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Könnte die Finanzpolitik zur neuen Geldpolitik werden?


07.01.20 10:00
WisdomTree Europe

London (www.anleihencheck.de) - Unser Wirtschaftsausblick für 2020 und darüber hinaus hängt davon ab, ob die USA und China ein Handelsabkommen schließen werden oder nicht, so die Experten von WisdomTree Europe.

Sollte kein Abkommen erzielt werden, sei es wahrscheinlich, dass die Weltwirtschaft in eine Rezession abrutsche, deren Anfänge sich bereits abzeichnen würden. Die Experten von WisdomTree Europe würden dabei jedoch berücksichtigen, dass in den USA 2020 Präsidentschaftswahlen stattfinden würden. Obwohl US-Präsident Donald Trump versuche, seine früheren Wahlversprechen wie u.a. die Senkung des Handelsdefizits umzusetzen, werde er es vermeiden, zu einem so entscheidenden Moment eine wirtschaftliche Rezession herbeizuführen. Voraussichtlich werde er versuchen, ein Abkommen zu schließen, jedoch nicht zu einem allzu frühen Zeitpunkt. Rücke dieser näher an die Wahlen, würden die Wähler ihn als denjenigen in Erinnerung behalten, der die US-Wirtschaft aus der Misere gezogen habe.

Diese Strategie beinhalte aber ein hohes Risiko, denn China verliere langsam die Geduld. So weigere sich das Land beispielsweise anzuerkennen, dass man bei den Verhandlungen die von Trump so genannte "Phase Eins" eines Abkommens erreicht habe. Die negativen Konsequenzen einer solch hoch riskanten Vorgehensweise könnten für die Weltwirtschaft katastrophal sein. In einem solchen Fall würden die Experten von WisdomTree Europe eine weiche Landung ausschließen.

Die globale Wirtschaft habe sich im vergangenen Jahr verlangsamt, was auf den abnehmenden Handel zurückzuführen sei. Die Industrieproduktion - der wegen des Rückgangs beim Warenhandel am stärksten betroffene Sektor - sei rückläufig. Die Dienstleistungen in den hoch entwickelten Volkswirtschaften würden aber weiterhin florieren. Da die meisten hoch entwickelten Volkswirtschaften dienstleistungsorientiert seien, habe sich die sinkende Industrieproduktion noch nicht auf die Arbeitsmärkte ausgewirkt. Aufgrund des anhaltenden Handelskonflikts könnte es jedoch zu Zweitrundeneffekten kommen, die zweifellos auch den Dienstleistungsbereich betreffen würden.

Die Entscheidungsträger hätten bereits Maßnahmen ergriffen, um eine wirtschaftliche Rezession abzuwenden. In den Industrieländern sei der Großteil dieser Maßnahmen bisher durch Währungsinstitutionen übernommen worden. Die Federal Reserve (FED) in den USA habe begonnen die Zinsen zu senken, und falls sich die Handelsstreitigkeiten fortsetzen würden, könnte dies auch so weitergehen. In Japan und großen Teilen Europas befänden sich die Zinsen bereits im negativen Bereich, weshalb man sich dort auf die quantitative Lockerung, das so genannte "Quantitative Easing" (QE), und, was wahrscheinlicher sei, auf andere kreative Instrumente verlassen müsse, um geldpolitische Impulse zu geben. Die quantitative Lockerung habe das negative Image, für eine Vermögenspreisinflation nicht aber für Preissteigerungen bei Gütern bzw. Dienstleistungen zu sorgen und dementsprechend die Investoren und nicht die Privathaushalte zu begünstigen. Die Chinesische Zentralbank (People's Bank of China) habe ihre Geldpolitik gleichfalls hinsichtlich Zinsen und Mindestreserveanforderungen gelockert.

Christine Lagarde, die politisch versierte frühere Leiterin des Internationalen Währungsfonds und frühere französische Finanzministerin, sei vor kurzem ihr Amt als Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) angetreten. Gleichzeitig sei Ursula von der Leyen, dienstältestes Mitglied in Angela Merkels Kabinett, Präsidentin der Europäischen Kommission geworden. Diese neue personelle Kombination werde in den europäischen Institutionen für frischen Wind und kreative Ansätze sorgen. Da die EZB bereits erklärt hat, dass ihr geldpolitischer Handlungsspielraum eingeschränkt ist und sie sich bei finanzpolitischen Institutionen auf die Erfüllung ihrer Aufgaben verlassen müsse, ist es durchaus möglich, dass wir uns auf eine Form der so genannten "Modern Monetary Theory" zubewegen, so die Experten von WisdomTree Europe. Da sie aufgrund seines hohen Exportanteils unter akutem Handlungsdruck stehe, könnte sogar die finanzpolitisch konservative Hochburg Deutschland eine andere Tonart anschlagen. Einige Investoren würden befürchten, dass dies in den kommenden Jahren zu einer hohen Inflation führen könnte und würden sich in altbewährte, sichere Anlagen wie Gold flüchten.

Immer mehr globale Anleihen würden negative Renditen abwerfen. Ja, die Investoren würden die Emittenten sogar dafür bezahlen, dass sie bei ihnen Geld aufnähmen. Noch 2014 sei ein solches Phänomen vollkommen unbekannt gewesen, doch bereits im vergangenen Jahr 2019 würden sich solche Schuldverschreibungen auf fast 14 Trillionen USD belaufen.

