Internationale Geldpolitik bleibt vom Inflationsausblick bestimmt


14.07.23 16:00
National-Bank AG

Essen (www.anleihencheck.de) - Nach wie vor bleibt die internationale Geldpolitik zumindest mit Blick auf die Entwicklung in den Industrienationen fast ausschließlich vom Inflationsausblick bestimmt, so die Analysten der National-Bank AG.

In den USA, wo die Entwicklung eine Indikatorfunktion für die übrigen Industrienationen habe, deute weiterhin alles auf eine anhaltende preisliche Beruhigung hin. Die Disinflation, die nunmehr auch die breit gefassten und trägen Median-Maßstäbe (statistisches Konzept zur möglichst exakten Messung des unterliegenden Preisdrucks) erreicht habe, werde aber derzeit vor allem noch stark von einsetzenden negativen Basiseffekten getrieben.

Mehr und mehr würden die Disinflationsimpulse der vorgelagerten Produktionsstufen nachgelagerte Bereiche erreichen, wenn auch nicht flächendeckend: In vielen Sektoren der US-Volkswirtschaft, wie etwa insbesondere im Dienstleistungssektor, sei der Preisdruck noch fast ungebrochen, was vor allem der US-Notenbank noch große Sorgen bereite: Das Protokoll der letzten FED-Sitzung habe bestätigt, dass nahezu alle Sitzungsteilnehmer weitere Zinserhöhungen in diesem Jahr für angezeigt gehalten hätten. Mögliche Aufwärtsrisiken für die Inflation oder die Gefahr, dass sich Inflationserwartungen auf einem überhöhten Niveau verfestigen würden, seien die Schlüsselfaktoren für die weitere geldpolitische Reaktion.

Mit Blick auf die Inflationsrisiken werde derweil derzeit oft darauf verwiesen, dass zwar die sog. Headline Inflation rückläufig seien, aber die Kernpreistrends weiterhin einen hohen Preisdruck aufwiesen. Dieses Argument sei zwar richtig, blende aber aus, dass die vorlaufenden Produzentenpreisdaten auch in vielen Kernkomponenten stark disinflationäre Entwicklungen aufweisen würden: Manche Preiskomponenten etwa bei Vorleistungsgütern seien bereits seit der Jahresmitte 2022 sogar auch absolut rückläufig. Insofern steige die Wahrscheinlichkeit nunmehr stetig an, dass auch der unterliegende Preistrend der Kernkomponenten auf der Ebene der Verbraucherpreise alsbald nach unten drehe.

Zentral dürfte jenseits dieser Überlegungen aber der Umstand sein, dass sich der US-Arbeitsmarkt weiter entspanne: Aus Sicht der Analysten sei dies unverändert der Schlüssel zur Projektion der mittelfristig unterliegenden Preisdynamik bzw. der Erreichung der Ziele der FED: Bis dato würden die offiziellen Daten zwar nur eine allmähliche Verringerung des Nachfrageüberhanges am US-Arbeitsmarkt aufweisen, nehme man zusätzliche "inoffizielle" Datensätze (wie z.B. etwa einschlägige Google-Daten) hinzu, dürfte mehr als die Hälfte der Wegstrecke zum Abbau der Ungleich-gewichte aber nunmehr durchmessen sein.

Die US-Notenbank habe auf der Sitzung Mitte Juni die Leitzinsen erwartungsgemäß unverändert gelassen, der Leitzinskorridor sei damit bei 5,00% bis 5,25% geblieben. Naturgemäß herrsche auch bei der US-Notenbank eine hohe Ungewissheit vor, wie sich die bisherigen Maßnahmen auf die US-Wirtschaft auswirken würden und wie sich die weitere geldpolitische Reaktion optimalerweise gestalten sollte. Obgleich die FED einen weiteren Zinsschritt auf der Sitzung am 25./26. Juli in Aussicht gestellt habe, zeige die jüngste Zinspause, dass der weitere Notenbankzinspfad nunmehr vor allem eines sei, nämlich datengetrieben.

Der nach der Juni-Sitzung veröffentlichte "Dot Plot" - der die Einschätzung der Sitzungsteilnehmer hinsichtlich des angemessenen Leitzinspfades widerspiegele - habe zwar noch einen zusätzlichen weiteren Schritt angedeutet, die jüngste Entwicklung mache diesen aber immer unwahrscheinlicher, sodass es die FED voraussichtlich bei einem weiteren Zinsschritt belassen dürfte: Die jüngsten Daten hätten hier zwar bereits deutlich unter Konsensus gelegen, ein massiverer Abwärtsdruck auf das Preisgefüge sei aber noch nicht aufgekommen. Bis zuletzt hätten die leistungsfähigsten Frühindikatoren für den Preisdruck in den USA aber auf eine anhaltende Entspannung verwiesen, aus Sicht der Analysten könne jetzt jeder US-Datenpunkt den finalen Durchbruch nach unten - also den "Game-Changer" - bei der US-Notenbank bringen.

Auf ihrer Sitzung Mitte Juni habe die EZB ihre drei Leitzinsen um je 25 Basispunkte angehoben und für Juli eine weitere Erhöhung um 25 Basispunkte avisiert. Damit würde der Einlagensatz dann bei 3,75% liegen. Die Analysten würden davon ausgehen, dass die EZB danach den Zinserhöhungsprozess beende, da sich der Preisauftrieb nunmehr auch in der Eurozone immer weiter abschwächen sollte. Vielen Ratsmitgliedern würden offenkundig mehr und mehr die Risiken eines nachhaltigen Abschwungs bewusst, der die EZB relativ rasch zu einer Kehrtwende zwingen könnte.

Die Analysten würden für die USA im Ergebnis noch einen Zinsschritt nach oben sehen, analog in der Eurozone. Auf Jahressicht würden sie die Renditen für die zehnjährigen Bundesanleihen mit einer zunehmenden Abwärtsbias unverändert auf rund 2,1% taxieren, die Projektionen für die US-amerikanischen zehnjährigen Benchmark-Sätze würden sie ebenfalls weiterhin bei Werten um 3,3% auf Sicht der nächsten zwölf Monate sehen. (14.07.2023/alc/a/a)