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Kräftiger Renditeanstieg


30.09.21 14:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Bei 1,30% schienen die zehnjährigen T-Notes aus den USA lange Zeit festgenagelt, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Die Ankündigung der US-Notenbank am 22.09., einen Plan für das Tapering im November vorzulegen und bereits zur Mitte nächsten Jahres netto keine weiteren Anleihen zu kaufen - vorbehaltlich der Konjunkturentwicklung - habe dies geändert. Derzeit würden die zehnjährigen US-Staatsanleihen bei 1,54% rentieren. Das habe auch auf die korrespondierenden Bunds abgefärbt, deren Rendite bei -0,19% liege, nach -0,30% vor einer Woche. Unterstützt oder zumindest nicht behindert worden sei der Renditeanstieg durch das Ergebnis der Bundestagswahl, das im Prinzip eine von der Wirtschaft größtenteils abgelehnte Koalition aus Rot-Grün-Rot ausschließe.

Derweil bleibe das Thema Inflation zusammen mit den Problemen bei Lieferketten eines der Top-Themen an den Finanzmärkten. Aus Großbritannien kommende Berichte über Panikkäufe an den Tankstellen, die aufgrund eines Mangels an Tanklastfahrern auf dem Trockenen lägen, sowie Nachrichten von umfassenden Stromausfällen in China, die auch die Chipindustrie zu Produktionsunterbrechungen zwingen würden, seien die jüngsten Entwicklungen an dieser Front. Der höhere Strombedarf in China und in Europa werde als ein wichtiger Faktor für den deutlichen Anstieg des Erdgaspreises gesehen, da verstärkt mit Erdgas betriebene Kraftwerke aktiviert würden, um den wetterbedingten Abfall der Stromproduktion von erneuerbaren Energien aufzufangen. Auch der starke Ölpreisanstieg der vergangenen Tage werde damit in einen Zusammenhang gebracht.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen scheine sich die Tonlage der Europäischen Zentralbank (EZB) in Bezug auf die künftige Inflationsentwicklung leicht zu ändern. So habe die EZB-Präsidentin Lagarde die Öffentlichkeit bei einer Rede am 27.09. darauf vorbereitet, dass die Notenbank ihr Inflationsziel von 2% im nächsten Jahr möglicherweise verfehlen werde und die Teurungsrate stärker steige. Außerdem gäbe es langfristige Trends, die in die eine oder andere Richtung zeigen könnten.

Zu den preistreibenden Effekten zähle Lagarde die Tendenz von Unternehmen, ihre Wertschöpfungsketten resilienter aufzustellen, also mehr Lagerbestände aufzubauen und die Anzahl der Zulieferer zu erhöhen. Das führe zu höheren Kosten, die irgendwann an die Konsumenten weitergereicht würden. Gleichzeitig sei aber im Zuge der Digitalisierung eine neue Globalisierung bei Dienstleistungen möglich, die zu einer höheren Produktivität und niedrigeren Lohnstückkosten führen könnten. Klimapolitik und ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften habe Lagarde wiederum zu den preistreibenden Effekten gezählt, die man im Blick haben müsse. Ihre wichtigste Botschaft an die Investoren sei jedoch gewesen, dass die EZB nicht überreagieren dürfe. Basis- und Einmaleffekte würden auslaufen, sodass die Inflation schon bald wieder niedriger ausfallen werde.

Auch die Analysten der Hamburg Commercial Bank würden damit rechnen, dass diese Effekte im kommenden Jahr den Inflationsverlauf bestimmen würden. Die anderen von Lagarde angesprochenen Preistreiber seien aber vermutlich unter der Oberfläche bereits am Wirken und könnten 2023 und später in den Vordergrund treten. Daher würden die Analysten der Hamburg Commercial Bank davon ausgehen, dass das Inflationsziel spätestens 2023 überschritten werde. Die Analysten würden daher auch eine erste Zinserhöhung in 2023 für möglich halten. Mit den bisherigen Prognosen der EZB, die vermutlich im Dezember nach oben angepasst würden, sei dies nicht kompatibel.

Heute (30.09.) gehe in den USA das Fiskaljahr zu Ende. Gelinge es nicht, heute einen neuen Haushalt zu verabschieden, drohe erneut ein so genannter government shutdown. Nicht zwingende öffentliche Aktivitäten werden dann eingestellt, sodass Statistiken nicht erscheinen und Nationalparks geschlossen werden, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank.

Als noch gravierender könnte sich erweisen, dass die Schuldenobergrenze bislang noch nicht angehoben worden sei. Die Finanzministerin Janet Yellen habe festgestellt, dass es bis zum 18. Oktober noch liquide Mittel gäbe, danach drohten Zahlungsausfälle.

Datenseitig sei der Kalender in den kommenden Tagen gut gefüllt. Unter anderem sei auf die PMI-Indices für das Verarbeitende Gewerbe für die Eurozone zu achten, inklusive der Daten für Italien und Spanien (01.10.). Am gleichen Tag werde auch der ISM für das Verarbeitende Gewerbe in den USA veröffentlicht. In beiden Regionen sei die Stimmung noch recht gut, der Trend gehe aber nach unten. Für den Dienstleistungssektor erfahre man die PMI-Daten am 05.10. Besondere Aufmerksamkeit verdiene der Arbeitsmarktbericht aus den USA am 08.10. Denn Jerome Powell habe sich in Bezug auf den Tapering-Plan ein Hintertürchen offen gelassen. Der Bericht müsse zwar nicht überwältigend ausfallen, aber die Analysten der Hamburg Commercial Bank würden davon ausgehen, dass eine Enttäuschung im Sinne eines Beschäftigungszuwachses von nur 100.000 oder 200.000 Personen die FED dazu veranlassen könnte, den Beginn des Taperings nach hinten zu verschieben. (30.09.2021/alc/a/a)