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Können sich Europas Anleihenanleger auf den amerikanischen Traum verlassen?


09.12.19 12:45
AB

München (www.anleihencheck.de) - Dieses Jahr stellt die globale Konjunktur vor zahlreiche Herausforderungen, so Darren Williams, Director of Global Economic Research, und Scott DiMaggio, Co-Head of Fixed Income und Director of Global Fixed Income, beim Asset Manager AllianceBernstein (AB).

In den USA hätten europäische Anleihenanleger bislang ein stabiles Umfeld mit Wachstum und relativ attraktiven Anleihenrenditen vorgefunden. Doch könne der amerikanische Traum nach einem Jahrzehnt der Expansion weitergehen?

Im Jahr 2019 hätten sich Anleger andauernder Marktunsicherheit ausgesetzt gesehen, angetrieben vor allem durch den Handelsstreit. Angesichts des nunmehr weltweit sinkenden Wirtschaftswachstums seien die Kapitalmärkte vielleicht endlich an einem Scheitelpunkt angelangt. Anleger müssten nun sicherstellen, dass das laufende Einkommen aus ihren Investments weiter fließe und dabei gleichzeitig ihre Portfolios vor den Auswirkungen von Volatilität und nachlassendem Wachstum schützen würden.

Die Experten würden im kommenden Jahr ein globales Wirtschaftswachstum von nur 2,2 Prozent erwarten, der niedrigste Wert seit zehn Jahren. Das sei noch kein Rezessionsniveau und ganz sicher nicht vergleichbar mit 2009, als die globale Konjunktur um 2 Prozent nachgegeben habe. Aber es sei dennoch eine sehr schwache Entwicklung, die die Weltwirtschaft anfälliger für Schockereignisse machen könnte. Zwar hätten die Notenbanken weltweit Maßnahmen ergriffen, um die Konjunktur zu stützen. Doch die Experten seien nicht überzeugt, dass niedrigere Zinsen allein ausreichen würden, um den Abschwung zu verhindern.

Doch es könnte immer noch positive Überraschungen geben. Drei Entwicklungen könnten im kommenden Jahr dazu beitragen:

- ein Ende der Handelskonflikte,
- eine überraschend effektive Geldpolitik und
- ein erheblicher Fiskalimpuls weltweit.

Die Experten würden jedoch bezweifeln, dass diese Szenarien eintreten würden. So würden die Experten etwa den Handelskrieg als Manifestation zweier wichtiger langfristiger Trends sehen: Populismus und geopolitischer Konflikt zwischen China und dem Westen. Diese Trends würden bestehen bleiben - man könne sie nicht durch einen Tweet oder gar das Ende der US-Präsidentschaft von Donald Trump aus der Welt schaffen. Zwar würden die Experten seit Langem glauben, dass es letztendlich an der Haushaltspolitik liegen werde, Wachstum und Inflation zu unterstützen. Doch die Experten würden bezweifeln, dass der Übergang schnell oder breit genug sein werde, um die Konjunkturentwicklung im Jahr 2020 wesentlich zum Besseren zu wenden. Dennoch würden die Experten diese und andere Einflussfaktoren sorgfältig überwachen.

Für Anleger aus dem Euroraum könnten US-Anleihen erhebliche Diversifikationsvorteile bieten, zumal die Kosten für die Absicherung von US-Dollar in den Euro inzwischen leicht gesunken seien. Eine gute US-Anleihenstrategie wäge die Sicherheit hochwertiger Staatsanleihen gegen das Renditepotenzial höher verzinslicher Anleihen ab. Zwei Dinge seien in diesem Umfeld entscheidend:
1) Die Fähigkeit, sich je nach Marktumfeld zu beiden Seiten der Waage zu neigen, und
2) Diversifikation und Flexibilität auf jeder Seite.

Trotz schwächerer Prognosen würden die Experten nach wie vor an eine Tendenz zu Risikoaktiva glauben, da sie von einem weiterhin positiven, aber moderaten Wirtschaftswachstum ausgehen würden. Und im aktuellen Umfeld seien die Experten der Meinung, dass ein US-Anleihenportfolio über mehrere Sektoren diversifiziert werden sollte wie beispielsweise Hochzinsanleihen, Investment-Grade-Unternehmensanleihen und verbriefte Wertpapiere.

Heute seien US-Unternehmen durch so unterschiedliche Faktoren wie Handelskriege und zunehmende Regulierung bedroht. Die Experten würden es daher für sinnvoll halten, dass Anleger ihr Engagement auf Teile des Marktes konzentrieren würden, die besser positioniert seien, um diesen Risiken standzuhalten, wie etwa der US-amerikanische Verbraucher- oder Bankensektor.

Wie sehe es mit dem Zinsrisiko aus? Im heutigen Umfeld würden die Experten es für angebracht halten, die Duration eher kurz zu halten, um sich vor zukünftigen Zinserhöhungen zu schützen. Es gebe jedoch ein noch stärkeres Argument, bei einem ausgewogenen Portfolio innerhalb eines mittleren Durationsbereichs zu bleiben: Den ausgewogenen Ansatz beizubehalten habe sich als effektiver erwiesen als der Versuch, den nächsten Schritt bei Zinsen oder Spreads vorherzusagen.

So seien beispielsweise Anleger, die die Duration in ihren Portfolios untergewichtet hätten, im Jahr 2019 auf dem falschen Fuß erwischt worden. Die US-Notenbank habe eine Kehrtwende in ihrer Geldpolitik vollzogen und nach vier Zinserhöhungen im vergangenen Jahr wieder auf Stillstand umgeschaltet. Um die besten Ergebnisse mit einem US-Anleihenportfolio zu erzielen, sei die Einhaltung einer ausgewogenen Anlagedisziplin der wichtigste Faktor. Doch auch die Flexibilität, auf beiden Seiten dieses Gleichgewichts taktisch zu agieren, sei entscheidend.

So sei es beispielsweise wichtig, das Engagement in Unternehmensanleihen zwischen verschiedenen Sektoren zu verschieben, um die überzeugendsten Chancen zu nutzen. Zusätzlich sollte man das Durationsrisiko optimieren, um aus Bewertungsverzerrungen Kapital zu schlagen. Insgesamt würden die Experten glauben: Mit einem Portfolio aus US-Anleihen könnten Anleger lohnende Erträge erzielen und gleichzeitig die Abwärtsrisiken mindern - vorausgesetzt, man behalte das richtige Gleichgewicht und die richtige Struktur bei. (09.12.2019/alc/a/a)