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Kauft die EZB verstärkt Geldmarktpapiere?
29.04.20 18:45
Hamburg Commercial Bank
Hamburg (www.anleihencheck.de) - An den Rentenmärkten ist wieder etwas Bewegung, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.
Die Renditen seien zuletzt leicht gefallen, wobei es nicht ganz leicht falle, eine konsistente Erklärung dafür zu finden. In den USA seien die Aktienmärkte zwar heute im roten Bereich, aber im Wochenverlauf sei global ein recht kräftiger Anstieg von 4% bis 5% zu verzeichnen gewesen. Die Anleger seien offensichtlich hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung auf eine konjunkturelle Wende auf der Basis der Shutdown-Lockerungen und den Horror-Nachrichten, die von den aktuellen Wirtschaftsindikatoren ausgehen würden. Immer mehr Länder würden den Shutdown lockern oder Lockerungen zumindest ankündigen. Das sei die Grundvoraussetzung dafür, dass die Wirtschaft wieder in Schwung komme, nur so könne die extrem expansive Geldpolitik ihre positive Wirkung entfalten.
Die aktuelle Situation sehe allerdings düster aus. In Deutschland sei das Konsumentenvertrauen GfK im April auf eine neues Allzeittief von -23,4 Punkten (der alte Negativrekord lag bei -3,5 Punkten) gefallen, der ifo-Index liege im laufenden Monat über 20 Punkte unter dem langfristigen Durchschnitt, während sich die Zahl der Pkw-Neuregistrierungen gegenüber Jahresbeginn mehr als halbiert habe. Die Inflationsdaten in Deutschland würden einen schwächeren Preisdruck zeigen (0,8% YoY), was zum größten Teil auf mit den niedrigeren Ölpreisen zu tun habe, aber auch Ergebnis des coronabedingten Nachfrageeinbruchs sei.
In den USA sehe es nicht wesentlich besser aus. Das BIP sei im ersten Quartal um 4,8% (QoQ, annualisiert) gefallen und die regionalen PMI-Indikatoren versprächen einen tiefen Sturz des US-weiten ISM für das Verarbeitende Gewerbe, der am 01.05. veröffentlicht werde. Das Konsumentenvertrauen (Michigan und Conference Board) sei kräftig gefallen, liege allerdings noch deutlich über den Tiefs, die 2008 bis 2011 erreicht worden seien. Angesichts von 26 Millionen zusätzlichen Arbeitslosen könne das aber nur bedeuten, dass mit einem weiteren Absturz des Konsumentenvertrauens zu rechnen sei.
Wir stehen am Beginn eines ganzen Reigens negativer Konjunkturdaten, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. In den kommenden Tagen würden die BIP-Zahlen für das erste Quartal u.a. in Frankreich, Italien und Spanien veröffentlicht. Sie alle würden voraussichtlich negative Vorzeichen aufweisen, den Tiefpunkt werde man aber erst im zweiten Quartal sehen. Auch die PMI-Indices für Spanien und Italien würden niemandem Mut machen. Während es weitestgehend Konsens sei, dass die Talsohle im laufenden Quartal erreicht werde, bestehe große Unsicherheit darüber, wie rasch die Erholung in der zweiten Jahreshälfte erfolge. Die Analysten der Hamburg Commercial Bank würden davon ausgehen, dass sich ein V herausbilde, das Ende dieses V's aber im vierten Quartal des nächsten Jahres immer noch unter dem Pre-Corona-Niveau liegen werde. Mit anderen Worten: Die Wirtschaftsleistung dürfte auch Ende 2021 nicht wieder das Niveau von Ende 2019 erreicht haben.
Unter diesen Vorzeichen würden heute (29.04.) die US-Notenbank und morgen die Europäische Zentralbank tagen. Beide Notenbanken hätten in den vergangenen Wochen bereits zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um Liquiditätsengpässe zu vermeiden. Die EZB habe insbesondere die Bedingungen für die Einreichung von Sicherheiten zur Liquiditätsbeschaffung gelockert, in dem sie die Haircuts über alle Assetklassen gesenkt habe und nunmehr auch Anleihen so genannter Fallen Angels akzeptiere, also von Unternehmen, die erst kürzlich ihr Investmentgrade-Rating verloren hätten.
Es sei unklar, ob morgen noch weitergehende Entscheidungen gefällt würden. Für eine gewisse Nervosität sorge der Anstieg des Euribor. Von seinem Tiefpunkt Mitte März sei der Satz um rund 23 BP auf -26 BP gestiegen. Ursächlich dafür sei möglicherweise das größere Angebot von staatlichen Geldmarktpapieren, während die meisten Unternehmen kaum Liquidität zur Verfügung hätten, die sie am Geldmarkt anlegen könnten. Ein Weg, um diesem Problem zu begegnen - denn höhere Zinsen seien das letzte, was sich die EZB wünsche - wäre mehr Geldmarktpapieren auf die Bilanz zu nehmen.
