Inflation wird hoch bleiben


02.02.22 11:39
BNP Paribas

Paris (www.anleihencheck.de) - Die Inflation wurde von den Notenbanken lange Zeit als vorübergehendes Phänomen bezeichnet, so die Analysten der BNP Paribas in ihrer aktuellen Ausgabe von "Märkte & Zertifikate".

Inzwischen könne dies als Fehleinschätzung gewertet werden, denn auch gut ein Jahr nach Beginn der kräftigen Preisanstiege würden sich die Teuerungsraten dies- und jenseits des Atlantiks hartnäckig auf hohem Niveau halten. So seien etwa die US-Verbraucherpreise im Dezember auf Jahressicht um 7,0 Prozent gestiegen, was der kräftigste Anstieg seit beinahe 40 Jahren gewesen sei. Im November habe die Teuerungsrate noch bei 6,8 Prozent gelegen. Der lediglich leichte Anstieg auf 7,0 Prozent habe am Markt Hoffnungen aufkommen lassen, die Teuerung könnte damit ihren Gipfel erreicht haben. Und die Chancen dafür stünden recht gut, denn die Basiseffekte bei den Energiepreisen dürften in den kommenden Monaten kleiner werden.

Als Beispiel könnten die Rohölpreise herangezogen werden. Der Preis für Rohöl der US-Sorte WTI habe Mitte Januar bei etwa 81,60 US-Dollar je Barrel (etwa 159 Liter) und damit gut 57 Prozent über Vorjahresniveau notiert. Sollte der WTI-Preis bis Mitte März in etwa auf diesem Niveau verweilen, würde die Zwölf-Monats-Performance auf 26 Prozent sinken. Da die Energiepreisexplosion den Inflationsschub immens beschleunigt habe, könnte der Inflationsdruck somit in den kommenden Monaten zumindest von dieser Seite deutlich nachlassen.

Allerdings drohe Ungemach von einer anderen Seite. Der US-Arbeitsmarktbericht für Dezember habe viele Fragezeichen hinterlassen. Nach Angaben des Bureau of Labor Statistics sei die Zahl der Beschäftigten außerhalb der Landwirtschaft in den USA im Dezember nur um 199.000 gestiegen - der Markt habe mit mehr als doppelt so vielen Neubeschäftigungen gerechnet. Dennoch sei die getrennt ermittelte Arbeitslosenquote in den USA von 4,2 auf 3,9 Prozent gesunken und habe damit wieder das Vorkrisenniveau erreicht.

Viele Unternehmen würden gerne neue Mitarbeiter einstellen, doch scheine der Markt für Arbeitswillige auszutrocknen. Neue Mitarbeiter könnten nur noch über höhere Löhne geködert werden, was die durchschnittlichen Stundenlöhne im Dezember bereits deutlich habe steigen lassen - im Vergleich zum Vorjahr seien diese um 4,7 Prozent gestiegen. Eine Entwicklung, die den US-Währungshütern Schweißperlen auf die Stirn treiben dürfte, denn es drohe der sogenannte Zweitrundeneffekt.

Aus Einmaleffekten wie den derzeit stark erhöhten Energie- und Rohstoffpreisen sowie den Lücken in den Lieferketten, die zu Angebotsengpässen und damit zu steigenden Preisen führen würden, könnte dauerhafter Inflationsdruck entstehen. Nämlich dann, wenn die Beschäftigten höhere Löhne und Gehälter durchsetzen würden, um ihre verlorene Kaufkraft zurückzugewinnen. Die Unternehmen wiederum könnten darauf reagieren, indem sie ihre gestiegenen Arbeitskosten an die Verbraucher oder die Kunden weiterreichen und die Preise für Produkte oder Dienstleistungen erhöhen würden. Und schon käme die gefürchtete Lohn-Preis-Spirale im Gang.

Die US-Notenbank habe dieses Problem bereits erkannt und den Ausstieg aus ihrer ultralockeren Geldpolitik bekannt gegeben. Zunächst hätten die US-Währungshüter beschlossen, die monatlichen Anleihekäufe von 120 Milliarden US-Dollar ab November schrittweise um 15 Milliarden Dollar pro Monat reduzieren zu wollen, womit das Kaufprogramm im Juni 2022 ausgelaufen wäre. Mit ersten Zinserhöhungen wäre dann im Anschluss zu rechnen gewesen.

Doch die sich hartnäckig haltenden Inflationsrisiken, zu denen nun auch die drohende Lohn-Preis-Spirale gehöre, hätten die US-Notenbank nur wenige Wochen später dazu bewegt, ihre Abkehr vom Krisenmodus zu beschleunigen. Das Kaufprogramm solle nun schon im März 2022 auslaufen. Am Markt werde auch für März bereits eine erste Zinserhöhung eingepreist. Auf Basis der an den Terminmärkten gehandelten FED Funds Futures gehe der Markt in diesem Jahr sogar bereits mehrheitlich von vier Zinsschritten von 25 Basispunkten aus.

Europa hänge der Entwicklung in den USA zwar etwas hinterher, doch hätten die Verbraucherpreise auch im Euroraum zuletzt stark zugelegt. Im Dezember habe die Jahresteuerung in einer ersten Schätzung bei 5,0 Prozent gelegen - der höchste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen von Eurostat im Jahr 1997. Noch etwas schlimmer habe es in Deutschland ausgesehen. Hier habe die Teuerungsrate im Dezember bei 5,3 Prozent und damit auf einem 29-Jahres-Hoch gelegen. Für die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, kein Grund, an der nach wie vor ultralockeren Geldpolitik der EZB zu zweifeln. Lagarde sei bis zuletzt stur bei ihrer Einschätzung geblieben, dass die Inflation ein vorübergehendes Phänomen darstelle und mit Zinserhöhungen seitens der Europäischen Zentralbank in diesem Jahr nicht zu rechnen sei.

Europa drohe "grüne Inflation". Auch in Europa dürften die Basiseffekte bei den Energiepreisen in den kommenden Monaten kleiner werden. Und die Gefahr einer drohenden Lohn-Preis-Spirale sei noch nicht so akut wie in den USA. Doch Europa könnte mittelfristig ein anderes Problem bekommen - die Rede sei von einer sogenannten "grünen Inflation". Denn im Gegensatz zu den USA verfolge Europa eine sehr ehrgeizige Klimapolitik, die für zusätzliche Inflationsrisiken sorgen könnte. Stark steigende Rohstoffpreise würden nach Ansicht von Wirtschaftsexperten den geplanten Übergang zu kohlendioxidfreier Stromerzeugung gefährden. Eine verhängnisvolle Spirale von knappem Angebot und hoher Nachfrage könnte entstehen und eine "grüne Inflation" auslösen. Im Englischen habe sich hier bereits der Begriff "Greenflation" etabliert.

Auch der globale Chefstratege des US-Investmenthauses Morgan Stanley, Ruchir Sharma, erwarte eine Teuerungswelle durch die Energiewende: "Steigende Nachfrage und sinkendes Angebot werden die Preise weiter nach oben schießen lassen." Anfang Januar habe auch EZB-Direktorin Isabel Schnabel auf dieses Problem hingedeutet. Die Wende zu grünen Energiequellen beinhalte laute Schnabel das Risiko einer mittelfristig höheren Inflation. Wenn Energie teurer werde, könne dies die EZB zu einer früheren Abkehr von ihrer bisherigen Geldpolitik veranlassen. (Ausgabe Februar 2022) (02.02.2022/alc/a/a)