Die Nachfrage nach sicheren Anlagen sei so hoch, dass Investoren negative Endfälligkeitsrenditen in Kauf nehmen würden. In einem solchen Umfeld würden auch andere sichere Anlagen wie das früher für seinen Mangel an Rendite kritisierte Gold zunehmend interessant.

Die Experten von WisdomTree Europe stellen sich die Frage, ob wir uns tatsächlich auf eine weitere Rezession zubewegen sollten - werden dann alle geld- und finanzpolitischen Institutionen in die Vollen gehen? So habe China nach der Finanzkrise von 2008 die Geldpolitik gelockert und viel Geld in Infrastrukturprojekte gesteckt. Dies werde am prozentualen Anteil der Bruttoanlageninvestitionen Chinas am BIP deutlich, der 2009 deutlich zugenommen habe, während er in anderen Industrienationen rückläufig gewesen sei. Das Land habe sein Urbanisierungsprogramm erweitert und dabei viele neue Straßen und Städte gebaut. Davon hätten sowohl die globalen Rohstoffmärkte als auch die Weltwirtschaft profitiert.

Die Experten von WisdomTree Europe würden bezweifeln, dass sich dies wiederhole, denn China sei diesmal zu hoch verschuldet. Die Reaktion Chinas auf die Konjunkturabschwächung sei bisher aufgrund des widersprüchlichen Wunsches, die Finanzierung zurückzuschrauben, verhalten (vor allem wegen der Schattenbanken, die bei der Verbreitung von Krediten in den letzten zehn Jahren zu erfolgreich gewesen seien).

Kreditvolumen seien die Ansprüche anderer einlagennehmender Unternehmen gegenüber dem privaten Sektor (von IFS), außer im Fall von Brasilien, bei dem das Kreditvolumen an den privaten Sektor durch die Monetary Policy and Financial System Credit Operations festgestellt und von der Banco Central do Brasil veröffentlicht werde, und im Fall von China, wo das Kreditvolumen der gesamten sozialen Finanzierung, bereinigt um die Schulden-Swaps von Lokalbehörden, entspreche.

Die Bereitschaft Chinas, die Rolle des globalen Stoßdämpfers zu übernehmen, hänge nun am seidenen Faden. Nach der großen Finanzkrise sei das Land bei einer Politik der Währungsaufwertung geblieben. Heute lasse China eine Abwertung seiner Währung entsprechend den Fundamentaldaten zu. In der Tat schließen wir nicht aus, dass auch andere Länder eine an rein nationalen Interessen ausgerichtete Politik der Währungsabwertung verfolgen, so die Experten von WisdomTree Europe.

Es bestünden Abwärtsrisiken. Doch was geschehe, wenn ein Handelsabkommen bereits frühzeitig erzielt werde?

Wir fokussieren uns auf die Abwärtsrisiken, da die Präsidentschaftswahlen erst am 3. November 2020 stattfinden, so die Experten von WisdomTree Europe. Nach Erachten der Experten könnte die Wirtschaft bis dahin großen Schaden nehmen, wenn der Handelskonflikt bis spät ins Jahr hinein anhalte. Sollte ein Handelsabkommen allerdings schon frühzeitig im Jahresverlauf erzielt werden, könnte es zu einer Verlängerung der Rally bei zyklischen Anlagen wie Aktien kommen, was man über die letzten fünf Jahre hinweg habe beobachten können. Das schon seit einiger Zeit unterbewertete Öl und auch die Industriemetalle könnten sich erholen. Eine Normalisierung der Geldpolitik könnte wieder auf der Tagesordnung stehen. Die Zentralbanken könnten anstreben, den zuvor verlorenen Handlungsspielraum wieder auszubauen. Es sei jedoch fraglich, ob das internationale Vertrauen je in vollem Umfang wiederhergestellt werde. Die Schwellenmärkte, scheinbar häufig Opfer politischer Entscheidungen der USA, könnten zögern, zum Status quo zurückzukehren. Man müsse wissen, dass viele Zentralbanken in Schwellenländern ihre Reserven diversifiziert und diese beispielsweise aus dem US-Dollar in Gold umgeschichtet hätten.

Ein Abkommen zwischen den USA und China bedeute außerdem nicht gleichzeitig den Abschluss eines globalen Abkommens. Nach dem "erfolgreichen" Abschluss von Handelsabkommen mit Kanada, Mexiko und daraufhin China (falls es zu einem Deal kommen werde) sei es sehr wahrscheinlich, dass sich die USA auf Europa konzentrieren würden. Das Land habe bereits mit der Einführung von Zöllen auf europäische Autoimporte gedroht. Die USA seien der wichtigste Exportmarkt für europäische Autos und würden 29 Prozent des Werts aller aus der EU exportierten Autos ausmachen. US-Unternehmen würden im Vergleich dazu nur 19 Prozent ihres auf Autos entfallenden Exportwerts nach Europa exportieren. Um die Handelsvolumen zu relativieren, sollte beachtet werden, dass der globale Autohandel 8 Prozent des Welthandels ausmache, was deutlich über den 3 Prozent liege, die den Handelsströmen zwischen den USA und China zufallen würden. Deshalb könnte das globale Tauziehen um den Autohandel viel Schaden anrichten. (07.01.2020/alc/a/a)