Zur Diskussion stehe außerdem eine Ausweitung des Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP), das bis zum Jahresende 750 Mrd. Euro erreichen sollte. Seit der Ankündigung des PEPP am 18. März habe die EZB rund 150 Mrd. Euro an Wertpapieren erworben, sodass noch ausreichend Spielraum nach oben vorhanden sei. Möglicherweise möchte man jedoch etwa mit einer Verdoppelung des Programms auf 1,5 Billionen Euro ein Signal aussenden, dass im Grunde genommen nach oben kein Limit bestehe, so wie die EZB-Chefin Christine Lagarde dies bereits gesagt habe. Möglich sei auch, dass die Anleihen von Fallen Angels nicht nur als Sicherheit akzeptiert würden, sondern auch direkt auf die Bilanz genommen werden könnten.
Die Journalisten dürfte auf der Pressekonferenz zudem interessieren, wie sich die EZB verhalten würde, wenn etwa Italien ESM-Mittel beantrage. Denn damit würde sich das Land für das Outright Monetary Programme (OMT) qualifizieren. Vermutlich werde Lagarde zu dieser etwas delikaten Frage - es gebe nicht mehr die klassischen wirtschaftspolitischen Bedingungen für die Inanspruchnahme des Programms, was politischen Widerstand u.a. in Deutschland bedeuten könne - nicht dezidiert Stellung nehmen. Man könne aber relativ sicher sein, dass für den Fall explodierender Spreads in Italien oder Spanien die EZB von dem OMT-Programm Gebrauch machen dürfte, wenn ein Land ESM-Mittel beantrage.
Bei der FED richte sich der Blick eher darauf, wie Jerome Powell die Zukunft einschätze, nachdem die Notenbank das Ankaufvolumen von Anleihen im Bemühen um eine Beruhigung der Spannungen am Markt für T-Notes massiv ausgeweitet habe. Seit Anfang März habe die FED ihre Bilanzsumme um 2.300 Mrd. US-Dollar auf insgesamt 6.540 Mrd. US-Dollar erhöht. Absolut gesehen sei das ein stärkerer Anstieg als in Reaktion auf den Zusammenbruch von Lehman Brothers zu beobachten gewesen sei. Mit Kreditprogrammen für kleine und mittlere Unternehmen und Kommunen habe man außerdem gänzlich neue Aufgaben übernommen, die - wie etwa in Deutschland die KfW - üblicherweise von staatlichen Entwicklungsbanken übernommen würden. Kurzfristig würden die Analysten der Hamburg Commercial Bank keine weiteren Maßnahmen von der FED erwarten, die allerdings bereitstehen werde, jederzeit zu handeln, falls neue Turbulenzen an den Märkten aufkämen oder sich die konjunkturelle Lage dramatisch verschlechtere. (29.04.2020/alc/a/a)
Die Renditen seien zuletzt leicht gefallen, wobei es nicht ganz leicht falle, eine konsistente Erklärung dafür zu finden. In den USA seien die Aktienmärkte zwar heute im roten Bereich, aber im Wochenverlauf sei global ein recht kräftiger Anstieg von 4% bis 5% zu verzeichnen gewesen. Die Anleger seien offensichtlich hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung auf eine konjunkturelle Wende auf der Basis der Shutdown-Lockerungen und den Horror-Nachrichten, die von den aktuellen Wirtschaftsindikatoren ausgehen würden. Immer mehr Länder würden den Shutdown lockern oder Lockerungen zumindest ankündigen. Das sei die Grundvoraussetzung dafür, dass die Wirtschaft wieder in Schwung komme, nur so könne die extrem expansive Geldpolitik ihre positive Wirkung entfalten.
Die aktuelle Situation sehe allerdings düster aus. In Deutschland sei das Konsumentenvertrauen GfK im April auf eine neues Allzeittief von -23,4 Punkten (der alte Negativrekord lag bei -3,5 Punkten) gefallen, der ifo-Index liege im laufenden Monat über 20 Punkte unter dem langfristigen Durchschnitt, während sich die Zahl der Pkw-Neuregistrierungen gegenüber Jahresbeginn mehr als halbiert habe. Die Inflationsdaten in Deutschland würden einen schwächeren Preisdruck zeigen (0,8% YoY), was zum größten Teil auf mit den niedrigeren Ölpreisen zu tun habe, aber auch Ergebnis des coronabedingten Nachfrageeinbruchs sei.
