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Investment-Grade-Unternehmensanleihen in Europa und den USA zeigen eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit


22.07.25 11:15
Candriam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Für Marktteilnehmer erwies sich der Juni als äußerst herausfordernder Monat, so Nicolas Jullien, Global Head of Fixed Income bei Candriam.

Er sei nicht nur von rekordverdächtigen Hitzewellen geprägt gewesen, sondern auch von einer Fülle geopolitischer und makroökonomischer Ereignisse, die die Nerven der Investoren auf die Probe gestellt hätten. Die Ölpreise seien sprunghaft gestiegen, da die Spannungen zwischen Israel, den Vereinigten Staaten und dem Iran zugenommen hätten. Somit sei das Risiko einer Destabilisierung der Region durch Diskussionen über einen möglichen Regimewechsel gewachsen. Obwohl sich die Lage im Nahen Osten allmählich entspannt habe, richte sich der Blick der Anleger zunehmend auf das bevorstehende Ende der 90-tägigen Zollpause, die Präsident Trump nach dem "Liberation Day" angekündigt habe. Dieses ständige Wechselspiel zwischen Eskalation und Entspannung habe die Unsicherheit verstärkt, die entstehe, wenn politische Entscheidungen maßgeblich von einer einzelnen Person abhingen.

Auch wenn diese Entwicklungen die Marktvolatilität erhöht hätten, hätten die Anleihemärkte insgesamt eine positive Performance erzielt. Die Renditen amerikanischer Staatsanleihen seien im Juni zurückgegangen. Grund dafür seien nachlassende makroökonomische Indikatoren und erste Anzeichen einer Schwäche am Arbeitsmarkt gewesen. Beides seien Faktoren, die die Argumente für eine geldpolitische Lockerung durch die Federal Reserve (Fed) untermauern würden. Anfang Juli seien die Renditen jedoch wieder leicht gestiegen. Grund dafür seien erneut in den Fokus gerückte Inflationssorgen, Diskussionen um neue Zölle sowie die Erwartung eines baldigen Endes der vorübergehenden Aussetzung von Zollerhebungen gewesen. In Europa hätten die Zinsmärkte im Juni zunächst stabil geblieben, hätten dann aber im Juli angezogen, da Investoren zunehmend mit einem Ende der Lockerungspolitik der EZB gerechnet hätten.

Bemerkenswerterweise habe sich der Markt für Unternehmensanleihen trotz der herrschenden Unsicherheit als äußerst widerstandsfähig erwiesen. Die Nachfrage der Anleger sei hoch geblieben. Technische Faktoren hätten zu engeren Spreads geführt, während der Markt die Entwicklungen rund um den Iran abwartend beobachtet habe. Solide Unternehmenskennzahlen hätten weiterhin eine stabile Basis für die Spreads gebildet, während die anhaltend hohe Nachfrage die Performance auch am Sekundärmarkt unterstützt habe - selbst angesichts eines erhöhten Emissionsvolumens am Primärmarkt. Sowohl Investment-Grade- als auch High-Yield-Unternehmensanleihen hätten positive Erträge erzielt, die von günstigen technischen Faktoren getragen worden seien. Angesichts geringer Neuemissionen und starker Zuflüsse dürften diese Faktoren auch weiterhin Bestand haben.

Aufgrund eines komplexen Zusammenspiels aus jüngsten Datenabweichungen und zugrunde liegenden wirtschaftlichen Trends nehme Jullien kurzfristig eine neutralere Haltung bei US-Zinsen ein. Die aktuell veröffentlichten Nonfarm-Payroll-Zahlen würden auf den ersten Blick zwar stark wirken, verbargen jedoch schwächere interne Dynamiken. So sei die Beschäftigungszunahme begrenzt gewesen, und es habe einen temporären Schub durch Einstellungen im öffentlichen Sektor gegeben, der möglicherweise durch saisonale Effekte im Bildungsbereich verzerrt gewesen sei. Diese Feinheiten würden die Erwartungen an eine bevorstehende Zinssenkung der Fed dämpfen und diese Prognosen um mehrere Monate nach hinten verschieben. Das Gesetz "Big Beautiful Bill" sowie breitere fiskalische Sorgen würden vor allem das lange Ende der Zinskurve belasten. Die Fed scheine gewillt zu sein, auf mehr Klarheit zu warten, zumal die jüngsten Daten den Druck für sofortige Zinssenkungen reduziert hätten. "In diesem Umfeld und nach einer positiven Entwicklung der US-Zinsen erscheint es ratsam, Gewinne bei unserer derzeitigen Long-Position mitzunehmen", so Jullien.

