Jetzt ist nicht die Zeit, Inflationsziele aufzugeben


18.01.18 12:45
Aberdeen Standard Investment

London (www.anleihencheck.de) - Jeremy Lawson, Chefvolkswirt bei Aberdeen Standard Investments, kommentiert die Notwendigkeit, an den Inflationszielen festzuhalten.

Die Geldpolitik befinde sich an einem Wendepunkt. Die außergewöhnlichen Maßnahmen der Zentralbanken würden in dem Maß, wie die Wirtschaft wachse und die Finanzmärkte stabil bleiben würden schrittweise zurückgeführt. Noch seien die Investoren weiter skeptisch, wie stark die Zentralbanken die Zinsen erhöhen würden, denn die Inflation verharre in einem Großteil der Industrieländer hartnäckig auf einem niedrigen Niveau.

Es wäre gefährlich für die Zentralbanken, wenn sie ihre mittelfristigen Inflationsziele aufgeben würden. Dies würde die niedrige Inflation sowie die niedrigen Zinsen länger fixieren und die Inflationserwartungen weiterhin dämpfen. Außerdem würde es die Fähigkeit der Zentralbanken untergraben, zukünftige Rezessionen und deflationäre Schocks zu bekämpfen. Denn es gäbe geringere Spielräume zur Anpassung von Realinflation und Reallöhnen und würde lediglich dazu dienen, den Output und die Finanzmarktvolatilität zu erhöhen.

Erfreulicherweise hätten die Zentralbanken ihre Inflationsziele noch nicht aufgegeben, sodass sich ihr Handeln in nächster Zeit nicht ändern dürfte. Die Herausforderung allerdings, Geldpolitik in Zeiten weniger responsiver Inflation, geringeren Durchschnittswachstums und niedrigerer Zinsen zu gestalten, werde sich nicht in Luft auflösen.

Entsprechend seien Experimente mit weiteren geldpolitischen Instrumenten unumgänglich, besonders wenn sich die nächste Rezession abzeichne. Eine der diskutierten Optionen: Zentralbanken könnten reale und nicht nur finanzielle Vermögenswerte ankaufen und dieses Vorgehen mit den Regierungen abstimmen, wenn unkonventionelle geldpolitische Maßnahmen erforderlich seien. Ben Bernanke, ehemaliger Vorsitzender der US-Notenbank, habe kürzlich vorgeschlagen, dass sich die Zentralbanken einer zeitweisen Zielsetzung des Preisniveaus widmen sollten - wobei sie einen Ausgleich von Phasen unterhalb und oberhalb der Zielinflation anstreben würden, sobald geldpolitische Instrumente ihre Untergrenze erreicht hätten.

Außerdem könnten die Zentralbanken Mechanismen erforschen, die Untergrenze selbst herabzusetzen, indem sie sicherere Wege fänden, negative Zinsen zu erzeugen. Natürlich könnten Experimente immer unbeabsichtigte Konsequenzen mit sich bringen. Investoren könnten die Ansicht vertreten, dass die letzte Dekade schwierig zu meistern gewesen sei, aber sie hätten die wahren Herausforderungen noch gar nicht kennen gelernt. (18.01.2018/alc/a/a)