In den USA sehe es nicht wesentlich besser aus. Das BIP sei im ersten Quartal um 4,8% (QoQ, annualisiert) gefallen und die regionalen PMI-Indikatoren versprächen einen tiefen Sturz des US-weiten ISM für das Verarbeitende Gewerbe, der am 01.05. veröffentlicht werde. Das Konsumentenvertrauen (Michigan und Conference Board) sei kräftig gefallen, liege allerdings noch deutlich über den Tiefs, die 2008 bis 2011 erreicht worden seien. Angesichts von 26 Millionen zusätzlichen Arbeitslosen könne das aber nur bedeuten, dass mit einem weiteren Absturz des Konsumentenvertrauens zu rechnen sei.
Unter diesen Vorzeichen würden heute (29.04.) die US-Notenbank und morgen die Europäische Zentralbank tagen. Beide Notenbanken hätten in den vergangenen Wochen bereits zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um Liquiditätsengpässe zu vermeiden. Die EZB habe insbesondere die Bedingungen für die Einreichung von Sicherheiten zur Liquiditätsbeschaffung gelockert, in dem sie die Haircuts über alle Assetklassen gesenkt habe und nunmehr auch Anleihen so genannter Fallen Angels akzeptiere, also von Unternehmen, die erst kürzlich ihr Investmentgrade-Rating verloren hätten.
Es sei unklar, ob morgen noch weitergehende Entscheidungen gefällt würden. Für eine gewisse Nervosität sorge der Anstieg des Euribor. Von seinem Tiefpunkt Mitte März sei der Satz um rund 23 BP auf -26 BP gestiegen. Ursächlich dafür sei möglicherweise das größere Angebot von staatlichen Geldmarktpapieren, während die meisten Unternehmen kaum Liquidität zur Verfügung hätten, die sie am Geldmarkt anlegen könnten. Ein Weg, um diesem Problem zu begegnen - denn höhere Zinsen seien das letzte, was sich die EZB wünsche - wäre mehr Geldmarktpapieren auf die Bilanz zu nehmen.
Zur Diskussion stehe außerdem eine Ausweitung des Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP), das bis zum Jahresende 750 Mrd. Euro erreichen sollte. Seit der Ankündigung des PEPP am 18. März habe die EZB rund 150 Mrd. Euro an Wertpapieren erworben, sodass noch ausreichend Spielraum nach oben vorhanden sei. Möglicherweise möchte man jedoch etwa mit einer Verdoppelung des Programms auf 1,5 Billionen Euro ein Signal aussenden, dass im Grunde genommen nach oben kein Limit bestehe, so wie die EZB-Chefin Christine Lagarde dies bereits gesagt habe. Möglich sei auch, dass die Anleihen von Fallen Angels nicht nur als Sicherheit akzeptiert würden, sondern auch direkt auf die Bilanz genommen werden könnten.
Die Journalisten dürfte auf der Pressekonferenz zudem interessieren, wie sich die EZB verhalten würde, wenn etwa Italien ESM-Mittel beantrage. Denn damit würde sich das Land für das Outright Monetary Programme (OMT) qualifizieren. Vermutlich werde Lagarde zu dieser etwas delikaten Frage - es gebe nicht mehr die klassischen wirtschaftspolitischen Bedingungen für die Inanspruchnahme des Programms, was politischen Widerstand u.a. in Deutschland bedeuten könne - nicht dezidiert Stellung nehmen. Man könne aber relativ sicher sein, dass für den Fall explodierender Spreads in Italien oder Spanien die EZB von dem OMT-Programm Gebrauch machen dürfte, wenn ein Land ESM-Mittel beantrage.
Bei der FED richte sich der Blick eher darauf, wie Jerome Powell die Zukunft einschätze, nachdem die Notenbank das Ankaufvolumen von Anleihen im Bemühen um eine Beruhigung der Spannungen am Markt für T-Notes massiv ausgeweitet habe. Seit Anfang März habe die FED ihre Bilanzsumme um 2.300 Mrd. US-Dollar auf insgesamt 6.540 Mrd. US-Dollar erhöht. Absolut gesehen sei das ein stärkerer Anstieg als in Reaktion auf den Zusammenbruch von Lehman Brothers zu beobachten gewesen sei. Mit Kreditprogrammen für kleine und mittlere Unternehmen und Kommunen habe man außerdem gänzlich neue Aufgaben übernommen, die - wie etwa in Deutschland die KfW - üblicherweise von staatlichen Entwicklungsbanken übernommen würden. Kurzfristig würden die Analysten der Hamburg Commercial Bank keine weiteren Maßnahmen von der FED erwarten, die allerdings bereitstehen werde, jederzeit zu handeln, falls neue Turbulenzen an den Märkten aufkämen oder sich die konjunkturelle Lage dramatisch verschlechtere. (29.04.2020/alc/a/a)


