Inflation und Aggression - Notenbanken werden hin- und hergerissen


03.03.22 12:48
SIGNAL IDUNA AM

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Wenn wir in ein paar Jahren auf die vergangenen Wochen zurückblicken, werden wir vermutlich wissen, ob sie der Wendepunkt der sich über mehr als vierzehn Jahre hinziehenden Marktphase des "Whatever it takes!" waren, so die Experten von SIGNAL IDUNA Asset Management.

Stand heute wisse man nur, dass die Inflation in einem stärkeren Umfang präsent sei, als das die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-Notenbank (FED) vorhergesehen und in ihre Zinspolitik einkalkuliert hätten.

Reagiert hätten die beiden über verbale Maßnahmen hinaus bislang nicht. Solle der US-Dollar auf Sicht der kommenden Monate stabil bleiben und so zumindest den importierten Teil der US-Inflation nicht weiter steigern, müsse die FED die in Aussicht gestellten Zinsanhebungen umsetzen. Die Notenbanken einiger - zumindest wirtschaftlich - kleinerer Länder wie Großbritannien, Tschechien, Australien oder Brasilien hätten hingegen bereits die Zinsen angehoben.

Mit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine sei für die EZB der Druck zu handeln nochmals gestiegen. Auf der einen Seite böte das vermutlich in der Folge sinkende Konsumentenvertrauen einen Anlass, bei der Liquiditätszufuhr nicht auf die Bremse zu treten. Andererseits würde ein in der Folge schwächelnder Euro den Einfluss steigender Energiepreise auf die hiesige Inflation verstärken.

Für die Akteure am Rentenmarkt sei die russische Aggression nach der Inflation ein weiterer Anlass, die Bewertungsniveaus, die sich in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten entwickelt hätten, kritisch zu hinterfragen. Doch so lange die Notenbanken den Geldhahn nicht beginnen würden zuzudrehen, werde die Frage nicht ehrlich beantwortet werden.

Ältere Marktteilnehmer könnte die Gemengelage aus Bewertungsverzerrungen, aufgeblähten Notenbankbilanzen und kriegerischem Konflikt an die Jahre 2000 bis 2002 erinnern. Sehe man in den aktuellen Ereignissen Vorboten einer möglicherweise ähnlichen Entwicklung, werde es in den kommenden Wochen darauf ankommen, verstärkt auf die Qualität des eigenen Portfolios zu achten.

Das schließe nicht aus, dass man weiterhin auch abseits der großen Währungsblöcke in Fremdwährungen erfolgreich unterwegs sein könne. Die eingangs erwähnten Währungen wie der Brasilianische Real oder der Austral-Dollar seien attraktive Kandidaten. Doch während sich die Coupons in den Jahren zuvor durch den Einkauf von Kreditrisiken in höher verzinsten Währungen vermeintlich gefahrlos hätten steigern lassen, sei die Bonität der jeweiligen Emittenten wieder ein verstärkt zu berücksichtigender Faktor. Denn steigende Einkaufspreise würden ihre Spuren in den Unternehmensbilanzen und damit mittelbar auch in den Staatshaushalten hinterlassen, was Anleihegläubiger über die allgemeinen Zinsänderungsrisiken hinaus aufmerken lassen sollte.

Mit der Bonität einhergehen sollte ein besonderer Fokus auf der Liquidierbarkeit der ins Auge gefassten Anleihen liegen. Zwar würden die Illiquiditätsprämien steigen und insofern eine Versuchung darstellen. Wer aber kein eigenes Geld investiere, sondern das Geld Dritter verwalte, müsse sich bewusst sein, dass außergewöhnliche Marktphasen auch die Nerven krisenerprobter Anleger strapazieren und damit dem Entzug der anvertrauten Mittel führen könnten.

Allerdings hätten sich Investoren in den vergangenen vierzehn Jahren glücklicherweise in kaum einer Krise erproben müssen. Für jüngere Anleger wäre es demzufolge die erste. Entsprechend hoch könnten die Mittelabzüge ausfallen. Aber auch das werde man in ein paar Jahren rückblickend besser beurteilen können. (03.03.2022/alc/a/a)