Mittelfristig sei der Ausblick für US-Staatsanleihen positiver. Er stütze sich auf eine prognostizierte Abschwächung der Wirtschaftstätigkeit sowie anhaltende Unsicherheiten in der Handelspolitik. Die Marktbewegungen des vergangenen Monats seien größtenteils durch fallende Realrenditen getrieben worden, während sich die Inflationserwartungen (Break-even-Raten) stabil gezeigt hätten. Dies sei ein Zeichen dafür, dass sich Investoren eher um das künftige Wachstum als um eine steigende Inflation sorgen würden. Obwohl die finanziellen Bedingungen weiterhin günstig bleiben würden und ein leichter Anstieg der Inflation erwartet werde, stehe der Arbeitsmarkt im Zentrum der Aufmerksamkeit der US-Notenbank. Insgesamt deute sich hier eine allmähliche Abschwächung an. Dies spiegle sich sowohl in nachlassenden Beschäftigungszahlen innerhalb der ISM-Indizes für Industrie und Dienstleistungen als auch in einer Verschlechterung der Indikatoren für das Vertrauen am Arbeitsmarkt wider. "Da Frühindikatoren auf eine weitere Abschwächung hindeuten, bleibt unser mittelfristiger Ausblick für längere Laufzeiten optimistisch, wobei Jullien derzeit eine Ausrichtung auf Anleihen mit kürzeren Laufzeiten bevorzuge", so Jullien.

Nach einer Phase optimistischer Positionierung habe Jullien seine Haltung zur Duration in der Eurozone nun vorsichtiger ausgerichtet. Diese Ende Juni eingeleitete Anpassung spiegele eine Reihe von Faktoren wider, die insgesamt zur Vorsicht mahnen würden, wenngleich die Kernzinssätze aktuell marktgerecht bewertet erschienen. Am kurzen Ende blieben zweijährige Anleihen aus Bewertungssicht weiterhin attraktiv. Im Zehnjahresbereich hingegen ergäben sich bei einem fundamental angemessenen Niveau von etwa 2,5 Prozent nur noch geringe Kaufsignale. Der Markt befinde sich somit in der Nähe eines Gleichgewichtszustands.

Die makroökonomischen Fundamentaldaten würden derzeit keine klaren Anhaltspunkte für die Marktentwicklung liefern. Die Konjunkturindikatoren würden weiterhin ein verhaltenes Bild zeichnen. Zwar hätten sich die Einkaufsmanagerindizes (PMIs) etwas verbessert, sie würden sich aber weiterhin auf einem niedrigen Niveau mit Werten um die 50 bewegen. Länder wie Frankreich blieben dabei nach wie vor unter dieser Schwelle. Der Ausblick für das Wachstum insgesamt deute eher auf Stagnation als auf Dynamik hin. Die leichten Zuwächse ließen darauf schließen, dass die Wirtschaftsleistung nur geringfügig über null liege.

Auch die Inflationsdynamik habe sich stabilisiert. Die Gesamtinflation (CPI) sei wieder auf rund 2 Prozent gesunken und die Kerninflation dürfte sich kurzfristig bei etwa 2,3 Prozent einpendeln. Ein weiterer Rückgang werde erst ab 2026 erwartet. Diese relative Stabilisierung sorge für ein neutrales Signal hinsichtlich Inflation und Geldpolitik - zumal sich die Markterwartungen mit einer weiteren Zinssenkung der EZB in diesem Jahr decken würden. Die jüngste EZB-Sitzung habe zudem gezeigt, dass sich die Zentralbank dem Ende ihres Lockerungszyklus nähere.

Aus Angebotssicht dürfte der Emissionsdruck in der zweiten Jahreshälfte 2025 nach dem erheblichen Frontloading zu Jahresbeginn nachlassen. Das Angebot an deutschen Bundesanleihen sei bislang besonders gut vom Markt aufgenommen worden. Dies zeige sich in hohen Bid-to-Cover-Verhältnissen und steigendem Interesse aus dem Ausland. Mittelfristig würden jedoch größere Angebotsrisiken auftreten, insbesondere ab 2026. Diese seien bedingt durch expansive Fiskalpläne und eine zunehmende Konzentration auf Emissionen mit längeren Laufzeiten. Die Entwicklungen sprächen weiterhin für Strategien, die auf eine steilere Zinskurve zwischen 10- und 30-jährigen Laufzeiten setzen würden - besonders in Deutschland und den Niederlanden. Dort würden strukturelle Veränderungen, wie die Umstellung der niederländischen Pensionsfonds, zusätzlichen Druck in Richtung einer steileren Zinskurve ausüben.

"Unsere Positionierung im Bereich der Staatsanleihen zeigt eine selektive Risikobereitschaft in Peripheriemärkten", so Jullien. Zu den jüngsten Transaktionen zählten Engagements in Sloweniens nachhaltigkeitsgebundenen Anleihen sowie in Papiere von subnationalen Emittenten wie Flandern anstelle von Belgien. Beide böten Renditeaufschläge und bessere fiskalische Kennzahlen. Insgesamt bleibe seine Positionierung in Bezug auf die Duration defensiv, während Jullien im Zuge neuer makroökonomischer und angebotsseitiger Entwicklungen gezielt Relative-Value- und Steepening-Strategien nutze.

Die Märkte für Investment-Grade-Unternehmensanleihen (IG) in Europa und den USA würden eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit gegenüber geopolitischer Unsicherheit und makroökonomischem Rauschen zeigen.

