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Kann man an den Finanzmärkten der Farbe beim Trocknen zusehen?


10.07.17 12:37
T. Rowe Price

Baltimore (www.anleihencheck.de) - In den letzten Monaten konnten die Finanzmärkte reibungslos durch ein Meer von Unsicherheiten segeln, geprägt von geopolitischen Spannungen auf der koreanischen Halbinsel, in Nahost und in Russland sowie von deutlich gesunkenen Rohstoffpreisen, der Straffung der Geldpolitik vonseiten der FED und von der Ankündigung, dass die Notenbank die lockere Geldpolitik weiter zurückfahren wolle, so Nikolaj Schmidt, Chief International Economist bei T. Rowe Price.

Zu guter Letzt habe auch der Stillstand der US-Amtsführung für Unsicherheiten gesorgt. Vor diesem Hintergrund seien vor allem die starke Marktentwicklung und der Rückgang der Volatilität beachtlich. Doch was stecke hinter der Ruhe auf den Finanzmärkten?

"Unserer Meinung nach handelt es sich um eine Kombination aus dem enttäuschenden US-Wachstum, aus dem beschleunigten Wachstum im Rest der Welt und aus einer moderaten Kerninflation", sage Nikolaj Schmidt. Diese Faktoren scheinen den Druck aus der US-Zinsstrukturkurve zu nehmen, während sie zugleich das globale Wachstum bewahren, so die Experten von T. Rowe Price. Doch würden sie auch weiterhin einen risikofreundlichen Rahmen liefern? "Wahrscheinlich nicht: Wir glauben, dass sich die Zeiten ändern werden und dass es schwieriger wird, sich in den Märkten zu bewegen", kommentiere Schmidt.

Die FED habe in der Juni-Sitzung die Zinsen um 0,25 Prozent angehoben und erklärt, wie sie ihre 4,5 Billionen starke Bilanz verkleinern wolle. Die Notenbankchefin "Janet Yellen wies darauf hin, dass die Senkung der Bilanzsumme relativ bald eingeleitet wird, was wir entweder im Juli oder wahrscheinlich eher im September erwarten", erkläre der Ökonom. Zudem habe Yellen hinzugefügt, dass die Bilanzkürzung so spannend sei, wie "Farbe beim Trocknen zu zuschauen".

Zugegeben, sie könnte durchaus Recht behalten: Der erste Schritt der Kürzung scheine schleichend voranzugehen. "Bedingt durch die überschüssige Liquidität glauben wir, dass die FED in der Lage sein wird, diese Ausgabenkürzungen durchzuführen, ohne dabei für großen Schaden zu sorgen. Wir sehen uns aktuell in einer Transformation: von einer Welt, in der die Kassenbilanz durch eine geldpolitische Lockerung in Europa und Japan um 500 Milliarden US-Dollar pro Quartal wächst, zu einer Welt, in der diese unverändert bleibt. Und daraus erwachsen dann die Herausforderungen", beschreibe Nicolaj Schmidt.

In einer Welt, in der die Kassenbilanz rapide wachse, stünden Haushalte, Unternehmen und Vermögensverwalter ständig vor der Herausforderung, Geld zu reinvestieren und damit den Finanzmarkt zu unterstützen. Nicolaj Schmidt meine: "Die Welt, zu der wir uns entwickeln, wird kein solches endogene Wachstum der Geldmenge aufweisen - dementsprechend gibt es nichts, was Haushalte, Unternehmen und Vermögensverwalter ständig dazu zwingt, Geld zu investieren. Über die Zeit hinweg wird die Umkehr der quantitativen Lockerung dazu führen, dass die Volatilität wieder zunimmt. Eine weitere Herausforderung für die FED ist die Tatsache, dass sie Bilanzanpassung gerade jetzt angehen, wo sich das Wachstum außerhalb der USA verlangsamt." Eine Straffung der Geldpolitik in einem Umfeld langsameren Wachstums liefere einen fruchtbaren Boden für den einen oder anderen Schluckauf an den Finanzmärkten.

Im Vergleich zur FED-Sitzung seien die Treffen der anderen G3-Zentralbanken eher informationslos gewesen. Sowohl die Bank of Japan (BoJ) als auch die Europäische Zentralbank (EZB) hätten ihren Wachstumsausblick höher gestuft. Die EZB habe zudem bekannt gegeben, dass es vermutlich keine weiteren Einschnitte in der Zinspolitik geben werde. Während der Sitzung der BoJ habe Zentralbankchef Haruhiko Kuroda verkündet, dass die Bank ihren gemäßigten Gang beibehalte und Spekulationen über einen möglichen Austritt aus der quantitativen Lockerung als zu früh ansehe. Schmidt schließe: "Der Fakt, dass die BoJ die Asset-Ankäufe bereits reduziert und damit de facto das Tapering eingeleitet hat, wird scheinbar unter den Tisch gekehrt." (10.07.2017/alc/a/a)