinsen gesenkt hätten, da solches auf wachsende Risiken für den Konjunkturzyklus hingedeutet habe.

Im Januar habe es bei den bedeutenden Notenbanken noch keine großen Bewegungen an der Zinsfront gegeben. Die Bank of Canada (BoC) habe überraschenderweise noch auf eine Leitzinserhöhung verzichtet, signalisiere aber deutlich, dass sie eine Straffung der Geldpolitik für nötig halte. Bei der nächsten Notenbanksitzung im März dürfte deshalb die erste Leitzinserhöhung Tatsache werden. Die Experten würden zudem erwarten, dass die BoC mit der Verkürzung der Bilanz nach der Leitzinserhöhung beginnen werde. Auch die US-Notenbank (FED) habe an ihrer Zinssitzung im Januar klar signalisiert, beim nächsten Treffen im März die Leitzinsen um 25 Basispunkte anheben zu wollen. Anfang März solle zudem das bereits reduzierte Wertpapierkaufprogramm auslaufen.

Die US-Inflation dürfte zwar bald ihren Höhepunkt erreicht haben. Sie bleibe aber auf hohem Niveau und werde über dieses Jahr hinweg über dem Zielwert der US-Notenbank verharren. Das habe die Experten veranlasst, ihre Einschätzung zur Anzahl der US-Zinserhöhungen von drei auf vier anzupassen. Das liege zwar im Rahmen der Markterwartungen, dennoch würden die Experten glauben, dass die Marktteilnehmer das Zinsanhebungspotenzial der FED langfristig als zu niedrig einschätzen würden. In Anbetracht der Äußerungen von FED-Chef Powell zum Zinsentscheid dürften die Risiken für das Szenario der Experten auf der Seite rascherer Zinsschritte liegen, vor allem, wenn die Inflationsraten im Jahresverlauf weniger klar zurückkämen als bislang erwartet.

Die Experten seien bisher davon ausgegangen, dass die Entwicklungen am Devisenmarkt in diesem Jahr stark durch die geldpolitische Divergenz getrieben sein würden: Auf der einen Seite stünden die USA, Kanada und Großbritannien und auf der anderen Seite die übrigen Währungsräume, in denen die Zinsen nicht erhöht würden. Mit den jüngsten Entwicklungen habe sich diese Tendenz nochmals verstärkt. Dadurch würden die Experten zusätzliches Aufwertungspotenzial für den US- und den Kanadischen Dollar sowie das Britische Pfund sehen und hätten die Wechselkursprognosen für diese Währungen tendenziell erhöht. Von der nun zeitlich vorgezogenen gelpolitischen Kehrtwende der FED könnte die US-Währung zeitnah profitieren. So habe sich zumindest in früheren Zinszyklen gezeigt, dass der US-Dollar im Vorfeld der ersten Zinsanhebung klar an Wert habe gewinnen können, in den Monaten danach aber zur Schwäche geneigt habe.

Nachdem der US-Aktienmarkt im Januar kräftig Federn habe lassen müssen, stelle sich die Frage, wie weit die Korrektur noch laufen könne. Dabei sei es wichtig, zu betonen, dass sich das globale konjunkturelle Bild der Experten nicht verändert habe. Demzufolge würden die Experten für dieses Jahr auch weiterhin von einem zweistelligen Gewinnwachstum bei den Unternehmen im Weltindex ausgehen. Es handele sich nach Erachten der Experten also nicht um eine Korrektur aufgrund einer realwirtschaftlichen Eintrübung. Vielmehr gehe es um eine Anpassung an das geänderte geldpolitische Umfeld.

Dieser Zusammenhang lasse sich indirekt durch den Zusammenhang zwischen der US-Kerninflationsrate und dem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) abbilden. Je höher die Inflation, desto restriktiver die Zentralbank, desto höher der Risikoaufschlag, den Aktionäre verlangen würden, desto niedriger das KGV. Zum pandemiebedingten Aktienmarkttief habe das KGV des MSCI USA auf vergleichsweise normalem Niveau gelegen. Die anschließende ultraexpansive Geldpolitik der FED habe dann für einen kräftigen Anstieg gesorgt. Im Laufe der Zeit habe sich die Inflation in den USA erhöht, ohne dass das FED restriktiver geworden wäre, sodass Ende Dezember eine Kombination aus Inflation und KGV erreicht worden sei, die weit vom empirisch Erwartbaren entfernt liege.

Die FED habe nun klargemacht, dass es die Inflation strikter bekämpfen werde, woraufhin Aktionäre die Bewertung der Aktien angepasst hätten. Nach Prognosen der Experten werde die Auflösung der pandemiebedingten Lieferengpässe in Verbindung mit dem abnehmenden wirtschaftlichen Wachstum und den geldpolitischen Maßnahmen der FED die Inflationsrate in zwölf Monaten unter die 4%-Marke gesenkt haben.

Da die Experten darüber hinaus nicht davon ausgehen würden, dass die FED den Aufschwung in absehbarer Zeit abwürge, sollte das "Ziel-KGV" auf Sicht der nächsten zwölf Monate oberhalb des Wertes vom März 2020 liegen. Entsprechend besteht vom aktuellen Niveau noch Luft nach unten, aber die größte Bewegung sollte hinter uns liegen, so die Experten von Swisscanto Invest. Das Bewertungsargument sei jetzt allerdings im Fokus der Anleger, sodass US-Aktien trotz ihres guten fundamentalen Umfelds vorübergehend an Attraktivität verloren hätten. Bei Großbritannien und den Schwellenländern verhalte es sich aus demselben Grund genau umgekehrt.

Der Growth-Stil habe seit der Finanzkrise und nochmal verstärkt zu Hochzeiten der Pandemie besser abgeschnitten als Value. Growth habe dabei von einem global niedrigen Wirtschaftswachstum mit teils sehr expansiver Geldpolitik profitiert, weil Investoren für ein überdurchschnittliches Gewinnwachstum oder auch nur für die Aussicht darauf bereit gewesen seien, einen höheren Preis zu zahlen. Zu den Sektoren, die davon profitiert hätten, würden der zyklische Konsum sowie vor allem Technologie und Kommunikation zählen.

Der Value-Stil habe dagegen darunter gelitten, dass sich in ihm die vom niedrigen Ölpreis belasteten Energiewerte sowie die unter den Nachwehen der Finanzkrise und der Konkurrenz durch die FinTech-Unternehmen leidenden Finanzdienstleister versammelt hätten. Aktuell würden die erhöhte Inflation und das überdurchschnittliche Wirtschaftswachstum mit einem bis auf Weiteres restriktiveren Kurs der Notenbanken für Vorteile beim Value-Stil sorgen. Diese Vorteile seien aber zyklischer Natur, sodass die Experten nicht von einer langanhaltenden Trendumkehr zugunsten von Value ausgehen würden. (02.02.2022/alc/a/a)





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