Trotz des begrenzten Potenzials für eine weitere Einengung der Spreads in den kommenden Wochen seien die soliden Fundamentaldaten weiterhin eine wichtige Stütze. Im Euro-IG-Bereich gebe es mehr Herauf- als Herabstufungen, und die Ergebnisse für das erste Quartal seien stabil gewesen. Die Zahlen für das zweite Quartal würden insbesondere bei den Banken zwar genau beobachtet, eine wesentliche Verschlechterung werde jedoch nicht erwartet. Auch von technischer Seite gebe es Unterstützung: Ein starker Emissionsschub im Mai und Juni habe das Marktangebot weitgehend gedeckt, sodass bis zum Sommer mit einer zurückhaltenden Emissionstätigkeit zu rechnen sei. Die weiterhin hohe Nachfrage, eine insgesamt ausgewogene Positionierung und Reinvestitionsströme würden das optimistische Bild zusätzlich verstärken. Angesichts der sehr engen Spreads bleibe Jullien für den Sommer jedoch neutral positioniert.

In diesem Umfeld würden beta-starke Segmente wie AT1-CoCo-Anleihen wieder ein verstärktes Anlegerinteresse verzeichnen. Dieses werde durch Renditen von rund 6 Prozent, ein begrenztes Angebot und eine solide Nachfrageaufnahme angetrieben. Obwohl die Spreads eng seien und die sommerliche Volatilität ein Risiko darstelle, sprächen das attraktive Renditeprofil und das solide Kreditumfeld für eine moderat positive Einschätzung dieser Assetklasse.

In den USA zeige sich bei IG-Unternehmensanleihen ein ähnliches Bild. Zwar seien auch hier die Bewertungen anspruchsvoll, doch die Fundamentaldaten blieben solide. Die EBITDA-Margen stiegen, die Verschuldung nehme ab und große IG-Namen würden stabile Umsätze bei gut beherrschbaren Zinslasten verzeichnen. Es gebe jedoch Unterschiede zwischen den Sektoren: Während Technologiewerte und Gesundheitsunternehmen für einen Ausgleich sorgen würden, würden Energie- und Chemieunternehmen hinterherhinken. Insgesamt würden diese Entwicklungen den weiterhin neutralen Ausblick für US-IG-Anleihen stützen, der auf einer breiten Unternehmensstabilität basiere.

Im High-Yield-Segment (HY) zeige sich ein Bild des selektiven Optimismus, insbesondere in Europa. Dieses werde jedoch durch sich verschlechternde Fundamentaldaten und hohe Bewertungen vor allem am US-Markt relativiert. Im Gegensatz zum IG-Bereich sei der Rating-Ausblick für HY in beiden Regionen klar negativ und spiegele den zunehmenden Ausfalldruck wider, der insbesondere Emittenten mit niedrigeren Ratings betreffe. Unter Druck ständen Sektoren wie die Automobilindustrie und der Einzelhandel. Immer mehr sogenannte "Zombie"-Unternehmen - also Firmen, die ihre Schulden angesichts höherer Zinsen nicht mehr bedienen könnten - seien von Restrukturierung oder Zahlungsausfall betroffen.

Dennoch zeige der europäische HY-Markt derzeit technische Stärke. Die Mittelzuflüsse hätten sich wieder ins Positive gedreht und würden durch attraktivere Bewertungen nach der angebotsbedingten Underperformance im Juni gestützt. Da das Emissionsvolumen im Primärmarkt im Sommer voraussichtlich zurückgehen werde, könnten sich die europäischen HY-Spreads bei geringer Volatilität auf diesem Niveau behaupten - auch wenn sie im Vergleich zum langfristigen fairen Wert hoch erschienen. Zudem seien die relativen Absicherungskosten in Europa günstiger als in den USA. Dadurch würden europäische HY-Anleihen für internationale Investoren noch attraktiver werden.

Dividendengestützte Refinanzierungen blieben jedoch ein Risikofaktor. Unternehmen, die sich im Besitz von Private-Equity-Gesellschaften befänden, nähmen angesichts verhaltener IPO-Märkte vermehrt hohe Ausschüttungen vor und würden damit zusätzlichen Druck auf die Kreditkennzahlen ausüben. Insgesamt schätze Jullien das Umfeld aber als ausreichend unterstützend ein, um wieder eine neutrale Haltung gegenüber Euro-HY-Anleihen einzunehmen - getragen von starker Nachfrage und einem nachlassenden Angebot.

Demgegenüber stehe der US-HY-Markt weiterhin unter Druck. Die Fundamentaldaten würden sich verschlechtern und die Bewertungen würden als überteuert gelten. Auch die technischen Faktoren würden langsam schwächer, da das Emissionsfenster nach der Berichtssaison wieder geöffnet werde und neue Anleihen auf den Markt kämen. Jüngste große Deals wie der von Carnival würden diese erneute Angebotsdynamik verdeutlichen. Vor diesem Hintergrund bleibe die Einschätzung von Jullien für US-HY klar negativ. Angesichts der strafferen Finanzierungsbedingungen und des zunehmend überfüllten Bewertungsumfelds sei kaum kurzfristiges Aufwärtspotenzial vorhanden. (22.07.2025/alc/a/a)