Inflationszahlen im Fokus, viel Bewegung an den Zinsmärkten


02.10.23 14:32
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Die abgelaufene Woche stand ganz im Zeichen von Inflationszahlen, so Franz Zobl, Tibor Lorincz und Gottfried Steindl, Analysten der Raiffeisen Bank International AG.

Die Inflationsveröffentlichung des Euroraums für September habe gute Nachrichten gebracht. Die Gesamtrate sei von 5,2% p.a. im August auf 4,3% zurückgegangen, während der Rückgang der Kernrate die Erwartungen der Analysten sogar übertroffen habe und 4,5% p.a. betrage, gegenüber 5,3% im August. Sowohl die Lebensmittelinflation als auch die Energieinflation seien wie erwartet zurückgegangen und die Waren- und Dienstleistungsinflation seien schneller als von den Analysten erwartet gesunken. Die saisonale Entwicklung der letzten drei Monate beginne nun bei der Waren- als auch bei der Dienstleistungsinflation dem Muster vor der Pandemie zu ähneln. Aufgrund von Basiseffekten dürfte die Inflation im Oktober weitere gute Nachrichten bringen, wobei die Gesamtinflation auf nahezu 3% p.a. fallen dürfte.

Nächste Woche würden noch ausstehende Einkaufmanagerindices sowie Industriedaten in der Eurozone veröffentlicht. Die Schnellschätzungen der Einkaufsmanagerindices seien für die Eurozone bereits letzte Woche veröffentlicht worden. Zur Erinnerung: Im Verarbeitenden Gewerbe sei ein marginaler Rückgang und im Dienstleistungsbereich ein kleiner Anstieg verbucht worden. Beide Ergebnisse seien von den starken Rückgängen in Frankreich geprägt gewesen.

Für die noch ausstehenden Resultate für weitere Länder wie Italien und Spanien bedeute dies, dass für beide Wirtschaftssektoren eine Verbesserung der Stimmung zu erwarten sei. Des Weiteren seien Industriedaten von Interesse. Die Stimmungsumfragen würden eine Rezession des Industriesektors im Sommer/ Herbst signalisieren. Entsprechend würden die Analysten für Frankreich und Spanien einen Rückgang der Produktionstätigkeit im August vs. Juli ansetzen.

In den USA stünden nächste Woche Arbeitsmarktdaten im Mittelpunkt des Interesses. Am Freitag würden im Rahmen des monatlichen Arbeitsmarktberichts Daten zur Beschäftigung, die Arbeitslosenquote und das Lohnwachstum veröffentlicht. Aber auch die Daten über offene Stellen zu Beginn der Woche (JOLTS) würden die Märkte bereits beschäftigen.

Die Quote der offenen Stellen gehöre zu den von der FED am genauesten beobachteten Indikatoren für die Lage am Arbeitsmarkt. Im Allgemeinen habe sich der Stellenzuwachs in den letzten Monaten verlangsamt, sei aber nach wie vor stark. Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt scheinen sich einander anzunähern. Eine weitere Bestätigung dieses Trends wäre ein positives Zeichen für die FED und ein Hinweis darauf, dass das derzeitige Niveau der Leitzinsen tatsächlich restriktiv genug sein könnte.

Neben den Arbeitsmarktdaten seien vor allem die ISM-Indices von Interesse. Hier stelle sich die Frage, ob der ISM Index für das Nicht-Verarbeitende Gewerbe seine Position über 50 Punkte verteidigen könne. Der ISM-Index für das Verarbeitende Gewerbe werde nun schon seit fast einem Jahr unter 50 Punkten gemeldet. Im Euroraum hätten die PMIs für den Dienstleistungssektor zuletzt negativ überrascht, während das schrumpfende Verarbeitende Gewerbe keine Anzeichen für einen Aufschwung erkennen lasse. Die US-Daten hätten sich besser gehalten, die US-Wirtschaft sei also widerstandsfähiger, aber werde das so bleiben?

An den Zinsmärkten habe es diese Woche viel Bewegung gegeben. Am auffälligsten sei gewesen, dass die Rendite der zehnjährigen deutschen Bundesanleihe fast die 3%-Marke erreicht habe, ein Niveau, das vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen sei. Das US-Pendant, die zehnjährige Treasury-Rendite, sei auf über 4,6% gestiegen. Da das lange Ende der Renditekurve angestiegen sei, seien die Benchmark-Renditekurven steiler geworden, und die Renditeabstände zwischen zehn- und zweijährigen Anleihen würden sich nun in einem Bereich von minus 30 bis minus 50 Basispunkten bewegen.

Während die Zentralbanken und die Inflation im derzeitigen Marktumfeld eine zentrale Rolle spielen würden, könne der Anstieg der langfristigen Renditen kaum auf grundlegende Änderungen des geldpolitischen Ausblicks zurückgeführt werden. Vielmehr sei ein deutlicher Anstieg der Risiko-/Laufzeitprämie zu beobachten. Eine Vielzahl von Faktoren könnte zu einem Marktszenario/einer Marktstimmung beigetragen haben, in dem die Anleger es als klug errachten würden, das Durationsrisiko zu reduzieren und sich am kurzen Ende der Renditekurve zu attraktiven Niveaus zu positionieren.

Themen zur Fiskalpolitik würden zu dieser Unsicherheit beitragen (höhere prognostizierte Haushaltsdefizite in Italien und Frankreich sowie der drohende US-Shutdown). Darüber hinaus schüre die Betonung der FED (und der EZB) auf "hoch-für-länger" die Unsicherheit über das längerfristige (Gleichgewichts-)Niveau der Leitzinsen der Zentralbanken. Außerdem könnte die Uneinigkeit im EZB-Rat über den Umgang mit der hohen Überschussliquidität zu einer größeren Risikoaversion gegenüber Durationsrisiken geführt haben. Alles in allem habe sich die Stimmung an den Märkten eingetrübt. Die Analysten würden davon ausgehen, dass dieses Umfeld nicht allzu lange anhalten werde, und erwarten, dass die langfristigen Benchmark-Renditen von ihrem derzeitigen Niveau aus wieder sinken würden. (Ausgabe vom 29.09.2023) (02.10.2023/alc/a/a)